Where’s the Beer and When Do We Get Paid?

Where’s the Beer and When Do We Get Paid?

Eine Filmkritik von Lena Kettner

Where’s the camera? And will you make me rich and famous?

„Enough silence“, sagt Jimmy Carl Black, während er wie verloren die Weite der Chihuahua-Wüste im texanischen El Paso überblickt. Kein lässiger Spruch, kein ironischer Kommentar. Dieser Moment ist einfach zu schmerzhaft. Er komme erst wieder nach seinem Tod in seine Heimatstadt, meint Jimmy wenig später. Dann könne man seine Asche dort verstreuen – auch wenn man damit gegen das amerikanische Gesetz verstoße. „Aber das ist doch nur Staub, der weht eh davon“. Drei Monate nach dem letzten Interview, das die Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier mit Jimmy Carl Black, Drummer von Frank Zappas Band Mothers of Invention, geführt haben, ist er tatsächlich an Lungenkrebs verstorben. Dabei wäre Jimmy so gerne weiterhin eine lebende Legende geblieben.
„Hi Boys and Girls, I’m Jimmy Carl Black, and I’m the Indian of the group“ – dieser Spruch wurde einst zu seinem Markenzeichen. Ebenso wie die Frage Where’s the Beer and When Do We Get Paid?. In jungem Alter verwirklichte der 1938 in Texas geborene Jimmy Carl Black in Kalifornien seinen persönlichen amerikanischen Traum. 1958 begann er, Schlagzeug zu spielen, 1964 gründete er mit Roy Estrada die Band Soul Giants, ein Jahr später stieß Frank Zappa zu ihnen. Als Mothers of Invention tourten sie viele Jahre erfolgreich durch die USA und brachten acht Alben heraus. „Reich und berühmt“ werde er sie machen, versprach Frank Zappa den Bandmitgliedern damals.

Fünfzig Jahre später sitzt Jimmy auf der Terrasse seiner Wohnung im Ortsteil Höpfling der bayerischen Gemeinde Siegsdorf, wo der Zug noch hupt, wenn er in den Bahnhof einfährt. Einige Jahre zuvor hat er hier Moni auf einem seiner Konzerte kennen und lieben gelernt. Sie ist ein Zappa-Groupie der ersten Stunde und könnte mit ihren blonden Zöpfen beinahe als richtige Indianerin durchgehen. Vorbei ist die Zeit der wilden Parties und des Drogenkonsums, von denen ehemalige Bandmitglieder der Mothers of Invention wie Bunk Gardener zu Beginn des Films berichten. „Everyone knows me here“, sagt Jimmy und winkt einem Bauern, der mit seinem Traktor durch den Ort fährt. Kurz darauf erfährt man, dass er den Namen des Mannes nicht weiß – und er beklagt sich traurig darüber, dass ihn die Menschen in Höpfling für eine nicht ehrenwerte Person halten. Um voll akzeptiert zu werden, müsse er wohl richtig deutsch sprechen können. Oder besser noch: bayerisch.

Zwei Jahre haben Sigrun Köhler und Wiltrud Baier Jimmy Carl Black für ihren Dokumentarfilm begleitet – unter anderem auf seiner Amerika-Tournee mit dem amerikanischen Banjospieler Eugene Chadbourne, von einem unkomfortablen Hotelzimmer ins nächste. Am liebsten würde er sein Rentnerdasein genießen und das Leben als Drummer ganz aufgeben, gibt Jimmy zu. „It’s too hard a work, man. But I need the money.“ 100 Dollar pro Auftritt wird er bei dieser letzten Tournee vor seinem Tod verdienen – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.

Mit Where’s the Beer and When Do We Get Paid? ist den beiden Filmemacherinnen ein berührendes Porträt des legendären Drummers der Mothers of Invention gelungen, mit dem sie weniger dem Musiker als dem Menschen Jimmy Carl Black ein Denkmal setzen, indem sie ihm nicht mit Mitleid, sondern mit großem Respekt entgegentreten. Jimmy selbst begegnet den Tiefschlägen seines Lebens, vor allem seiner Krebserkrankung, im Film mit Humor und Selbstironie. Auch das Verhältnis zu Frank Zappa, der die Mothers of Invention durch Gerichtsverfahren um ihr Geld und ihre Rechte an der gemeinsamen Musik brachte, betrachtet er ganz nüchtern: „He is dead and I’m still alive“. Die Tatsache, dass die Witwe von Frank Zappa Sigrun Köhler und Wiltrud Baier verbot, die Songs der Mothers of Invention in ihrem Dokumentarfilm zu verwenden, trägt entscheidend zur Qualität von Where’s the Beer and When Do We Get Paid? bei. Blasmusik statt Rock-Klänge, Lederhose statt Lederkluft – indem sie in mehreren Off-Kommentaren Menschen aus der Umgebung von Höpfling zu ihren musikalischen Vorlieben befragen und die örtliche Blaskapelle bei Proben beobachten, gelingt es den Filmemacherinnen auf eindrucksvolle Weise, den Kontrast zwischen dem Leben des jungen und des gealterten Rockstars Jimmy Carl Black nicht nur auf der dramaturgischen Ebene des Films zu verdeutlichen.

Jimmy hätte gerne eine Lederhose gehabt, auf der der Name „Siegsdorf“ eingraviert ist. Oder eine nach ihm benannte Straße in seiner neuen Heimat. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus dem tiefen Wunsch heraus, endlich angekommen zu sein. Dass er Where’s the Beer and When Do We Get Paid? nicht mehr sehen kann, ist tragisch – doch Jimmy hätte es sicher mit Humor genommen. Denn was immer auch passieren wird, sagt er am Ende des Films: „I had a damn good life“.

Where’s the Beer and When Do We Get Paid?

„Enough silence“, sagt Jimmy Carl Black, während er wie verloren die Weite der Chihuahua-Wüste im texanischen El Paso überblickt. Kein lässiger Spruch, kein ironischer Kommentar. Dieser Moment ist einfach zu schmerzhaft. Er komme erst wieder nach seinem Tod in seine Heimatstadt, meint Jimmy wenig später. Dann könne man seine Asche dort verstreuen – auch wenn man damit gegen das amerikanische Gesetz verstoße. „Aber das ist doch nur Staub, der weht eh davon“.
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Meinungen
Tom Lauser · 17.09.2013

Leider habe ich selten einen derart belanglosen Dokfilm gesehen. Zugegeben, mit dem sehr einsilbigen und spröden Carl Black war es bestimmt nicht einfach interessante Bilder und spannende Geschichten zu finden. Um so mehr hätten die Filmemacherinnen sich auf das Umfeld konzentrieren sollen. Das hätte etwas über den Menschen Carl Black erzählt. Stattdessen wird noch ein Handwerkslehrling aus dem Nachbarort miterzählt, dessen Bezug zum Protagonisten des Films vollkommen nebulös bleibt. Andere Ex-Bandmitglieder hatten offenkundig das Potential, dem Film eine interessante Wendung zu geben. Leider werden diese Stränge aber nur in Halbsätzen angedeutet und nicht weiter aufgenommen. Selbst als erklärter Zappa Fan, kann ich nur sagen: sparen Sie sich das Eintrittsgeld.

Dr. No · 17.03.2013

Habe den Film jüngst sehen dürfen:
Ganz groß!
Sehr schöne Besprechung im Übrigen, sehr nah daran wie wie das Werk auf mich wirkte. Für Musikfans (und Zappa bzw. "Mothers"-Anhänger sowieso) unbedingt sehenswertes Werk!!!

Kommentare

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