Wilde Unschuld

Wilde Unschuld

Eine Filmkritik von Tomasz Kurianowicz

Ein psychologisches Verwirrspiel

Wilde Unschuld / Savage Grace stößt den Zuschauer in ein psychologisch komplexes Verwirrspiel. Schon die ersten 10 Minuten werden dem mysteriösen Titel gerecht und geben Einblick in eine vertrackte Zweier-Beziehung, die sich ganz unprätentiös offenbart: Barbara Daly (Juliane Moore) und Brooks Baekeland (Stephen Dillane) sind ein scheinbar tadelloses Paar. Aus der Oberschicht stammend, verkörpern sie die Upper-Class der amerikanischen Industrie-Elite mit all der mondänen und betont dekadenten Unbeschwertheit, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in besser gestellten Kreisen gelebt wurde. Doch in den Dialogen zeigt sich der zurückhaltend-schroffe Umgang der beiden Lebenspartner, die sich listig umeinander winden, um sich spitzzüngig abzustoßen und zu verletzen. Es ist auch ein Schichten spezifisches Duell, das hier ausgetragen wird: Denn Barbara hat den Großerben Brooks geheiratet, ohne das Regelwerk seiner sozialen Herkunft bis ins Letzte zu begreifen: eine Schauspielerin, neureich in die Verhältnisse hineingeworfen, genießt die Vorzüge der finanziell abgesicherten Millionärswelt, ohne ihrem künstlerischen Habitus völlig abzuschwören. So richtet Barbara ihren ungeteilten Eifer nicht auf den verständnislosen Mann, sondern auf das wahre Objekt ihrer Begierde, den noch in Windeln liegenden Sohn Tony. Brooks scheint die bedenkliche Nähe zu spüren und verhält sich seinem Kind gegenüber kühl und distanziert, so als ob das freudsche Damokles-Schwert längst vom Rosshaar gerissen wäre und seine folgenschwere Entscheidung gefällt hätte.
Wilde Unschuld / Savage Grace ist ein durch und durch psychologisches Werk, das wie eine Mixtur aus Bertolucci und Thomas Mann die Grenzen der gesellschaftlichen Konventionen vorsichtig abtastet. In sechs Abschnitten und zwei Jahrzehnten wird die Entwicklung einer nach Nähe schreienden Mutter und ihrem emotional wie sexuell verwirrten Sohn gezeigt, melancholisch-trüb von Eddie Redmayne in Szene gesetzt. In dem biographischen Film zeigt sich das ewige Ringen der Geschlechter - ob nun auf Seiten von Tony, der nach einer herben Enttäuschung seine Blicke auf andere Männer richtet, oder auf Seiten von Barbara, die sich von ihrem Ehemann verraten fühlt und sich ihrem Sohn in bestürzender Weise öffnet.

Regisseur Tom Kalin arbeitet mit einem alt bekannten, jedoch überaus wirkungsvollen filmischen Verfahren: Die leise, fast träge, von leuchtenden Szenerien begleitete Handlung will sich nicht aufdrängen, zuckt überraschend zusammen, um dann umso brutaler den sexuell beklemmenden Moment nüchtern zu konservieren. Fast wie in einer metaphorischen Überhöhung, glaubt man intelligente und frappierende Anzeichen entwirren zu müssen. Ob nun die freud’schen Schablonen als Interpretationshandwerk dem ödipalen Dilemma gerecht werden, müssen Psychologen entscheiden. Ohne Verstörung wird auch ein Fachmann diesem filmischen Verwirrspiel nicht entkommen.

Wilde Unschuld

Der Film Wilde Unschuld / Savage Grace stößt den Zuschauer in ein psychologisch komplexes Verwirrspiel. Schon die ersten 10 Minuten werden dem mysteriösen Titel gerecht und geben Einblick in eine vertrackte Zweier-Beziehung, die sich ganz unprätentiös auf der Leinwand offenbart:
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Meinungen
· 19.05.2008

Dieser Film ist großartig, verstörend und berührend. Er regt zum Grübeln an!

Kommentare

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