We Are the Flesh

We Are the Flesh

Eine Filmkritik von Falk Straub

Mit Haut und Haaren

Wie kein anderes Genre bedient der Horrorfilm die Lust des Publikums am Verdrängten. Regisseur und Drehbuchautor Emiliano Rocha Minter befriedigt diese in seinem beeindruckenden Debüt We Are the Flesh mit einer fiebrigen Mischung aus Postapokalypse, Tabubruch und Mindfuck.
Der Wahnsinn starrt ihm aus den Augen. Vielleicht liegt es daran, dass Mariano (Noé Hernández) zu lange allein gelebt, die Einsamkeit umarmt hat. Abgeriegelt von der Außenwelt hat der zerzauste Einsiedler ein Stockwerk in einem der letzten unzerstörten Gebäude besetzt. Dort baut er sich eine Höhle, in deren verästelten Gängen seine Gedanken, betäubt vom selbstgebrannten Schnaps, keine Grenzen mehr kennen. Als die Geschwister Lucio (Diego Gamaliel) und Fauna (María Evoli) auf der Suche nach etwas Essbarem in seine Behausung vordringen, gewährt Mariano ihnen Unterschlupf. Doch die Gegenleistung dafür übersteigt ihr Vorstellungsvermögen und das mancher Zuschauer. Immer tiefer zieht Marinao seine Gäste in die Tiefen seines Geists hinab, bis die Geschwister jenseits aller Zivilisation Anstand und Sitte fahren lassen.

Was vor vierzig Jahren funktionierte, hat seinen Reiz auch heute nicht verloren. Bereits 1973 brach Michel Piccoli in Claude Faraldos Themroc mit allen Konventionen und mutierte mitten in seiner Pariser Wohnung zum Höhlenmenschen. We Are the Flesh verneigt sich vor diesem Cinema of Transgression, ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Im Jahr 2016 sollten eine sexuell selbstbestimmte, fordernde Protagonistin, tabuisierter, explizit dargestellter Geschlechtsverkehr und Kannibalismus als Provokation eigentlich ausgedient haben. We Are the Flesh dürfte aber nicht nur im katholischen Mexiko, sondern auch hierzulande einige Zuschauer und Kritiker vor den Kopf stoßen. Was bei Faraldo noch als anarchische Gesellschaftssatire gemeint war, wächst sich bei Emiliano Rocha Minter zu einer fiebrigen Phantasmagorie aus.

Minter beweist, dass es keiner überbordenden Budgets, Sets und Spezialeffekte bedarf, um visuell visionäres Kino zu schaffen. Für seine pulsierenden Einstellungen, von denen sich das Publikum teils verschreckt abwenden will und doch nicht losreißen kann, genügen Minter wenige Räume, drei aufopfernde Darsteller und ein virtuoser Umgang mit Bild und Ton. Wiederholt schwellen kleine Alltagsgeräusche zu enervierenden Klangteppichen an. Wenn Mariano durchdreht, rotiert auch Yollótl Alvarados Kamera. Dann wieder schwankt und taumelt sie durch die von Gelb- und Rottönen erwärmte Höhle. An diesem Unort, wo kein Tag und keine Nacht herrschen, verschwimmen Zeit und Raum, Realität und Imagination. Hier ist Sex eine tödliche Angelegenheit und hier gebiert totes Fleisch neues Leben, bis die Fleischeslust schließlich zur Lust nach Fleisch wird.

Trotz der kurzen Laufzeit von 79 Minuten könnte das alles noch etwas dichter und stringenter erzählt sein. Auch verzettelt sich Minter in mancher Provokation, versteigt sich in (religiöse, politische und sexuelle) Metaphern, die sich selbst etwas zu gut auf der großen Leinwand gefallen, und bleibt dadurch ganz bewusst rätselhaft und unergründlich. Was sein Film letztlich sein will – ob Gesellschaftskritik, wenn etwa die Höhlenbewohner einem ihrer Opfer zur mexikanischen Nationalhymne die Kehle durchschneiden, ob sittlich libertäres Plädoyer oder schlicht alptraumhafte Vision, muss jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. Eines aber ist gewiss: Mit We Are the Flesh hat Emiliano Rocha Minter einen kleinen Rohdiamanten des Genres zutage gefördert, der schön schmutzig funkelt.

We Are the Flesh

Wie kein anderes Genre bedient der Horrorfilm die Lust des Publikums am Verdrängten. Regisseur und Drehbuchautor Emiliano Rocha Minter befriedigt diese in seinem beeindruckenden Debüt "We Are the Flesh" mit einer fiebrigen Mischung aus Postapokalypse, Tabubruch und Mindfuck.
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