Werk ohne Autor (2018)

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„Kompromisslos ehrlich, kompromisslos spannend“ beschreibt Florian Henckel von Donnersmarck seinen neuen Film „Werk ohne Autor“, der in Venedig und Toronto seine ersten Schritte macht. Eine große Bühne für einen groß angelegten Film, der sich auf die Suche nach der Essenz der Kunst begibt.

Werk ohne Autor (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Werk ohne Tiefgang

„Kompromisslos ehrlich, kompromisslos spannend“ beschrieb Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck seinen Film "Werk ohne Autor" vor der Vorführung. Diese „kompromisslose Wahrheit“ revidierte er allerdings gleich im nächsten Satz, denn der Film, der auf wahren Begebenheiten aus dem Leben des Malers Gerhard Richter beruht, ist eine „dichterische Wahrheit“. Kurzum von Donnersmarck, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hat sich hier inspirieren lassen und die Ereignisse eher als Serviervorschlag aufgefasst, um daraus seinen Film zu machen.

Seine Hauptfigur Kurt Barnert (Tom Schilling) begleitet der Film durch seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg, den Nachkriegsjahren in der russischen Zone und späteren DDR bis hin zu seiner Übersiedlung in den 1960er Jahren in die BRD, seinem Studium in Düsseldorf und seiner ersten erfolgreichen Ausstellung. Werk ohne Autor ist weniger ein biografischer Film als ein Versuch, sich „dichterisch“ der Frage zu nähern, was Kunst und Kreativität eigentlich hervorruft und unabdingbar macht. Warum malt Barnert, wieso sich so ausdrücken? Die Antwort darauf wird schon im ersten Akt recht plakativ dargelegt: es ist die Liebe und das Trauma. Die Liebe des kleinen Kurt gilt seiner jungen, schönen Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die mit ihm in Ausstellungen geht und mit blumigen Worten die Kunst als Ausdrucksmittel beibringen will. Ihr Leitspruch: „Immer hingucken! Das Wahre ist das Schöne.“ Und so schaut der kleine Kurt auch hin, als sie nach einem manischen Schub mit Schizophrenie diagnostiziert wird und von einem NS-Arzt zwangseingewiesen wird. Elizabeth wird später vom Gynäkologen Prof. Carl Seebad (Sebastian Koch) zwangssterilisiert und im Euthanasie-Programm der Nazis ermordet.

Nach dem Krieg erlebt Kurt, der nun mehr einzige Sohn der Barnerts, denn seine Brüder sind allesamt gefallen, einen Neuanfang, der ihn an die Kunstakademie bringt. Dort soll er das „Ich“, das Ego, ganz vergessen und dem Volk dienen. Mit sozialistischem Realismus in der Malerei. Später, im Westen wird man ihn lehren, dass nur das „Ich“ Kunst produzieren kann. Es ist eine der vielen Spiegelungen, mit denen der Film arbeiten wird. Eine weitere, recht eigenartig anmutende ist Elisabeth. Nein, nicht die Tante, sondern eine junge Modestudentin, in die sich Kurt verliebt. Er nennt sie Ellie (Paula Beer) und sie sieht genauso aus wie die verstorbene Liebe seiner Kindheit. Freud hat hier schon seinen Bleistift gezuckt und in der Tat, von Donnersmarck geht den gesamten klassisch-freudianischen Weg, den er nicht nur an der allgemeinen Gleichgestalt und dem Namen, sondern vor allem an den Brüsten festmacht. An diesen lag der kleine Kurt schon als Kind und an ihrer Ersatzform weilt er auch als Erwachsener. 

