Wenn die Flut kommt

Wenn die Flut kommt

Eine Filmkritik von Verena Kolb

Zwischen Kunst, Leben und Lebenskunst

Blutbefleckt, in einer Schürze und einer Stange Lauch in der Hand, steht die Hauptfigur des Theaterstücks „Sale Affaire“ auf der Bühne und spricht von der Suche nach „einer großen Liebesgeschichte, die beginnen soll“. Eben erst hat sie ihren Liebhaber umgebracht, was sie mit einer rauen, kratzigen Stimme erzählt, so als berichtete sie davon, was es am Vortag zu Mittag gegeben hat. Nun sucht sie eine neue histoire d’amour, ein neues Opfer, das sie auf ihre eigentümliche Art liebevoll „Küken“ nennt. Sie fragt nach einem Freiwilligen, blickt sich suchend im Publikum um und hat ihn dann auch schon gefunden – den Mann ihrer Träume, einen unschuldigen Theaterbesucher, bei jeder Vorstellung ein anderer. Sie fordert ihn auf zur eben begonnenen Liebesgeschichte, nimmt jedoch vorweg: „uns ist egal, wie sie endet“ – so als spielten Gefühle dabei keine Rolle.
So gefühlskalt und berechnend diese tragisch-komische Mörderin auch wirken mag, die Interpretin der Bühnenfigur beziehungsweise die Protagonistin in Wenn die Flut kommt / Quand la mer monte… lässt sich durch die eigenen Gefühlen ganz schön durcheinander bringen. Irène (Yolande Moreau) ist Ehefrau, Mutter und Bühnenschauspielerin und steht damit zwischen Familienalltag und fahrendem Künstlerdasein. Immer wieder tourt sie durch verschiedene Gegenden Frankreichs, um ihre Stücke in entlegenen Theatern, Altenheimen oder Vereinen aufzuführen. Als sie in einem nordfranzösischen Provinznest auf Dries trifft, der ihr erst bei einer Autopanne und später in der abendlichen Vorstellung als „Küken“ aushilft, beginnt für Irène eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die den Konflikt in ihr noch vergrößert.

Dries (Wim Willaert) ist ein Lebenskünstler, bodenständig und temperamentvoll. Eine richtige Familie hat er nicht; er lebt allein, wechselt immer wieder seine Jobs und lebt für die traditionellen Umzüge in den Dörfern der Region, bei denen er als Träger des Pappmachériesen Totor mitwirkt. Irène ist sofort fasziniert von Dries’ Natürlichkeit und spontanen Lebensweise. Dries bringt sie zum Lachen, lädt sie zu sich in seine Lagerhallenwohnung ein und fährt ihr jeden Tag aufs Neue hinterher, um ihr am Abend auf der Bühne als „Küken“ zur Seite zu stehen. Langsam und auf sehr zarte, fast schüchterne Weise kommen sich diese beiden so unterschiedlichen Menschen näher und verlieben sich ineinander – bis Dries im kindlichen Übermut zu weit geht und Irène sich ihrer Verantwortung als Ehefrau und Mutter bewusst wird.

Yolande Moreau, in Frankreich ein arrivierter Bühnenstar, spielt die Rolle der Irène im Wechselspiel mit der Theaterrolle der mordenden Liebhaberin so authentisch, als wäre es ihr Leben. Zusammen mit Gilles Portes hat sie das Drehbuch zum Film geschrieben und mit ihm zusammen die Regie übernommen. Den Titel ihres Regiedebüts haben sich die beiden bei Chansonnier Raoul de Godewarsvelde ausgeliehen: „Quand la mer monte…“ ist ein vor allem in Nordfrankreich ein noch sehr populäres Chanson, das, so Portes, „wie die Kirsche auf dem Kuchen“ für den Film war. „Das ansteigende Meer verwischt alle Spuren, erneuert den Sand und bedeckt eine Zeitlang alles“, fügt Moreau hinzu – wie die leidenschaftliche Liebe zwischen Irène und Dries alles verwischt, was vorher war, und für kurze Zeit Alltag, Familie und Sorgen vergessen lässt.

Wenn die Flut kommt /Quand la mer monte… ist ein sehr leiser, wunderschöner Film über die seltsamen Zufälle der Liebe und zwei grundverschiedene Menschen: die Künstlerin von Beruf, die doch eigentlich eine tugendhafte Ehefrau ist, und der Lebenskünstler, der sich im ‚normalen Leben’ versucht, immer wieder scheitert, und doch eigentlich auf eine Bühne oder in ein Jahrmarktszelt gehört. Der so zärtlich erzählte Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte wird durch die harten, kalten Szenen des Bühnenstücks gebrochen, was anfangs einen starken Kontrast zur ‚realen’ histoire d’amour aufbaut, am Ende aber genau das widerspiegelt, was sich zwischen Irène und Dries ereignet. Irène ermordet zwar ihren Liebhaber nicht, verlässt ihn jedoch auf fast ebenso grausame Weise – ohne ein Wort, ohne einen Grund anzugeben, so als wäre die Seifenblase des Liebestraumes einfach zerplatzt.

Wenn die Flut kommt

Blutbefleckt, in einer Schürze und einer Stange Lauch in der Hand, steht die Hauptfigur des Theaterstücks „Sale Affaire“ auf der Bühne und spricht von der Suche nach „einer großen Liebesgeschichte, die beginnen soll“.
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