Wolken

Wolken

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Himmlische Szenarien

Treffender und konkreter kann ein Titel nicht exakt das bezeichnen, was in einem Film zu sehen ist, denn in dieser Dokumentation der Filmemacherin Marion Hänsel geht es genau um diese bewegten Himmelsgestalten. Zudem ist Wolken – Briefe an meinen Sohn / Nuages: Lettres à mon fils ein Film, wie er persönlicher nicht sein könnte, denn die Regisseurin, die auch das Drehbuch verfasste und selbst die Produktion übernahm, lässt darin Auszüge aus zahlreichen fiktiven Briefen, die sie seit Beginn der Schwangerschaft an ihren mittlerweile erwachsenen Sohn geschrieben hat, verlesen – Briefe mit so differenzierten und wandelbaren Stimmungen wie es Wolken am Himmel gibt.
Wolken am Himmel. Bei Tag, bei Nacht, vor dem Mond und der Sonne, strömend regnend, still verharrend und zügig dahinziehend. Formationen verbundener Wassertröpfchen im Gebirge, an Wäldern, über Wasserfällen und Seen sowie gespiegelt in den Fassaden glänzender Wolkenkratzer. Rauchwolken aus mächtigen Schornsteinen und schließlich auch Wolkengemälde berühmter Maler – allerhand Bildgewaltiges rund um das Thema dieses meteorologischen Phänomens, das nur allzu gern als Symbol für seelische Befindlichkeiten und Imaginationen bemüht wird, hat Marion Hänsel in über zwölf Ländern und allen vier Jahreszeiten gesammelt und zu einer filmischen Liebeserklärung an ihren Sohn inszeniert.

Begleitet werden die teils stillen, teils mit atmosphärischer, doch auch rhythmisch gestalteter Musik von Mike Galasso unterlegten Szenarien von Textpassagen mit den Gedanken einer Mutter über ihren Sohn durch die Jahre seines Heranwachsens. Vom anfänglichen Empfinden einer Unfreiheit durch die Existenz eines kleinen hilflosen Wesens über gewaltige Freude und nagende Verlustängste bis hin zum schmerzlichen Loslassen des erwachsenen Sohnes gleichen die ambivalenten Worte einer Art geführten Meditation, die der lyrischen Dokumentation formal und inhaltlich ihre Struktur gibt. Auf deutsch werden die Texte von der Schauspielerin Barbara Auer intoniert, und für die französische Fassung konnte gar die verführerische Stimme Catherine Deneuves gewonnen werden. Für die Regisseurin, deren neuer Film Als der Wind den Sand berührte / Si le Vent soulève les Sables in diesem Sommer in die Kinos kam, ist die Passion für Wolken eng mit ihrer persönlichen Geschichte verbunden, und sie hat ihre emotionalen Bilder in Wolkengebilde übersetzt und dramaturgisch aus ihrem erstaunlich vielfältigen und beeindruckenden Material gestaltet. Für den Zuschauer ist es mitunter nicht leicht, diesem sehr individuell konstruierten Arrangement vollständig zu folgen, einerseits den zum Imaginieren einladenden Bildern und andererseits den Stimmungen einer Mutter, die bemüht ist, den notwendigen und schwierigen Balanceakt zwischen ihrer Arbeit, die sie oft weit von zu Hause fort führt, und der Fürsorge ihrem Sohn gegenüber zu bewältigen. Bei Zeiten ist man versucht zu bemerken, ähnlich wie das sorglose Kind, das nach der ungestörten Präsenz seiner Mama verlangt: Mach dir das Herz nicht so schwer, erfreue dich schlicht an deinem Sohn und deiner Arbeit, es ist alles gut, wie es ist. Und lass die Wolken einfach vorüberziehen.

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Treffender und konkreter kann ein Titel nicht exakt das bezeichnen, was in einem Film zu sehen ist, denn in dieser Dokumentation der Filmemacherin Marion Hänsel geht es genau um diese bewegten Himmelsgestalten.
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