Widows - Tödliche Witwen (2018)

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Unter dem Deckmantel eines Genrefilms spielt Steve McQueen (12 Years a Slave) in Widows die Genrekonventionen geschickt aus, um nicht nur einen spannenden Überfall zu inszenieren, sondern sich auch klug mit Fragen von Unterdrückung, Macht, Hautfarbe und Gender auseinanderzusetzen.

Widows - Tödliche Witwen (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Oh, Widows. Das ist einer dieser Filme, die man nicht kommen sieht. Die einen nach dem Kino noch begleiten, durch die kleinen Momente, deren ganze Tragweite einem erst dann aufgehen, wenn man schon wieder zuhause sitzt. Dass Steve McQueen (12 Years a Slave) keinen klassischen 08/15-Heist-Film machen würden, in dem die Männerrollen im allzu beliebten Hollywood-Gimmick namens „Gender-Swap“ einfach ausgetauscht würden, war zu erwarten. Doch was ist es, was er hier auffährt?

Die Grundkonstellation der Widows, der Witwen, die dem Film den Namen geben, ist einfach erklärt. Basierend auf der gleichnamigen englischen Serie aus den 1980er Jahren folgen wir Veronica Rawlins (Viola Davis), die einen doppelt harten Schlag hinnehmen muss: Ihr geliebter Mann Harry (Liam Neeson) ist bei einem seiner Raubzüge ums Leben gekommen. Er und seine Komplizen sind in ihrem Auto verbrannt. Und mit ihnen ein paar Millionen Dollar, die sie gerade dem afroamerikanischen Lokalpolitiker Jamal Manning (Brian Tyree Henry) abgenommen hatten. Dessen Schergen erpressen Veronica nun. Sie hat einen Monat Zeit, das Geld aufzutreiben. Doch Veronica hat kein Geld. Auch wenn es von außen so aussieht, als wäre die selbstbewusste Frau gut betucht, so stellt sich schnell heraus, dass sie abhängig war von ihrem Mann. Die Ehe: geborgtes Glück, geborgte Sicherheit. Denn alles gehört Harry. Selbst der Hund. Nur ein Notizbuch kann ihr weiterhelfen. In diesem hatte Harry seinen nächsten Coup schon im Detail skizziert. Und so sucht Veronica die Witwen der anderen Männer auf: Sie will diesen Coup selbst durchziehen und braucht Hilfe.

Bei zwei dieser drei Frauen stößt sie auf offene Ohren. Oder besser: auf ähnlich existenzgefährdende Situationen wie ihre eigene. Linda (Michelle Rodriguez) muss ihre beiden Kinder jetzt allein durchkriegen und verliert ihre Einkommensquelle, da ihr Mann vor seinem Tod ihr Modegeschäft wegen Wettschulden verkauft hat. Alice (Elizabeth Debicki) wird wiederum von ihrer Mutter faktisch dazu gezwungen, ins Escort-Geschäft einzusteigen, denn als große, blonde, schöne Immigrantin ist das das Beste, was sie zur Überbrückung machen kann. Die Frauen haben nichts mehr zu verlieren außer ihr Leben und ihre Würde. Also machen sie sich in klassischer Heist-Film-Manier daran, den Überfall vorzubereiten. Pläne werden geschmiedet, Waffen besorgt, eine Fluchtfahrerin engagiert.

Doch halt. So klassisch, wie Widows daherkommt, ist er nicht. Fein eingewebt in diese typischen Heist-Film-Strukturen finden sich Themen und Bilder, die vor allem eines sind: sozialkritisch. Allein der Ort der Handlung vermag dies zu vermitteln: Chicago ist ein heißes Pflaster, historischer Ort starker Rassenunruhen und eine der gefährlichsten, tödlichsten Städte der USA. Hier sieht man die Trennung nach Hautfarben besonders stark. In den schmucken Vororten leben die gut betuchten Weißen. So wie Jack Mulligan (Colin Farrell), der gegen Jamal Manning in den Lokalwahlen antritt. Jacks Familie hat diese seit mehreren Generationen gewonnen, doch so einfach ist es jetzt nicht mehr. Die Unterdrückten emanzipieren sich.

