Weitertanzen

Weitertanzen

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Die Braut trägt Kopfschutz

Manche Bilder sind so schön, dass man ihren Symbolcharakter beim ersten Schauen glatt übersieht. Zum Beispiel die Frau, die gedankenversunken ihr Brautkleid anprobiert und dazu einen weißen Motorradhelm trägt. Die kurze Szene ist einer von vielen doppelsinnigen Kamerablicken in Friederike Jehns tragikomischem Hochzeitsdrama.
Die Sache mit dem Helm hat einen realen und einen emotionalen Hintergrund in dem beeindruckenden Langfilmdebüt der jungen Regisseurin. Zum einen sehen wir das Brautpaar wenig später tatsächlich auf dem Motorrad vom Standesamt zur Hochzeitsfeier brausen. Zum anderen spiegelt die Kopfbedeckung ein Sicherheitsbedürfnis und eine Angst vor seelischen Verletzungen. Tatsächlich hätte sie den Helm bei der nun folgenden Feier gut brauchen können – eine Art Horrortrip, bei dem so ziemlich alles Wirklichkeit wird, was man sich in den schlimmsten Albträumen einer solchen Feier ausmalt. Der Braut bleibt einfach nichts erspart: weder die aus der Rolle fallende Mutter noch die garstige Schwiegermutter, weder die glamouröse Ex des Bräutigams noch der eigene verflossene Liebhaber.

Man kann die Geschichte dieser Hochzeit auf zwei Ebenen erzählen. Objektiv-realistisch betrachtet geht es um das frisch verliebte Paar Maren (Marie-Christine Friedrich) und Arno (Barnaby Metschurat). Und um die ewige Frage: "Wie sehr liebst du mich". Oder anders formuliert: "Wie sicher bist du dir, dass du mich liebst". Arno ist sich sehr sicher. "200.000.000 Prozent" schreibt er mit einem Stift auf ihren Arm. "Dann beweise es mir", kontert Maren. Womit wir bei der Hochzeit wären - samt den ganzen Irrungen, die nun auf Maren warten.

Subjektiv betrachtet spiegeln die äußeren Ereignisse etwas, das im Inneren der Braut vorgeht. Wird er mich auch noch am nächsten Tag lieben? Hält er auch dann zu mir, wenn seine Eltern etwas gegen mich haben? Was ist mit seinen Freunden. Was mit seinen früheren Geliebten? Aber der schlimmste Zweifel geht von den eigenen Gefühlen aus. Bin ich mir wirklich sicher? Wie kann ich das sein? Was braucht es, damit dieses Gefühl anhält?

Subjektiv und objektiv – das sind Begriffe, die in einem erklärenden Text ihren Platz haben. Das Schönste an Weitertanzen ist aber, dass der Film beides miteinander verschmilzt. Die Filmsprache braucht den Unterschied nicht, in ihr sind Gegenstände und subjektive Färbung eins. Und so führt uns Friederike Jehn ganz unmerklich von einem realistischen Anfang immer tiefer in ein Labyrinth von Ängsten und Zweifeln, in einen Horrortrip mit gespenstischen Erscheinungen, die immer mal wieder auch ihre komischen Seiten haben. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Hochzeit als reale Veranstaltung. Es geht um das, wofür das Heiraten steht: um die Frage nach der Möglichkeit beziehungsweise eher der Unmöglichkeit, sich in einer Liebesbeziehung hundertprozentig sicher zu sein. Besonders dann, wenn man diese Sicherheit nicht aus sich selbst schöpfen kann, sondern von Beweisen des anderen abhängig macht.

Wie gesagt, es geschehen bisweilen merkwürdige Dinge in diesem altehrwürdigen Luxushotel, das sich wahlweise in ein Spukschloss, ein unüberschaubares Gewirr von Gängen oder eine klaustrophische Rumpelkammer verwandelt. Zu der zweideutigen, verwirrenden Atmosphäre tragen auch zwei Schauspieler bei, die das sensible Spiel der Hauptdarsteller kontrastreich ergänzen. Fassbinder-Star Ingrid Caven legt als Marens Mutter einen wunderbar exzentrischen Auftritt hin. Und Stipe Erceg (Die fetten Jahre sind vorbei) gibt den geheimnisvollen Draufgänger, dem man jederzeit zutraut, das Fest komplett aufzumischen.

Dass die beiden Stars der Debütantin sozusagen das Ja-Wort gaben, zeugt von ihrem Vertrauen in das Drehbuch. Sie dürften nicht enttäuscht worden sein. Weitertanzen hat das Zeug zum Geheimtipp. Bei den Hofer Filmtagen 2008 bekam der Film den Eastman-Förderpreis. Weitere Auszeichnungen hätte er durchaus verdient.

Weitertanzen

Manche Bilder sind so schön, dass man ihren Symbolcharakter beim ersten Schauen glatt übersieht. Zum Beispiel die Frau, die gedankenversunken ihr Brautkleid anprobiert und dazu einen weißen Motorradhelm trägt. Die kurze Szene ist einer von vielen doppelsinnigen Kamerablicken in Friederike Jehns tragikomischem Hochzeitsdrama.
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