Wilde Erdbeeren

Wilde Erdbeeren

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein Roadmovie zwischen Jugend und Alter

Im Zeitalter einer rasend anwachsenden visuellen Dokumentation selbst im Bereich des banalsten Alltagsgeschehens erscheint das Phänomen der schlichten Erinnerung mitunter wie ein trügerisches Relikt aus vergangenen Tagen. Ein filmisch so elegantes wie imposantes Spiel mit der Erinnerung hat Ingmar Bergman mit Wilde Erdbeeren aus dem Jahre 1957 inszeniert. Hier berühren die Imaginationen der Vergangenheit unmittelbar die Gedankenwelt des Gegenwärtigen mit ihrer durchscheinenden Intensität und lassen ein mächtiges Gebäude von Erinnerungen, Visionen und Träumen entstehen, die das Pathos der Unabänderlichkeit festgefahrener Strukturen eindringlich in seine Schranken weisen.
Wilde Erdbeeren ist ein frühes Roadmovie mit vielfältigen Ausprägungen des Motivs der Reise, die hier einen alten Mann heilsam mit seiner ganz persönlichen Geschichte und ihren Auswirkungen auf seine Lebenskonfiguration konfrontiert: Der 78jährige Professor Isak Borg (Victor Sjöstrom) bezeichnet sich selbst als einen Menschen, in dessen Dasein seine Arbeit als Mediziner stets die wichtigste Rolle gespielt hat. Nun, hochbetagt und ermüdet, soll der prinzipienstrenge Mann von der Universität Lund in Südschweden geehrt werden, und anlässlich der Erwartung dieser Feierstunde erlebt der Professor einen unruhigen Morgen, der darin mündet, dass er trotz anderer Planungen schließlich mit seinem pompösen Automobil die lange Fahrt nach Lund antritt. In seiner Begleitung befindet sich seine Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin), die zeitweilig bei ihm Zuflucht gesucht hat und keinen Hehl daraus macht, dass sie kaum Symphatien für den alten, emotionsarmen Herrn hegt.

Die Reiseroute führt an vertrauten Orten aus Isaks Kinder- und Jugendzeit vorüber, die ihn mit einem Mal in ein Netz aus Erinnerungen und Begegnungen katapultieren, in dem er zunächst recht verloren zappelt: Ein Besuch bei seiner uralten, doch nach wie vor wachen und respekteinflößenden Mutter (Naima Wifstrand), die Bekanntschaft eines munteren Trios auf dem Weg nach Italien, ein glimpflicher Autounfall, die Auseinandersetzung mit den Nöten seiner Schwiegertochter und vor allem die unumgängliche Präsenz der Vergangenheit zwingen ihn dazu, sich selbst und seine Haltungen im gleißenden Licht einer späten Reflexion schonungslos zu betrachten.

Es sind neben dem Goldenen Bären sowie dem FIPRESCI Preis der Berlinale und einer Oscar-Nominierung für das Beste Drehbuch einige Auszeichnungen, die Wilde Erdbeeren erhielt, dessen leise Faszination sich aus der absolut gelungenen Komposition der bis ins Detail sorgfältigen Inszenierung formiert. Werden die Beziehungen der Figuren untereinander, die von einem geradezu beseelten Ensemble verkörpert werden, bereits ansprechend differenziert gestaltet, so sind es letztlich die unprätentiösen, streckenweise heiteren Tendenzen ihrer Veränderung, die den Zuschauer nachhaltig berühren und genau jenen kraftvollen Aspekt der Versöhnlichkeit hervorlocken, der diesen Film zu einem kleinen Juwel werden lässt.

Wilde Erdbeeren

Im Zeitalter einer rasend anwachsenden visuellen Dokumentation selbst im Bereich des banalsten Alltagsgeschehens erscheint das Phänomen der schlichten Erinnerung mitunter wie ein trügerisches Relikt aus vergangenen Tagen. Ein filmisch so elegantes wie imposantes Spiel mit der Erinnerung hat Ingmar Bergman mit Wilde Erdbeeren aus dem Jahre 1957 inszeniert.
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