Es sind die kleinen Geschichten, die in den Rissen der Handlung oftmals mit nur ein, zwei Sätzen, ein paar Bildern, Gesten und Verweisen erzählt werden, die Widows besonders machen. Wie Alices Beziehung zu ihrem bald in Flammen aufgehenden Freund, die nur kurz bei einem Gespräch am Küchentisch zu sehen ist. Ein paar Sätze, eine Geste, wie er sie am Arm packt, sie auf den Boden schaut, zusammen mit etwas in ihrem Gesicht, das aussieht wie ein verblassendes, blaues Auge. Das genügt, um zu erklären, dass Alice in einer gewalttätigen Beziehung ist. Ganz oft spielt McQueen mit diesen Minimalismen, die ganze Welten erzählen, vorausgesetzt man hat als Zuschauer selbst Zugang zu diesen. Denn die stärkste (film)politische Transgression erlaubt sich McQueen, indem er nicht wie üblich aus einem Blickwinkel der in der Filmkunst stets imaginierten „sozialen Mitte“ heraus erzählt. McQueens neuer Film ist keine Geschichte, die vor allem Männer, vor allem Weiße und vor allem Menschen mit Geld bevorzugt und deren kulturelle Prägung und deren soziale Hierarchien und das damit verbundene Wissen voraussetzt. Widows erzählt durch eine soziale Erfahrungsmatrix der Marginalisierten, also der Frauen, der Nicht-Weißen, der Armen, kurzum der Nicht-Privilegierten und deren Erfahrungswelt, die im ganz Kleinen und im ganz Großen aus Gewalt, Enteignungen und Entwertung besteht. Widows ist ein Film, der auf den ersten Blick für alle funktioniert, doch in ihm stecken noch zahlreiche Geschichten, die in ihre Subtilität nur die verstehen, die wissen, worauf sie achten müssen.

Am auffälligsten ist dies vielleicht in einer ganz einfachen Szene: Jack Mulligan fährt aus einer ärmeren Gegend Chicagos nach einem Wahlkampfauftritt in seiner Limousine nach Hause zurück. Im Auto streitet er mit seiner Assistentin, die ihm sagt, er solle seinen Scheiß mal zusammenkriegen. Währenddessen lamentiert er, dass er gar kein Politiker sein will und sich gefangen fühlt. Man würde hier eine Kamera im Inneren des Autos erwarten, doch McQueen montiert sie auf der Haube. Sie protokolliert das schwarze Auto, wie es auf kaputten Straßen an kaputten Häusern vorbeizieht, die klein und braun und eingefallen sind. Und je länger die Fahrt dauert, desto größer werden die Häuser, desto besser werden die Straßen, bis der Wagen am Ende bei einer großen, weißen Villa, Jacks Zuhause, hält. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, so nah sind diese sozialen Räume. Und doch so weit entfernt.

Neben diesen sozialen Räumen ist es aber vor allem McQueens erstaunlich präziser Blick auf intersektionelle Genderstrukturen, die er hier auslotet. Widows lebt von seinen No-Bullshit-Frauen, die sich nicht emanzipieren, weil das zur Zeit so in ist, sondern weil sie die Schnauze voll haben und endlich eine kleine Chance. Dies erinnert in seiner Essenz an Set It Off, doch Widows hat kein Interesse daran, klassisch-dramatische Strukturen zu bedienen, die den Protagonistinnen eine Chance vorgaukelt, nur um sie erst recht niederzumachen. Vielmehr zeigt sich alsbald, dass das Stehlen von richtig viel Geld eine wesentlich ungefährlichere Angelegenheit ist, als in dieser Welt als Frau zu leben und zu lieben.

Widows - Tödliche Witwen (2018)

Das Chicago der Gegenwart. Vier Frauen, welche nicht mehr gemeinsam haben als die Schulden, die ihre verstorbenen Männer ihnen hinterlassen haben, schließen sich zusammen und nehmen ihre Zukunft in die eigenen Hände.

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