Wild in Blue

Wild in Blue

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Voyeurismus, Gewalt und Pornographie als Selbstzweck

Da schickt sich ein Mann — fluchend – an, sich mit einer Waffe in den Mund zu schießen, während vage zu erkennen ist, dass im Hintergrund ein Film läuft. Mit dieser verschwommenen Großaufnahme beginnt der erotisch aufgeheizte Thriller Wild in Blue, streift kurz die Impressionen einer blonden Frau und schwenkt bald darauf um zu einer angedeuteten Beichtstuhlszene, vor wirren verbalen Andeutungen metaphysisch-religiöser Manier aus dem Off. Dann erscheint eine barbusige Rotlichttänzerin in entsprechender Aktion vor dem geifernden Mann, der in die Kamera frohlockt, welcher hier auch innerhalb des Films eine große, wachsende Bedeutung zukommt. Erst nach diesen diffus gestalteten Fetzen als Einstimmung auf eine häufig ebensolche Geschichte ereignet sich deren erstes Kapitel, wobei die voyeuristische Perspektive der Dramaturgie bereits hier als wichtiges Element der Handlung etabliert wird.
Bevor die ältere Frau im Dunkeln in ihr Auto steigt, das nicht anspringt, wird sie bereits von Charlie (Frank Cermak Jr.) beobachtet, der ihr kurz darauf seine Hilfe offeriert, aber mit dem Hinweis auf den bald eintreffenden Abschleppdienst zurückgewiesen wird. Auch diese kleine Begebenheit wird offensichtlich gefilmt, und als der Killer seine Beute in sein eigens dafür eingerichtetes „Studio“ verfrachtet hat, herrscht auch hier die Atmosphäre einer akribischen Aufzeichnung der sadistisch-mörderischen Umtriebe vor, von deren enormer Frequenz zahlreiche beschriftete Videokassetten zeugen. Willkommen im sorgfältig eingerichteten Experimental- und Dokumentationslabor eines Wahnsinnigen, zu dessen Ausstattung auch lange Scheren und schlagkräftige Werkzeuge wie Hämmer mit scharfkantigen Spitzen gehören! Um den für diesen vorgesehenen Einsatz auch gleich zu veranschaulichen, schlägt Charlie seinem unverkennbar verzweifelten, bizarr betenden Opfer damit feste auf die Stirn und ergeht sich dann – wiederum vor der Kamera – in narzisstischen, pseudopsychologischen Rechtfertigungsphrasen. Doch in seinem einsamen Universum der abscheulichen Absurdität bleibt er zunächst der Einzige, der darin einen Akt der hintergründigen Sinngebung, Erklärung oder auch nur eines vagen Interesses verortet, den Filmzuschauer bedauerlicherweise bereits innerhalb der ersten zehn Minuten dieser Raserei abhängend.

Dieses konsistente Klima des Films ändert sich kaum, wenn Charlie seine zunächst noch heil anmutende Kindheit und seine von Brutalitäten begleitete Jugend vorstellt, und verharrt auch, wenn er seine seltsamen dominanten Eskapaden mit seinem dienstbeflissenen Kumpel Ben (Marcos Mateo Ochoa) als verschwiegenem Teilhaber seiner Perversionspassionen präsentiert. Auch wenn Charlie hinsichtlich eines anvisierten Wendepunkts in seinem Leben die Friseurin Ashley (Charlotte Ellen Price) kennenlernt, die ihn über seine sadistischen Süchte hinaus interessiert, tritt keine tatsächliche Veränderung ein. Wild in Blue verharrt in seiner unausgegorenen, selbstverliebten Struktur der sexuellen Klischees hier deutlich ungesunder Natur, ohne dass die kühnen Sprüche und reißerischen Aktionen sowie deren Akzeptanz durch die mit Ashley auftauchende „Traumfrau“ auch nur ansatzweise in eine erwähnenswerte Entwicklung der Protagonisten münden.

Nicht, dass die wenn auch meist recht gezwungen wirkenden und frenetisch stilisiert vorgetragenen, als krude-kryptische Weisheiten verbrämten Verbalorgien Charlies im Rahmen der Thematik deplatziert oder uninteressant wären, doch ihr allzu bemühter Bezug auf die Sphäre von Kamera und Film als tragendes Effektmoment der Geschichte bleibt flüchtig und blockiert ihre ohnehin schleppende Dynamik zusätzlich. Verstärkend dazu erscheint die häufig verwackelte, unangemessen aufdringliche Handkamera auf Dauer ermüdend, und die Darstellung der ausführlichen Gewaltexzesse verfolgt offensichtlich nur einen zudem undurchsichtigen Selbstzweck ohne förderliche Funktion. Das Spielfilmdebüt dieses Matthew Berkowitz’, das augenscheinlich auf wenigen favorisierten Ideen hinsichtlich eines extremen, an Tabubereiche grenzenden und plakativ provokativ installierten Themas beruht, gestaltet sich allzu eindimensional und entbehrt vor allem eine ansprechende ironische Distanz. Dass am Ende dann doch noch eine satirische Komponente angedeutet wird, rettet Wild in Blue auch nicht mehr vor dem Versinken im Morast von banaler, zusammenhangloser Effekthascherei im Rahmen gewaltträchtiger und als verrucht stilisierter, pornographischer Darstellungen.

Wild in Blue

Da schickt sich ein Mann — fluchend – an, sich mit einer Waffe in den Mund zu schießen, während vage zu erkennen ist, dass im Hintergrund ein Film läuft. Mit dieser verschwommenen Großaufnahme beginnt der erotisch aufgeheizte Thriller „Wild in Blue“, streift kurz die Impressionen einer blonden Frau und schwenkt bald darauf um zu einer angedeuteten Beichtstuhlszene, vor wirren verbalen Andeutungen metaphysisch-religiöser Manier aus dem Off.
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