Wen’s hier schon gruselt, dem sei gesagt: Die Frauenfiguren und wie mit ihnen umgegangen wird, sind in Werk ohne Autor wahrlich ein Graus. Keine einzige von ihnen hat etwas Eigenes, keine Aufgabe, kein Wissen, keinen einzigen Satz, der nicht darauf abzielt, die Hauptfigur zu fördern, zu inspirieren oder voranzutreiben. Gern sind sie nackt, diese Frauen, gern gleitet die Kamera genüsslich über ihre Körper. Auch wenn sie bei Geburten fast sterben, ja sogar, wenn sie tot in der Gaskammer liegen. Stets werden sie beschaut, reguliert und benutzt. Sie werden weggesperrt, objektiviert, sterilisiert, begattet, getötet. Ihre Kinder werden getötet oder prächtig hergezeigt, ihre Brüste dienen als Quelle der Inspiration für den Mann. Selbst Ellie, ebenso Künstlerin und Studentin, darf nur einmal ein bisschen schneidern: einen Anzug für den zukünftigen Mann. Danach sieht man sie nur als Anhängsel, als Inkubator für den Stammhalter und vor allem als tragisches Element, welches Kurts Trauma weiter an ihn bindet. Denn Ellies Vater ist kein anderer als Prof. Carl Seebad, der nach dem Krieg von einem hohen Tier beim KGB vor der gerechten Verfolgung geschützt wird, weil er den Stammhalter dieses Mannes rettet, indem er ohne Betäubung das falsch liegende Kind aus dem Uterus der Gebärenden zieht. Dieser zitiert dann ihm gegenüber den Satz „Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt“, ein unfassbarer Hohn, denn er weiß, dass Seebad im Krieg hunderte auf dem Gewissen hat.

Die Kunst entsteht durch Leiden. Für Kurts Kunst leiden die Frauen. Sie leiden schön. Aber auch er leidet. Unter dem Schwiegervater, dem Todesmonster, von dessen Verbindung zur eigenen Tante Kurt nichts weiß. Dieser demütigt ihn immer, denn der Arzt sieht direkt am hängenden Mundwinkel des Schwiegersohns, dass dessen Gene nicht gut sind. Doch all diese Geschichten und Nebenhandlungen, all diese Menschen und ihre Schicksale, sie zielen allesamt darauf ab, sich der Kunst als solches zu nähern, das Geheimnis hinter Barnerts (bzw. Gerhard Richters) Kunst zu offenbaren. Es geht um die Magie in den Bildern und um ihre Kraft.

Spannend hierbei ist, wie es von Donnersmarck selbst jedoch nicht ein einziges Mal schafft, selbst ein kraftvolles Bild zu inszenieren. Nicht, dass er es nicht könnte. Es ist sein Ansatz, der ihm hier das Magische verbaut. Nicht nur im Erzählerischen, Werk ohne Autor glaubt nicht an sein eigenes Publikum. Der gesamte Film hat viel zu erzählen, aber nicht wirklich was zu sagen. Er erklärt und beschreibt, wiederholt sich und palavert wie ein Priester, der meint, seine Kongregation wäre geistig nicht auf seiner Höhe. Es hat schon etwas Belehrendes, dieses ewige Wiederholen, das der Film am liebsten mit der Geste der Spiegelung paart. Locker ein halbes Dutzend solcher Momente, die stets auf die dramatische Wichtigkeit der Ideen dahinter hinzuweisen suchen, werden im Film als Spiegelpaare immer wieder eingebaut und wiederholt. Ein Trick aus dem klassischen Hollywoodkino, der hier aber in seiner Quantität und Einfallslosigkeit fast ad absurdum geführt wird. Jaja, ich habe das schon verstanden, denkt man sich irgendwann. Aber der Film, er mag es einem nicht glauben. 

Und so auch die Bilder. Sie sind von grandioser Geste, doch ohne grandiosen Geist. Sie zeigen um des Zeigens Willen in schon fast Spielbergscher Manier. Stets die große Geste, der epische Blick, nie die kleinen Details, die herzbrechenden kleinen Momente. Die Figuren ebenso. Barnert selbst immer ein junger Mann (Schilling altert nicht um ein einziges Haar trotz der Zeitspanne mehrerer Jahrzehnte) mit Spielberg-Gesicht. Die Augen groß und voller Wunder und, wie die Tante es wollte, immer hinschauend. Ansonsten ist er jedoch eher eine leere Leinwand, ein Mann, der reaktiv ist, nicht viel sagt und zeigt. Über ihn wird erzählt, er selbst zeigt und sagt so gut wie nichts. Schlimmer noch ist die Figur des Schwiegervaters. Inszeniert als Nazi-Monster, will der Film aber gleichsam nicht davon abkommen ihn irgendwie auch zu bewundern für seine Prinzipientreue und Härte. Es irritiert schon sehr, zu bemerken, wie von Donnersmarck hier insgeheim das Hart-Maskuline in Seebad zelebriert. 

