Wiederkehr - My Reincarnation

Wiederkehr - My Reincarnation

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

"Sie vergessen, dass mein Vater menschlich ist"

Es gibt solche kleinen Momente des Glücks, die als Dokumentarfilm daherkommen, unscheinbar, mit vielleicht groß wirkenden Geschichten, die sich klein geben und darum erst um so mehr über sich hinauswachsen. Wiederkehr — My Reincarnation, der neue Film von Jennifer Fox, um die es einige Jahre still war (jetzt produziert sie wieder und arbeitet auch als Regisseurin an mehreren Projekten), ist so ein Beispiel.
Im Zentrum des Films umkreisen sich zwei Figuren, denen reichlich Beachtung und Ehrerbietung teil wird: Chögyal Namkhai Norbu, ein tibetanischer Gelehrter, der 1959 aus seiner Heimat vertrieben wurde und heute in Italien lebt – sowie sein Sohn Yeshi, schon in Italien geboren aus der Ehe von Norbu mit einer zum Buddhismus konvertierten Italienerin. Man ahnt da schon den Konfliktstoff – Vater und Sohn sind höchst unterschiedlich sozialisiert, Norbu in einem Kloster in Tibet, Yeshi im säkular-katholischen Westen.

Wiederkehr — My Reincarnation dreht sich, obwohl er den beiden also zunächst sehr unterschiedlichen Männern vor allem getrennt folgt, hauptsächlich um die Konflikte zwischen diesen Personen und Persönlichkeiten, um ihre Beziehung zueinander: das Sehnen des Sohnes nach einem Vater, der für ihn nicht hauptsächlich Lehrer sein soll, und der Versuch des Vaters, seinem Sohn mehr Freiheiten zu geben, als er selbst hatte, und dennoch daran zu leiden, für ihn eine Bestimmung vorauszusehen. Denn Yeshi ist nicht nur der Sohn Norbus – und damit für viele Buddhisten schon eine Respektsperson –, er gilt noch dazu als Reinkarnation von Norbus geliebtem Onkel Khyentse, der selbst ein hoher Lama und wichtiger Gelehrter des Dzogchen war.

Das besondere an diesem Film ist gleichwohl der Zeitraum von über zwanzig Jahren, über den er sich erstreckt, und die Art und Weise, wie sich so Entwicklungen und Veränderungen ausbreiten können – dass der Wandel im Wesen der Dinge liegt, wie es im Film mehrfach heißt, passt da genau ins filmische Bild. Fox war ab 1985 für einige Zeit persönliche Assistentin von Chögyal Namkhai Norbu und hat offenbar später immer wieder ihn und seine Familie getroffen und dabei weitere Filmaufnahmen gemacht. Immer wieder beschreibt der Sohn aus dem Off und der filmischen Gegenwart (etwa um das Jahr 2009) seinen Blick auf die Vergangenheit – dazu aber gibt es Aussagen der beiden Hauptpersonen direkt aus den vergangenen Jahren. Mit großen Sprüngen von mehreren Jahren nähert sich Fox der Gegenwart an und arbeitet für jeden Zeitpunkt heraus, wie sich Vater und Sohn verändert, einander angenähert oder entfernt haben.

Das Material (filmisch stets in rauem Videoformat), die Aussagen sind persönlich, oftmals fast intim; und es irritiert, dass der Film seinen eigenen Entstehungsprozess weder thematisiert noch reflektiert. An ein, zwei Stellen hört man vermutlich Fox‘ Stimme, aber weder wird ihre Existenz noch ihre Rolle innerhalb der Familie je angesprochen; zudem bleiben die anderen Personen der Familie, vor allem die Ehefrauen und Yeshis Schwester, nahezu unsichtbar, ihre Bedeutung für die Männer vage. Dass sie das Vertrauen von Norbu und Yeshi besitzt, scheint gleichwohl offensichtlich; und auch, dass sie vor allem in den frühen Bildern offenbar Teil der Familie wurde, so ungehindert kann sie jenen Tag filmen, an dem Yeshi unter mildem Spott seines Vaters von zu Hause auszieht, um Psychologie zu studieren.

Später wird er, auf der Suche nach Assimilation, in einer ganz normalen italienischen Existenz eine Familie gründen, bei IBM Karriere machen, während sein Vater als gefragter Redner und Lehrer um die Welt reist. Einige Jahre später – man ahnt mehr, als das man es wüsste, dass es mit einer Krebserkrankung seines Vaters in Zusammenhang steht – beginnt eine Kehrtwende, die Yeshi immer näher an das Leben seines Vaters heranführt.

Wiederkehr — My Reincarnation ist aber nicht so schlicht, hier einfach einen Konflikt zwischen Sohn und Vater, Immigrationskind und Immigrant, Lehrer und Schüler darin aufzulösen, dass der eine dem anderen immer ähnlicher wird – obwohl auch dies offenbar der Fall ist und sich in den Texttafeln, mit denen der Film schließt, noch bestätigt. Stattdessen zeigt der Film auch genau auf, welche unterschiedlichen Wege diese beiden Männer gehen (und, glaubt man ihnen selbst, gehen müssen), was sie also auch trennt. Zugleich lernt die unbedarfte Zuschauerin doch noch die eine oder andere Kleinigkeit darüber, was es bedeutet, ein Buddhist zu sein – und zwar vor allem daran, wie Yeshi und Norbu ihr Leben führen.

Wiederkehr - My Reincarnation

Es gibt solche kleinen Momente des Glücks, die als Dokumentarfilm daherkommen, unscheinbar, mit vielleicht groß wirkenden Geschichten, die sich klein geben und darum erst um so mehr über sich hinauswachsen. „Wiederkehr — My Reincarnation“, der neue Film von Jennifer Fox, um die es einige Jahre still war (jetzt produziert sie wieder und arbeitet auch als Regisseurin an mehreren Projekten), ist so ein Beispiel.
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Meinungen
cs · 24.01.2013

Ein sehr beindruckender Film. Erstaunlich ist, welch grosse Nähe Norbu und seine Familie zugelassen haben. Samsara und Nirvana nondual, das ist für das Bewusstsein der Menschen von heute wichtig! DANKE

cat · 05.02.2012

Ein wunderbarer tief berührender Film! Sehr ehrlich und mit viel Segen!

Kommentare

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