Woodshock

Woodshock

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Welten von Verlorenheit

Der amerikanische Redwood ist ein Küstenmammutbaum, der bis zu 110 Metern hoch werden kann. Sein Stammumfang reicht bis zu 30 Meter, seine Wurzeln sind tief in der Erde verankert – und das macht ihn zu einem der weltweit größten und mächtigsten Gewächse. Wenn man ihn denn in Ruhe lässt.
Theresa (Kirsten Dunst) ist eine junge Frau, die im Haus ihrer Mutter am Rand eines Redwood-Waldes lebt, und wie diese anmutigen Bäume könnte sie ein stolzes, mächtiges Wesen sein, dessen Empathie und Feingefühl die Menschen um sie herum beflügelt und ihnen hilft. Doch ganz wie die Bäume, die weiter abgeholzt werden, obwohl vom Aussterben bedroht sind, wird auch Theresa in ihrer Entwicklung radikal gestört. Man könnte sagen sie leiden alle unter Woodshock.

Theresa arbeitet mit ihrem Kindheitsfreund Keith (Pilou Asbæk) in einem kleinen Laden, in dem man legal Cannabis erwerben kann. Gemeinsam mit ihrem Freund Nick (Joe Cole) ist sie gerade in das Haus ihrer Mutter am Rand eines großen Redwood-Waldes gezogen– eine etwas makabre Wahl, da Nick sein Geld mit der Abholzung desselbigen verdient. Er ist so gut wie nie da, Theresa ist im Haus allein. Und das ist nicht gut, denn vor nur kurzer Zeit hat sie hier ihrer Mutter Sterbehilfe geleistet. Man weiß nicht, was es genau ist, aber in einer dunkelbraunen Phiole ist ein Mittel, das Theresa und Keith herstellen können – und mit ihm konnten sie Theresas Mutter das Ende erleichtern. Doch dieser Akt hat Spuren hinterlassen. Theresa ist hochdepressiv und leidet sehr. Hilfe bekommt sie keine. Weder Nick noch Keith interessieren sich für sie. Ein fataler Fehler, denn alsbald fängt Theresa an, sich mit dem Mittel, das sie ihrer Mutter gab, in geringerer Menge selbst zu medikamentieren. Und dabei erlebt sie unglaubliche psychedelische Trips, die sie immer wieder im magischen Mammutbaumwald verankern, wo nur sie, die Sonne und die Bäume sind, die ihr als Schutz und Trost dienen. Doch dann begeht sie im Rausch einen schwerwiegenden Fehler und vertauscht versehentlich eine normale Dosis Cannabis mit einer, die für einen weiteren Menschen präpariert war, der selbstbestimmt sterben wollte. Ab da beginnt Theresa langsam aber sicher verrückt zu werden – ein Akt, der ungleich vieler andere Filme mit Frauen, die an psychischen Störungen leiden, nicht in Selbst-Verletzungen und Suizid endet, sondern in einem Ausbruch von Gewalt gegen andere.

Woodshock ist der erste Film der Schwestern Kate und Laura Mulleavy, besser bekannt als die Fashiondesignerinnen Rodarte, deren erste Begegnung mit dem Film bei Darren Aronofskys Black Swan stattfand. Dort hatten sie geholfen, die Kostüme zu entwerfen. Mit ihrem Erstlingswerk haben sie ihre ästhetischen Visionen von Femininität nun filmisch umgesetzt und das Ergebnis ist ein wahrlich atemberaubend schöner Film, der sein ganz eigenes Biest ist und gleichzeitig visuell an andere Werke mit Kirsten Dunst wie Melancholia und The Virgin Suicdes erinnert. Es sind vor allem die leicht psychedelischen, verträumten Sequenzen, die dem Werk seine ambitionierte ästhetische Note geben. So schreitet Theresa, oft in Baumwollnachthemdchen und barfuß, durch die unwirklichen Wälder, während in ihrem Kopf und auf der Bildebene unzählige Bilder, von ihrem Gesicht, über Sonnenblenden bis hin zu flatternden Motten, ineinander blenden. An anderen Stellen levitiert Theresa langsam aufwärts zu den Baumkronen, die sie allerdings nie zu erreichen scheint. Ansonsten verlässt sich der Film vor allem auf eines: Kirsten Dunst. Dass sie eine überragende Schauspielerin ist, die sich bestens mit Frauen in Depressionen und anderen psychisch labilen Zuständen auskennt, ist offensichtlich. Dunst spielt Theresa routiniert. Jede noch so kleine Geste, jeder Blick aus ihren blauen Augen sitzt perfekt und vermag – ohne dass sie jemals viele Wort verliert – ganze Welten von Verlorenheit in sich tragen.

Das Problem ist, dass es lange Zeit nur dabei bleibt. Der zweite Akt und Teile des dritten sind ewige Wiederholungen und ästhetische Spielereien. Woodshock gerät alsbald ins Stocken, als gingen ihm die Ideen auf der Erzählebene aus, aber nicht in der Ästhetik, so dass die dann alle noch durchgespielt werden wollen. Und so zieht sich das Werk alsbald sehr in die Länge und verrät eine innere Leere und Ahnungslosigkeit, die sich erst kurz vor dem doch noch halbwegs versöhnenden Ende wieder löst. Dazwischen bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an Kirsten Dunsts Gesicht und den audiovisuellen Experimenten festzuhalten, solange es nur geht.

Woodshock

Der amerikanische Redwood ist ein Küstenmammutbaum, der bis zu 110 Metern hoch werden kann. Sein Stammumfang reicht bis zu 30 Meter, seine Wurzeln sind tief in der Erde verankert – und das macht ihn zu einem der weltweit größten und mächtigsten Gewächse. Wenn man ihn denn in Ruhe lässt.
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