Am schlimmsten an diesem Werk ist jedoch die Ignoranz der historischen Bedeutungen gegenüber, die von Donnersmarck hier bunt zusammenwürfelt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie er hier per Montage Parallelen zieht. Die furchtbarste Sequenz ereignet sich innerhalb der ersten der drei Stunden Laufzeit. In einer Montage vermengt der Regisseur den alliierten Bombenangriff auf Dresden, Sie wissen schon, der der Pegida und Co. immer noch als Märtyer-Geschichte dient, mit dem Tod der Tante in der Gaskammer, dem Tod der Brüder Kurts, die bei der Wehrmacht sind und fallen und einer Mutter, die man nicht kennt, deren Haus von einer Bombe getroffen wird und die dabei stirbt ihr Kind zu retten. Kurzum, er setzt den Holocaust und die Massentötungen der Nazis in einer gefährlichen und absolut populistischen Art miteinander gleich, und, um dem noch eins draufzusetzen, auf eine dermaßen verkürzte und vereinfachte Art, dass man hier protestieren MUSS, denn solche Bilder waren schon immer und sind er vor allem jetzt wieder: gefährlich.

Werk ohne Autor (2018)

Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck meldet sich nach "Das Leben der Anderen" wieder mit einer deutschen Produktion zurück. "Werk ohne Autor" ist eine Reise durch die Geschichte Deutschlands und des Künstlers Kurt (Tom Schilling), dessen dramatisches Leben von seiner Liebe zu Elisabeth (Paula Beer) und dem schwierigen Verhältnis zu seinem Schwiegervater (Sebastian Koch) geprägt ist. Inspiriert von wahren Ereignissen ist dieses Drama eine Hommage an die befreiende Kraft der Kunst.

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Meinungen
Martin Betzwieser · 16.10.2018

Am Samstag war ich in Frankfurt am Main in einer Sondervorstellung mit Herrn Henckel von Donnersmarck sowie Tom Schilling und Sebastian Koch.
An der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film lernt man sehr gut, eine Show vor dem Kinopublikum zu präsentieren. Und so fielen sie sich "Schön, Dich wieder zu sehen" in die Arme, als hätten sie sich seit der Filmpremiere zum ersten mal gesehen; dabei hatte die Moderatorin vom Kino vor dem Film erzählt, das Trio sei noch bei einer Sondervorstellung in Aschaffenburg und treffe rechtzeitig zum Filmende in Frankfurt ein.

Nun ja. Auch ich fand den Film nicht sehr gelungen und hatte phasenweise den Eindruck, einen ZDF-Zweiteiler am Stück zu sehen. Immerhin hatte Donnersmarck einen Hollywood-Kameramann - oder wie man international sagt - Director of photography Caleb Deschanel, der schon fünf mal für einen Oscar nominiert war und hier hinter den Möglichkeiten zurück blieb. Was hätte man aus der Optik der Gemälde und Installationen und ihrer jeweiligen Inspiration für einen Bildersturm inszenieren können. Aber Donnersmarck hat eher den Auftrag, die DEGETO (ARD)-Co-Produktion für die Bedürfnisse eines anspruchslosen Fernsehpublikums zu erfüllen. Und nebenbei möchte er wohl seine stockende Hollywoodkarriere wieder in Schwung bringen. Immerhin war seine größte Leistung, den quirligen Johnny Depp in THE TOURIST so zu inszenieren, das der sich deutlich sichtbar langweilte. Der Film floppte 2010 / 2011 und seitdem bekam HvD dort keine Aufträge mehr.

