Worauf warten wir noch? (2016)

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Eine kleine Gemeinde spart Geld und Treibhausgase ein. Statt Steuern zu erhöhen oder Angestellte zu entlassen, schafft sie zudem neue Stellen. Was das alles mit Umweltschutz und Energiewandel zu tun hat, zeigt Marie-Monique Robins „Worauf warten wir noch?“.

Worauf warten wir noch? (2016)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ein Dorf im Wandel

Dass der globale Kapitalismus ohne massive Kurskorrektur gegen die Wand fahren wird, dürfte selbst seinen härtesten Verteidigern längst dämmern. Seit Jahren zeigen Regisseur*innen Wege für alternative Wirtschaftsordnungen und Arbeitswelten, Lebensmittelerzeugung, Energiegewinnung und Verkehrssysteme auf. Was vielen ihrer Werke abgeht, vereint Marie-Monique Robins Dokumentarfilm: anschauliche, für (fast) jeden Geldbeutel umsetzbare Beispiele, ein unvoreingenommener Blick und ein undogmatischer Ton.

Dafür reicht Robin ein Handlungsort aus. Andere Filme unternehmen eine Weltreise, um ihre Ideen einzusammeln. Die 1960 in Westfrankreich geborene Investigativjournalistin und Dokumentarfilmerin begibt sich an die Ostgrenze der Grande Nation: ins 2000-Seelen-Dorf Ungersheim im Elsass, 100 Kilometer südlich von Straßburg, wo Robin einst studierte. Die ehemalige Bergbaugemeinde ist seit 2009 im Wandel: Mit „21 Aktionen für das 21. Jahrhundert“ will sie weg von der Abhängigkeit fossiler Brennstoffe, von Wirtschafts- und Finanzkreisläufen hin zur Selbstversorgung. Treibende Kraft dahinter ist der Bürgermeister mit dem so schönen wie treffenden Namen Jean-Claude Mensch. Vor der Stilllegung der Minen fuhr er selbst 35 Jahre in den Stollen ein.

Damit Robins heimisches Publikum weiß, wo die dokumentarische Reise hingeht, lässt sie den für französische Ohren ungewohnten Namen erst einmal buchstabieren. Jean-Louis Valéros Musik tänzelt, Françoise Boulègues Montage reiht die Talking Heads des Films amüsant aneinander. Die kurze Einführung gibt die Richtung vor. Worauf warten wir noch? stürzt sich mitten hinein ins Dorfleben, überlässt es Ungersheims Bürgern, sich den Zusehenden vorzustellen, ihre Erfolge und Hoffnungen vor Guillaume Martins Kamera auszubuchstabieren. Die Regisseurin hält sich angenehm im Hintergrund. Der Ton bleibt neugierig tänzelnd und verspielt, weil hier keine hochtrabenden Theoretiker, sondern bodenständige Pragmatiker am Werk sind, die durch ihre Erfahrungen vor Ort freilich längst zu Experten für Transformationsprozesse geworden sind.

Manche Ideen leuchten sofort ein, etwa die, die lokale, vollkommen auf Pestizide und Dünger verzichtende Landwirtschaft zu fördern. Das hält die Wege kurz und die Böden sauber. Dass die Ungersheimer bei der Ernte zu Pferd und Pflug greifen und manche von ihnen auch sonst gern mit der Kutsche durch den Ort fahren, erscheint auf den ersten Blick indes ebenso rückwärtsgewandt und fortschrittsfeindlich wie mit Stroh gedämmte Passivhäuser. Bei näherer Betrachtung sind die uralten Methoden für ein möglichst emissionsfreies Leben nur ein weiterer konsequenter Schritt. Selbstredend täte es auf der Straße auch ein Elektro-Auto, ein Feld ließe sich damit allerdings nur schwer bestellen. Auch ein energieneutrales Eigenheim kann sich nicht jeder leisten, teurer als ein normales ist es aber auch nicht.

Die in Ungersheim umgesetzten Ideen sind nicht neu. Sie basieren auf denen der britischen „Transition-Town-Bewegung“. Deren Vorreiter Rob Hopkins ist ein gern gesehener Gast in Dokumentarfilmen, etwa in dem nur ein Jahr vor Robins Film entstandenem Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen (2015). Und auch in Worauf warten wir noch? schaut der Umweltschützer auf Einladung der Gemeinde kurz vorbei. Er bleibt der einzige außenstehende Experte, was Robins Beitrag vom Großteil vergleichbarer Produktionen erfrischend abhebt.

Wie schon Tomorrow oder auch Das Wunder von Mals (2018) über die erste „pestizidfreie Gemeinde“ Europas lebt auch Worauf warten wir noch? von der Aufbruchsstimmung seiner Protagonisten. Jean-Claude Menschs Enthusiasmus steckt letzten Endes selbst den skeptischen Maisbauern und Gemeinderat Aimé Moyses ein wenig an. Der vom Veterinär zum Landwirt umgeschulte Jean-Sébastien Cuisnier oder das 82-jährige Urgestein Alice Schneider sind sowieso mit Begeisterung dabei. Diese Stimmung überträgt sich auch in den Kinosaal, zumal sie nicht wie in anderen Filmen durch ein übertriebenes Geltungsbedürfnis der Filmschaffenden torpediert wird.

Robins zurückgenommene Regie, die weder kommentiert noch kritisch nachhakt, lässt aber auch einige Fragen offen. Wie der lokale Wirtschaftskreislauf mit der eigenen Währung „Radis“ funktioniert, ist eine davon. Hier ließen sich Tomorow mit seinem forschend-didaktischen und Worauf warten wir noch? mit seinem beobachtenden Ansatz gut kombinieren. Jener Film vermittelt, warum ein Wandel notwendig ist, dieser zeigt, dass das auch ohne zu predigen und andere auszuschließen, sondern ganz im Gegenteil mit viel politischer und sozialer Teilhabe gelingen kann.

Worauf warten wir noch? (2016)

Der britische Forscher und Aktivist Rob Hopkins gilt als Erfinder  und Vordenker der Transition-Towns-Bewegung, die Strategien und Praktiken für das postfossile Zeitalter plant und die seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt installiert hat.

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