Welcome to Pine Hill

Welcome to Pine Hill

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der widerspenstige Charme des Authentischen

Was an Keith Millers Welcome to Pine Hill als erstes auffällt, sind die vor allem technischen Unzulänglichkeiten: Die Kamera wirkt fahrig und nervös, die Montage ignoriert sämtliche Gesetzmäßigkeiten von Schnitt und Gegenschnitt, unterbricht bei Dialogen den Sprechenden, indem sie auf sein Gegenüber schneidet und der Ton scheint des öfteren keinerlei Nachbearbeitung erfahren zu haben. Ähnliches gilt für die Dramaturgie, die wie der auf das Cinéma Verité verweisende Stil des Films immer ein wenig rau und ungeschliffen erscheint und hinter deren Episodenhaftigkeit sich ein roter Faden nur mühsam erschließt. Kurzum: Es wäre ein leichtes, diesen Film abzutun als eher weniger gelungenes Beispiel eines US-Independentfilms, der mit wenig Geld, aber den besten Absichten, entstanden ist. Und dennoch wäre diese nur (maximal) die halbe Wahrheit, würde nur einen Bruchteil dieser Geschichte, dieses Films erzählen.
Der andere Teil der Geschichte erzählt nichts von der Kunst, aber umso mehr über das Leben. Im Falle von Welcome to Pine Hill ist es sogar das Leben des Regisseurs Keith Miller, um das es hier geht. Denn der erlebte genau so eine Szene, wie jene, mit der sein Film beginnt: Eines Nachts traf der Filmemacher per Zufall ganz in der Nähe seines Hauses auf einen Mann namens Shannon „Abu“ Harper, der eben jenen Hund an der Leine spazieren führte, den Miller vor zwei Monaten verloren hatte. Natürlich kam es zwischen den beiden Männern zu einem Gespräch, das sich um den Hund drehte, und wenn man die entsprechende Szene in Welcome to Pine Hill sieht, spürt man förmlich, wie latent aggressiv es dabei zugegangen sein muss. Und man merkt, dass es bei dem Streit, der wider Erwarten glimpflich und ohne Eskalation ausgeht, auch noch neben dem Hund um etwas ganz anderes geht: Um die unterschiedlichen Lebensumstände der beiden Männer, der eine weiß, der andere afroamerikanischen Ursprungs, um Verbitterung aufgrund der Lebensumstände, über die wir zunächst nicht allzu viel wissen, um soziale Wirklichkeiten in den USA heutzutage, um system- und gesellschaftsimmanente Rassen- und Klassenunterschiede, die nach wie vor Bestand haben. Keith Miller scheint die Episode der nächtlichen Begegnung nachhaltig beeindruckt zu haben, denn nach dem 2010 entstandenen Kurzfilm Prince/William, ist Welcome to Pine Hill schon die zweite filmische Arbeit, in der die Begegnung eine wichtige Rolle spielt. Womöglich liegt diese Faszination auch darin begründet, dass die Situation eben nicht eskalierte, sondern sich daraus beinahe so etwas wie eine Freundschaft entwickelte.

Der Langfilm aber vertieft diesen Diskurs über die soziale Realität nicht, sondern nimmt diese Episode lediglich als realen Ausgangspunkt, um sich anschließend ganz seinem Protagonisten (gespielt just von jener nächtlichen Zufallsbekanntschaft Shannon Harper) zuzuwenden. Der erfährt nämlich kurz danach, dass er nicht mehr lange zu leben hat – eine Krebserkrankung, die seinen Magen befallen hat, lässt ihm nur noch maximal sechs Monate zum Leben. Und eine Behandlung kann sich der massige Mann, der seinen kümmerlichen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Versicherungen und einem Job als Türsteher in einer Bar verdient, natürlich nicht leisten, weil er wie viele US-Amerikaner nicht im Besitz einer Krankenversicherung ist. Geschockt von der niederschmetternden Diagnose macht sich der eher schweigsame Mann auf, um die Überreste seines bislang wenig erquicklichen Lebens in Ordnung zu bringen, wodurch der Film zumindest ein klein wenig an Alejandro González Iñárritus thematisch ähnliches Drama Biutiful erinnert. Für den bisweilen etwas gedrechselt wirkenden magischen Realismus des mexikanischen Regisseurs ist aber in Millers sprödem Drama kein Platz. Hier findet sich keine Musik, die der Rau- und Trostlosigkeit des Films seine Schärfe und Unmittelbarkeit nimmt und die suggeriert, wann der Filmemacher auf welche Emotionen beim Zuschauer abzielt, hier finden sich keine kunstvoll erlesenen Bilder, die dem Leid und Elend eines sterbenden Mannes noch einen Rest von Erhabenheit verleihen.

Ganz nah mit der mobilen Kamera begleitet der Film nun diesen Koloss auf seiner vermutlich letzten Reise durch das Leben. Wir sehen ihn zusammen mit seiner Mutter, die sich Sorgen macht, dass ihr Junge wieder einmal in Drogengeschäfte verwickelt sein könnte, weil er ihr plötzlich das Geld zurückzahlt, das er sich vor einiger Zeit von ihr geliehen hat. Wir sehen ihn zusammen mit Freunden von früher, lauschen den Gesprächen und bekommen plötzlich einen Kloß im Hals, wenn ein Mann davon spricht, dass das Leben früher oder später zugrunde geht – weil wir wissen, dass es bei Harper schon bald, sehr bald, der Fall sein wird. Und weil wir dadurch seine tiefe Einsamkeit und Verzweiflung unmittelbar zu spüren bekommen.

Es ist vor allem die ungeheuer authentisch (ja, eigentlich ist das ja ein Unwort, doch genau bei diesem Film passt kein anderes Adjektiv besser als dieses) wirkende Inszenierungsweise Millers und das direkte, völlig natürliche wirkende Spiel seines Protagonisten, die diesem Film jenseits mancher Holprigkeiten und technischen Fehler eine große Unmittelbarkeit und enorme Wirkung verleihen. Auch wenn es anfangs schwer fällt, sich auf diesen Film einzulassen: Mit der Zeit entwickelt Welcome to Pine Hill einen Sog des Authentischen, den man so nur selten im Kino zu sehen bekommt.

Welcome to Pine Hill

Was an Keith Millers „Welcome to Pine Hill“ als erstes auffällt, sind die vor allem technischen Unzulänglichkeiten: Die Kamera wirkt fahrig und nervös, die Montage ignoriert sämtliche Gesetzmäßigkeiten von Schnitt und Gegenschnitt, unterbricht bei Dialogen den Sprechenden, indem sie auf sein Gegenüber schneidet und der Ton scheint des öfteren keinerlei Nachbearbeitung erfahren zu haben.
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