Auch ich fand die Parallelmontage zwischen der Bombardierung und den Nackten in der Gaskammer sehr unglücklich.
Der Erfinder der Parallelmontage war übrigens David Ward Griffiths, der dieses Stilmittel erstmals in seinem fragwürdigen Hetzfilm BIRTH OF A NATION anwandte, als er parallel die Hinrichtung von Schwarzen und die Vergewaltigung arischer Frauen durch Schwarze zeigte und so einen Zusammenhang herstellte
Eine meisterhafte Parallelmontage konnten wir neulich in Spike Lee´s BLACKKKLANSMEN sehen. Hier zeigte Lee eine Parallelmontage zwischen einer Filmvorführung von - ja - BIRTH OF A NATIOn beim Ku Klux Klan und der Erzählung eines alten Schwarzen - der legendäre Mittneunziger Harry Belafonte ! - über den grausamen Mord an seinem besten Freund vor über 70 Jahren.

Von geschichtlicher Genauigkeit scheint HvD nicht viel zu halten. Schon in seinem Kurzfilm TEMPLER ließ er die mutmaßliche Hexe direkt aus dem Wald auf den Scheiterhaufen schleppen und hätte wissen müssen und können, dass zur richtigen Inszenierung eines Hexenprozesses die peinliche Befragung mit Geständnis gehört. Beim LEBEN DER ANDEN, den er vor Jahren im Frankfurter Filmmuseum vorstellte, konnten ein Freund und ich ihm mehrere Fehler nachweisen, z.B. Beobachtungsprotokolle in der Personalakte des Staatssicherheitsagenten, was sicher nicht vorkam.

Henning Westerholt · 11.10.2018

Bei diesen Kommentar kommt es mir vor wie bei der Politik. Beides hat nichts mehr mit der wirklichen Wahrnehmung des Menschen zu tun. Es ist so abgehoben und den Menschen fern geworden, das ist vielleicht nur.noch für wenige „Intellektuelle?“ mit
Film/Politik vertrauten verständlich ist. Wir sind zu viert ( 2 Gymnasiallehrer, 1 Philisophieprofessor und ein Kaufmann) mit der Kritik im Kopf ins Kino gegangen. Nach dem Kinobesuch hatten wir alle den Eindruck im falschen Film gewesen zu sein. Ich werde Info kinozeit abbestellen.

hs · 04.10.2018

Drei Generationen meiner Familie haben sich die Premiere angesehen und wir waren alle begeistert. Vielen Dank an das ganze Filmteam und die Macher. Wir haben schon im Vorfeld der Premiere viel über den Film gesprochen, meine Kinder waren nach dem Kino sichtlich bewegt. Also: Raus aus der Schule und rein ins Kino, liebe Lehrerinnen und Lehrer!

Vincent82 · 04.10.2018

Ich kann die Kritik der Kritikerin Beatrice Behn in vielen Teilen absolut nachvollziehen. Ich finde nur die feministische Empörung darüber, dass Frauenfiguren eher als "Anhängsel" gezeichnet werden und keine eigene aktive Aufgabe im Film haben, unsäglich naiv und heuchlerisch. Denn - liebe Kritikerin - so sah und sieht nun mal die Realität im Falle Gerhard Richters und vieler anderer bedeutender Maler des letzten Jahrhunderts aus. Sie hatten Frauen, die Ihre Kinder aufgezogene haben und für sie den Haushalt gemacht haben und Ihnen den Rücken freigehalten haben, Das mag eine Albtraumvorstellung für die feministische Kritikerin sein, es war aber im Falle dieses Künstlerlebens und vieler anderen nun mal einfach so. Schade ist auch noch, daß die Kritikerin die Anlehnung des Films an "Spielbergs" visuelle Bildsprache als etwas Negatives darstellt Über soviel Ahnungslosigkeit ist man entsetzt, wenn jemand professionell über Filme schreiben will.. Spielberg, der die komplette heutige Bildsprache des modernen Erzähl- und Kunstkinos entscheidend mitgeprägt hat, der wie kein zweiter auf dieser Welt versteht, große Bilder - auch im Unterhaltungskino für das "Unsagbare" zu finden. Es lohnt sich, das Meisterwerk " Schindlers Liste" nochmal anzusehen, liebe Frau Behn, wenn Sie hier schon so leichtfertig seinen Namen ins Spiel bringen. Mit Spielberg hat Henkel von Donnersmark allerdings wenig zu tun. Spielberg ist viel bescheidener und präziser, als Mensch und als Filmemacher.

