Winterkinder – Die schweigende Generation

Winterkinder – Die schweigende Generation

Eine Filmkritik von Gesine Grassel

Spurensuche in der eigenen Familie

War der eigene Großvater ein Nazi? Gibt es eine Diskrepanz zwischen öffentlicher Verurteilung und privater Erinnerung? Nach Horst Buchholz … mein Papa und 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß kommt eine weitere autobiografische Spurensuche in die Kinos, die noch ehrlicher und brutaler ist als die Vorgänger.

Die Suche nach den eigenen Wurzeln beschäftigt Jens Schanze schon eine ganze Weile. Als Absolvent der HFF München entscheidet er sich für eine filmische Aufarbeitung der Familiengeschichte. Als Regisseur und Autor befragt er seine Eltern und die vier Schwestern zu ihren Erinnerungen. Schnell wird klar, dass die NS-Vergangenheit in der Familie bisher ein Tabu war. Die Rolle des Großvaters als aktiver Nationalsozialist wurde sechzig Jahre lang totgeschwiegen.

Die Spurensuche des Enkels nach Vergangenheit, Leben und Identität des Großvaters führt zunächst zur Mutter. Jens Schanze hinterfragt die Einstellung der Mutter zu deren Vater sehr genau. Manchmal mit einer fast schmerzlichen Intensität. Man sieht die Mutter innerlich kämpfen und ihr Bild des Vaters hin und her rücken. Durch aufwühlende Fragen setzt sie die Eindrücke der Vergangenheit zusammen, betont, dass er nicht aktiv in die Verbrechen verwickelt war. Man merkt ihre Angst und Unsicherheit bei jedem Satz, den geliebten Vater ins schlechte Licht zu rücken. Der Krieg als traumatisches Erlebnis hat sie geprägt und es ist offensichtlich, wie ungern sie an diese Zeit zurück denkt und eventuell Erinnerungen relativieren muss.

Der Film bleibt jedoch nicht bei der Suche nach dem Großvater stehen. Schanze thematisiert plötzlich die gesamte Familie und löst eine emotionale Auseinandersetzung untereinander aus. Das Verhältnis der Kinder zur Mutter, eigene Ängste und Sehnsüchte kommen zur Sprache.

In einer sehr intimen und persönlichen Art entstand ein Dokumentarfilm, der es in sich hat. Mehrfach wird betont, dass die Familie nur eine von vielen mit dem gleichen Schicksal ist. Jens Schanze lässt die gesamte Familie eine schmerzhafte und emotionale Entwicklung durchmachen, um vielleicht am Ende klarer zu sehen. Zunächst vorsichtig beginnt er die Geschichte seines Großvaters zu ergründen. Der Film und die Vorgehensweise haben nur ein Problem: Im Laufe der Recherche bleibt Schanze bei der Mutter stehen. Mit teilweise brutaler und erdrückender Ehrlichkeit quält er sie, versucht die Balance zwischen Fragen und Verurteilen zu halten. Das Bild des Großvaters bleibt dabei schemenhaft. Wie die Mutter am Ende treffend bemerkt: „Es bleiben ganz viele Fragen offen. An meiner Liebe zu ihm hat sich nichts geändert.“
 

Winterkinder – Die schweigende Generation

War der eigene Großvater ein Nazi? Gibt es eine Diskrepanz zwischen öffentlicher Verurteilung und privater Erinnerung?

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