White Boy Rick (2018)

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Die spannendsten Geschichten schreibt immer noch das Leben! In seinem zweiten Spielfilm arbeitet Regisseur Yann Demange den Fall des Richard „Rick“ Wershe Junior auf, der im Teenageralter als FBI-Informant in die Drogenszene von Detroit eintauchte.

White Boy Rick (2018)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Spitzel mit Flaum

Große Ambitionen sind bewundernswert. Bergen aber freilich die Gefahr, sich zu verheben. Regisseur Yann Demange („‚71: Hinter feindlichen Linien“) fährt bei seiner filmischen Aufarbeitung der Geschichte des FBI-Informanten und Drogendealers Richard „Rick“ Wershe Junior zwar nicht krachend vor die Wand. Rundum zufriedenstellend bringt die Mischung aus Familiendrama, Krimi und Milieustudie ihre verschiedenen Handlungselemente aber nicht zusammen. Für die skizzierten Kontexte und Entwicklungen ist ein rund zweistündiger Kinostreifen schlichtweg zu begrenzt.

Die Erzählung setzt Mitte der 1980er Jahre ein und führt den Zuschauer in ein vom Niedergang gezeichnetes Viertel von Detroit, wo sich der nach einem besseren Leben sehnende Richard Wershe Senior (Matthew McConaughey) gerade so mit Waffenverkäufen auf dem Schwarzmarkt über Wasser halten kann. Seinen nicht selten in Metaphern verpackten Kampfgeist und Enthusiasmus versucht der Idealist an seinen Sohn Rick (Richie Merritt) weiterzugeben, der jedoch nichts dagegen hätte, an einem anderen Ort einen Neustart zu wagen. Pflichtbewusst unterstützt der Teenager den Vater bei seinen Geschäften und knüpft eines Tages Kontakte in die lokale Drogenszene, was den beiden FBI-Beamten Snyder (Jennifer Jason Leigh) und Byrd (Rory Cochrane) nicht verborgen bleibt. Kurzerhand drängen sie den Jugendlichen in eine Spitzelrolle, die ihn auf bedrohlich dünnem Eis wandeln lässt.

Die erdig-ausgeblichenen Bilder von Kameramann Tat Radcliffe beschwören nicht nur einen Kino-Look vergangener Tage, sondern unterstreichen auch die Trostlosigkeit und das Fehlen von großen Perspektiven. Wershe Senior ist ein gewiefter Händler, träumt von der Eröffnung einer eigenen Videothek, will seinen Kindern ein sorgenfreies Leben schenken, muss aber recht hilflos mitansehen, wie sich seine Tochter Dawn (Bel Powley) in ihrer Drogensucht verliert. Dass ihm ebenso die Kontrolle über seinen Sohn entgleitet, der plötzlich eigene Geschäfte macht, setzt ihm spürbar zu und führt zu einigen aufwühlenden Streitgesprächen. Rick wiederum gerät in ein gefährliches Doppelspiel, zeigt sich einerseits fasziniert vom schillernden Gangstertum und ist als Undercover-Informant andererseits in einer knallharten Bringschuld.

Vor allem die erste Hälfte des Films hat diverse stimmungsvolle Passagen zu bieten und gibt den Mimen – allen voran Leinwand-Newcomer Richie Merritt – die Gelegenheit, nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Die souveränen Darbietungen und die durchaus umsichtig aufgebaute Atmosphäre verdecken allerdings nicht, dass die Drehbuchautoren Andy Weiss, Logan und Noah Miller des Öfteren nur an der Oberfläche kratzen. Das Milieu der schwarzen Drogendealer beispielsweise bleibt etwas unscharf, wird von Figuren ohne einprägsame Eigenschaften bevölkert. Erinnern kann man sich am Schluss fast nur noch an die dicken Goldketten, die exklusiven Mäntel, nicht aber an die Namen der auftretenden Personen.

Obschon Bel Powley mit wenigen Strichen das ergreifende Porträt einer fragilen jungen Frau an die Wand malt, hätte der Film der abhängigen Dawn ein oder zwei Momente mehr schenken können. Auch vor dem Hintergrund, dass ihre gravierenden Drogenprobleme ihren Bruder Rick keineswegs davon abhalten, in Rauschgiftkreisen zu verkehren. Vor allem in der zweiten Hälfte schaffen es Demange und seine kreativen Mitstreiter nur noch bedingt, ihrem vielschichtigen Material gerecht zu werden. Die Hinweise zu korrupten Verstrickungen innerhalb der Stadt wirken ein wenig hingehuscht. Zu viele Dinge geschehen in zu kurzer Zeit, was trotz einiger schöner Einzelszenen – Stichwort: Baby – zu Lasten der emotionalen Ausdruckskraft geht. Der Versuch, Kritik an Justiz und Ermittlungsbehörden zu formulieren, erscheint verknappt. Und noch dazu schiebt White Boy Rick seinem Titelhelden auf den letzten Metern ein wenig zu deutlich die Opferrolle zu. Am Ende stellt man sich die Frage, ob Ricks Erlebnisse in einer mehrstündigen Fernsehserie nicht viel besser aufgehoben wären – etwa unter dem Banner des preisgekrönten Anthologie-Formats American Crime Story, das bisher den Strafprozess gegen O. J. Simpson und die Ermordung Gianni Versaces detail- und kenntnisreich rekonstruiert hat.

White Boy Rick (2018)

„White Boy Rick“ ist die nach wahren Begebenheiten erzählte Geschichte von Richard Wershe Jr., welcher in den 1980er Jahren als Informant für das FBI gearbeitet hat. Zur gleichen Zeit machte er sich jedoch auch als aufsteigender Drogenschmuggler verdient, was ihm schlussendlich, und trotz seiner Arbeit für den Staat, eine lebenslange Haftstrafe einbrachte.

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