Else Heuer · 23.10.2018

Bravo!!
Ich kann mich dem Geschriebenen nur anschließen. So eine Kritik kann nur jemand schreiben, der die damalige Wirklichkeit nicht erlebt hat und sie sich auch gar nicht vorstellen kann. Ich finde das sehr vermessen!!! Hoffentlich ließt Frau Behn auch unsere Kritiken über die ihrige!!!

B. Reuter · 02.10.2018

ICH HABE den Film gesehen und finde ihn großartig, bewegend, fesselnd, schön - Oscar-reif! Das „Werk“ der Kritikerin gefällt mir erheblich weniger (etliche Grammatik- und Satzzeichenfehler, falsche Namensschreibung, falsches Zitat, unschöner Stil) als der Film.
Unverschämt finde ich die unglaublichen Unterstellungen („Die Frauenfiguren und wie mit ihnen umgegangen wird, sind … wahrlich ein Graus“, „zelebriert insgeheim das Hart-Maskuline in Seebad“ - korrekt: SEEBAND -, „Ignoranz der historischen Bedeutungen gegenüber“ - korrekt DEN historischen Bedeutungen gegenüber -, „setzt den Holocaust und die Massentötungen der Nazis in einer gefährlichen und absolut populistischen Art miteinander gleich“).
Mir scheint, der Regisseur ist der Kritikerin - einer Liebhaberin von „Horror-, Science-Fiction- und Fantasyfilm jeder Art und Herkunft, sowohl Filmen, die absurd, trashig oder einfach "anders" sind“ - zutiefst unsympathisch, und deshalb verreißt sie seinen Film, wo sie nur kann. Die phantastischen Schauspielerleistungen sind ihr folglich auch kein Wort wert.

Alle Zitate aus kino-zeit.de.

Friedrich Fürst von Hammersmarck · 06.09.2018

Sehr interessante Kritik !

Ich habe den Film leider noch nicht sehen können, aber kenne Herr
Graf von Donnersmarcks Filme gut und will mir deswegen auch einen
Kommentar anmaßen.

Seit seinem banalen Breitwand-Ritter-Epos im Mini-Format "Der Templer" (2002)
- Ritter rettet Frau vor Hexenverbrennung, aber sie ist wirklich eine Hexe -
versucht sich Herr Florian am 'ganz großen Kino', mit unterschiedlichem Erfolg.

Dieser Film will offensichtlich ein ganz großes Epos sein, so wie David Lean
oder Visconti es vorbildlich konnten, aber die Deutschen eigentlich nie so recht.
Diese Ambition verdient durchaus Respekt, weil sie selten ist, aber leider
auch noch seltener gelingt. (Ich kann mich noch blaß an Margarethe von Trottas
3-Stünder "Das Versprechen" (1994) erinnern, der schnell vergessen war.)

Aber ich habe meine Zweifel, ob Herr Donnersmarck sich nicht übernimmt,
denn der Plot - auch wenn vieles auf realen Ereignissen basiert - klingt
zum Teil wie ein Groschen-Roman, der zu dick aufträgt.

Die Parallelmontage, die Sie ebenso wie andere Rezensenten kritisieren -
wahrscheinlich zurecht - ist für Herr Donnersmarck wohl nur der misslungene
Versuch die berühmten Montagen in den berühmten Epen von Francis Ford Coppola
nachzuahmen: Insbesondere in "Apocalypse Now" gibt es eine ähnliche
Parallelmontage, wo ein Mord mit einer rituellen Kuhschlachtung gleichgesetzt wird.
In "Der Pate" und "Der Pate III" waren finale Mord-Sequenzen mit einer Hochzeit
und einem sizilianischen Theaterstück parallel montiert. In "Bram Stoker's Dracula"
gibt es auch solche Sequenzen. Das war immer sehr effektvoll bei Coppola und
Herr Donnersmarck hat sich wohl einen ähnlichen 'Knaller' von diesem Stil-Mittel
für seinen Film versprochen.

