Westerland

Westerland

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Ein rätselhaftes Paar

Sein Name ist Jesús, aber sein Verhalten ist alles andere als heilig. Der junge Mann Anfang 20 nimmt ständig Drogen, hat eine Essstörung und versucht mehr als einmal, sich umzubringen. Wie eine Art Außerirdischer tritt er in Cems Leben. Und der wird irgendwie zu seinem „Jünger“ in Tim Staffels atmosphärisch starkem, gut gespieltem, aber handlungsarmem Debüt, das bei der Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ lief.
Neben Jesús (Wolfram Schorlemmer) und Cem (Burak Yigit) gibt es einen weiteren Hauptdarsteller. Es ist die Insel Sylt, die hier als karge Winterlandschaft gezeigt wird: Eisplatten bis zum Horizont, mit feinem Schnee überzogene Dünen und ein menschenleerer Strand. Die Landschaft spiegelt nicht nur die Abgeschiedenheit, in der sich die Liebe der beiden jungen Männer entfaltet, wider. Sie kommentiert in kargen, konzentrierten Einstellungen (Kamera: Fabian Spuck) die emotionale Reise ins Innere einer Zweierbeziehung, die sich mehr und mehr gegen die Außenwelt abschottet.

Dabei ist Cem eigentlich ein geselliger Typ, der schon ewig auf der Insel lebt und sich hier wohlfühlt. Der Deutschtürke absolviert eine Ausbildung beim Ordnungsamt und will in der Abendschule das Abitur nachmachen, um dann per Fernstudium Landschaftsarchitekt zu werden. Jesús dagegen ist ein Streuner, der erfundene Geschichten über sich erzählt.

Geschickt hat Tim Staffel, der auch als Autor tätig ist und hier seinen Roman Jesús und Muhammed adaptiert, beide Rollen gegen den Typ besetzt. Burak Yigit, der etwa in Bis aufs Blut den prolligen Türken gab, spielt hier einen ernsthaften, sensiblen jungen Mann, der sich so sehr verliebt, dass er alles andere aufgibt. Dagegen würde man in Friedrich Schorlemmer, der hier seine erste Kino-Hauptrolle hat, eher einen vernünftigen, wohlerzogenen Sohn aus gutem Hause vermuten, mit seinen kurzen blonden Haaren und der Unschuldsmiene.

Auch sonst unterläuft Tim Staffel gängige Erwartungen. So ist das Schwulsein überhaupt kein Thema und führt auch nicht zu Konflikten, nicht einmal in der türkischen Gemeinschaft. Offenbar könnte die Geschichte dieser Liebe genauso einem heterosexuellen Paar passieren. Und es ist auch nicht die „böse“ Außenwelt, die die Liebe zerstört. Der Zerfall, die Implosion, geschieht allein aus inneren Gründen.

Erfreulicherweise hält sich Staffels sparsame und experimentierfreudige Erzählweise mit psychologischen Vereinfachungen sehr zurück. Sie deutet die Probleme, die das Paar bekommt, nur an. Das bedeutet aber auch, dass wenig passiert in Westerland. Und dass der Spannungsbogen spätestens dann abreißt, wenn man begreift, dass sich Jesús‘ Probleme durch die Beziehung zu Cem eher verstärken als bessern. Eine Straffung hätte dem Film sicher gut getan. Es müssen ja nicht immer 90 Minuten sein.

Westerland

Sein Name ist Jesús, aber sein Verhalten ist alles andere als heilig. Der junge Mann Anfang 20 nimmt ständig Drogen, hat eine Essstörung und versucht mehr als einmal, sich umzubringen. Wie eine Art Außerirdischer tritt er in Cems Leben. Und der wird irgendwie zu seinem „Jünger“ in Tim Staffels atmosphärisch starkem, gut gespieltem, aber handlungsarmem Debüt, das bei der Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ lief.
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Peter Jürgens · 02.03.2013

Mein neuer Lieblingsfilm!

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