We Were Here

We Were Here

Eine Filmkritik von Lida Bach

Sie haben überlebt. Fünf Menschen. Fünf Geschichten. Fünf von Tausenden, die nicht mehr berichten können, was sie erlebten, was sie fühlten angesichts des sicheren Todes. Nicht zuletzt ihnen verleiht We were here eine Stimme. Zu den „Voices from the AIDS-Years in San Francisco“ zählen auch diejenigen der Menschen, die die Zeit nicht überlebten. Der Titel von David Weissmans Reportage scheint mit ihren Worten zu sprechen: „we were here“ — Wir waren da, uns gab es, als das AIDS-Trauma einbrach.
Der Leitsatz des eindringlichen und hintergründigen Dokumentarfilms ist auch der der Interviewten. Sie erzählen über die Anfangsjahre der Schwulenbewegung in San Francisco, über ihr Leben und davon, wie die Krankheit es veränderte. Die Erfahrung, welche die unterschiedlichen Biografien eint, ist vor allem die des Verlusts. Die historischen Bilder und Erfahrungsberichte, die We Were Here: Voices from the AIDS-Years in San Francisco versammelt, gehen unter die Haut. Manche der Szenen vergisst man nie: ein Künstler zeigt in verschiedenen Tanzposen seinen Körper. Die Krankheit hat ihn gezeichnet, aber noch nicht besiegt. Gewinnen wird sie letztendlich doch. Keiner der Protagonisten ist dem Tod entronnen. Und wer selbst nicht erkrankte, hat Freunde oder Bekannte an das tödliche Virus verloren.

Weissmans umfassende Reportage ist mehr als ein bewegendes Zeitdokument. Die Voices from the AIDS Years in San Francisco artikulieren die energische Forderung nach Anerkennung. Der Einbruch von AIDS über das Amerika der frühen 1980er wird bis heute nicht als die nationale Tragödie wahrgenommen, die sie war. Die AIDS-Katastrophe in San Francisco und dem Rest der USA wird zu oft noch als Drama der Gay-Community betrachtet. Mit der Zuweisung des Leidens auf eine spezifische Gruppe wird der Umfang klein geredet. Die Beschränkung dient auf doppelte Weise der Selbstvergewisserung der Allgemeinheit. Sie stärkt ein trügerisches Sicherheitsgefühl: betrifft AIDS nur eine Gruppe, lautet der Umkehrschluss, dass alle, die nicht zu dieser Gruppe gehören, nicht von AIDS betroffen sind. Gleichzeitig wird die Erkrankung zum Stigma und Synonym für Schuld. Eingrenzung wird zu Abgrenzung. Abgrenzung wird zu Ausgrenzung.

Neben dem AIDS-Schock traf die Menschen die Diskriminierung sowohl als Schwule wie auch als AIDS-Kranke, unabhängig davon, ob beides tatsächlich zutraf. Gerade als die schlimmsten Formen der Diskriminierung überwunden schien, als die Forderung der Schwulenbewegung nach Gleichberechtigung lauter wurde, schlug die zaghafte Akzeptanz um. Flammten die Anfeindungen nach dem Bekanntwerden der Erkrankung in verstörender Brutalität auf. Nicht nur hier weckt We Were Here Zorn. Wut entsteht auch angesichts der gefühlten eigenen Hilflosigkeit.

Die fünf Protagonisten, anhand deren individueller Erlebnisse Weissman eine kollektive Geschichte erzählen, setzen der Ohnmacht etwas entgegen. Die eindringliche Aufnahme einer Ära, deren Wirken in der Gegenwart andauert und sich in der Zukunft fortsetzt. Die allgemeine historische Wahrnehmung nachhaltig zu verändern, ist ein langwieriger und strapaziöser Prozess. Der Weg ist noch lange nicht zu Ende gegangen. Doch We Were Here markiert darauf einen bedeutenden Schritt.

We Were Here

Sie haben überlebt. Fünf Menschen. Fünf Geschichten. Fünf von Tausenden, die nicht mehr berichten können, was sie erlebten, was sie fühlten angesichts des sicheren Todes. Nicht zuletzt ihnen verleiht We were here eine Stimme. Zu den „Voices from the AIDS-Years in San Francisco“ zählen auch diejenigen der Menschen, die die Zeit nicht überlebten. Der Titel von David Weissmans Reportage scheint mit ihren Worten zu sprechen: „we were here“ — Wir waren da, uns gab es, als das AIDS-Trauma einbrach.
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