Warum läuft Herr R. Amok?

Warum läuft Herr R. Amok?

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Keine Antworten von den Herren F.

Würde der Titel dieses Ereignis nicht ankündigen, würde sicherlich kaum jemand vermuten, dass dieser Herr Raab (Kurt Raab) Amok laufen würde, trotz der unsäglichen Tristesse, von der seine Existenz gezeichnet ist. Dabei deutet der Titel dieses Films von 1969, der lediglich auf einer Improvisationsvorlage der beiden Regisseure Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder beruht, nicht etwa die Rekonstruktion dieser unvermittelten Tat an, sondern gibt die Frage nach der Motivation des Täters schlicht und ergreifend an das Publikum weiter.

Der Familie Raab – Vater, Mutter (Lilith Ungerer) und Kind (Amadeus Fengler) – geht es augenscheinlich sehr gut. Herr Raab arbeitet in einer kleinen Bürogemeinschaft mit netten Kollegen als technischer Zeichner, seine Frau kümmert sich um den Haushalt, schmiedet vage Karrierepläne für ihn und plaudert konventionell mit den Nachbarn, während Sohn Amadeus ein stiller Geselle ist, der gerade ein wenig Schwierigkeiten in der Schule hat. Die Großeltern und ein alter Schulfreund von Herrn R. kommen zu Besuch, man geht spazieren, die Beziehung der Eheleute wird in den Abendstunden bei einem Glas Wein oder Bier auch schon mal zärtlich und die seltenen kleinen Konflikte bleiben im Rahmen des Alltäglichen. Alles bleibt angedeutet, unspektakulär und dabei derart banal, dass die improvisierten Kommunikationen des Ensembles in ihrem inszenierten Naturalismus eine beinahe unerträgliche Inhaltsleere transportieren – alles ist weitgehend in Ordnung, doch dieses „alles“ mutet an wie ein gewaltiges Nichts.

Bei einem Betriebsfest fällt Herr R. angetrunken ein wenig aus der Rolle, was seine Frau peinlich berührt, verärgert und zu verächtlichen Vorwürfen verführt, die jedoch unpathetisch und leise bleiben. Sein Arzt empfiehlt ihm, das Rauchen aufzugeben, um seinen temporären Kopfschmerz und erhöhten Blutdruck in den Griff zu bekommen, was Herr R. auch angeht, und dann kommt es an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Abend plötzlich zu der schwer erklärlichen Tat, die mit einem Male eine enorme Bedeutung in die Verhältnisse der Familie katapultiert, die der Zuschauer zu ihren Lebzeiten geradezu schmerzlich vermisste.

Warum läuft Herr R. Amok? ist ein schlichtes, ungemütliches und elendig schwermütiges Porträt eines so genannten unauffälligen Durchschnittsbürgers und seiner Familie Ende der 1960er Jahre in Deutschland, für das die Regisseure mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet wurden. Der Film beantwortet seine titelgebende Frage in keinster Weise, und auch wenn sich die eine oder andere Spekulation anstellen lässt, fehlen doch die dazugehörigen Anhaltspunkte innerhalb der Handlung, so dass der Zuschauer allein auf sich selbst zurückverwiesen wird, worin zweifellos die bemerkenswerte Qualität der Geschichte besteht, die zwar an sich kaum berührt, aber dennoch unangenehm nachwirkt.

Die DVD enthält als Extra die Dokumentation Ich will nicht nur, dass ihr mich liebt von Hans Günther Pflaum, die einen ausführlichen und höchst aufschlussreichen Einblick in das Fassbinder-Universum gewährt, und manch aufmerksamem Zuschauer mag es vor diesem Hintergrund gelingen, der Geschichte des Herrn R. zumindest ein wenig näher rücken zu können.
 

Warum läuft Herr R. Amok?

Würde der Titel dieses Ereignis nicht ankündigen, würde sicherlich kaum jemand vermuten, dass dieser Herr Raab (Kurt Raab) Amok laufen würde, trotz der unsäglichen Tristesse, von der seine Existenz gezeichnet ist.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme mit

Kurt Raab

Lilith Ungerer

Franz Maron