Den Mord an unschuldigen Menschen durch die Nazis mit der Bombardierung einer
kriegswilligen Bevölkerung von NSDAP-Wählern gleichzusetzen ist schon intellektuell
verwirrend: Waren die Dresdner wirklich ähnlich 'unschuldig' ? Das wage ich zu bezweifeln.
Oder soll es uns sagen: Das war Eure gerechte Strafe dafür, dass ihr die nette Tante
vergast habt, Ihr miesen Nazis ! Auch das ist problematisch, denn die Aktion T4 lief
größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab und wurde auch - zumindest offiziell -
eingestellt, nachdem man protestierte. Die Nazis machten im Geheimen trotzdem weiter.
Wie soll man also diese Parallelmontage nun deuten, wenn die beiden Ereignisse nichts
direkt miteinander zu tun haben ? Tod = Tod ? Mord = Mord ? Sünde & Sühne ?

Besser man denkt darüber nicht zuviel nach...
Es ist letztlich nur ein ambivalenter Kino-Effekt, leider nicht so passend wie
in den Leinwand-Opern von Coppola, aber pompös genug um das deutsche
Volk zu beindrucken, dass ja den "Paten" auch ganz toll findet.

Diese Sequenz klingt für mich nach einem echten 'Donnersmarck' oder -
wie man vielleicht mal sagen wird - donnersmarck-esk, den es entspricht
scheinbar seiner überheblichen Persönlichkeit, die die Liebe zur Kunst
mit der Liebe zum Pompösen unglücklich verbindet: Alles, bitte, aber
alles mit Schlagsahne und bitte GROSS !

Donnersmarck ist ein geltungssüchtiger, extrem status-orientierter Kölner,
der in Interviews über seinen weissen Rolls-Royce in seinem Haus mit
Swimmingpool, dass - zufällig natürlich - in derselben Straße liegt, wo
Spielberg auch sein Haus hat, redet und redet...Kurz: Er ist ein Angeber.

"Das Leben der Anderen" hatte noch eine angenehme Sachlichkeit
und eine künstlerisch anmutende Konzentration auf das Wesentliche,
aber spätestens seit "The Tourist" macht der Florian nun eigentlich
nur noch eins: Angeberkino für Groschenroman-LiebhaberInnen.

Bescheidenheit ist eine Kunst, aber sie ist nicht die Kunst des Herrn
von Donnersmarck.

PS:
Man kann auch in "Das Leben der Anderen" den Groschen-Roman
entdecken unter der Kunst, wenn man will: Der Plot und einige
Szenen haben so starke Parallelen zu John Badhams erfolgreicher
Kriminalkomödie "Steakout" (1987), dass es mich verwundert hat,
warum es nicht mehr Menschen aufgefallen ist. Es wäre lohnend
einmal einen systematischen Vergleich zu machen, denn es
kann gut sein, dass Graf Florian den Film kannte, da er oft im
TV lief. Auch ein Genie braucht Inspiration, nicht wahr ?

Don Corleone · 27.09.2018

....über einen Film zu urteilen, den man noch nicht gesehen hat, ist genauso angeberisch, wie es Herrn Donnersmarck vorgeworfen wird.

Brigitte · 04.11.2018

Auf den Punkt gebracht. Der Film ist ausgesprochen sehenswert. Hier hat man den Eindruck, dass die vorhergehende Kritik rein persönlichen Charakter hat. Ein Film sollte ohne Vorteile angeschaut und erst dann eventuell kritisiert werden und nicht schon im Vorfeld.

Ulrike Schirm · 29.09.2018

Ein Dankeschön für diese klaren Worte. Was das Reden betrifft, ich habe noch nie erlebt, dass ein Filmemacher sich vor der Pressevorführung seines Films vorne hinstellt und in ca. 30 Minuten seinen gesamten Film erzählt. So geschehen bei WERK OHNE AUTOR. Man merkt seinem Machwerk nach kürzester Zeit an, dass er ehrgeizig auf den Oscar schielt. Die nominierung hat ja schon mal geklappt. Mit der Thematik "Nazihorror" kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Kommentare

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