Wahre Lügen

Wahre Lügen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine meisterhafte Verneigung vor dem Film noir

Die Filme von Atom Egoyan sind jedes Mal aufs Neue ein Ereignis. Denn es gibt kaum einen zeitgenössischen Regisseur, der in ähnlich perfekter Weise Intellektualität und Emotion, visuelle Raffinesse und narrative Vertracktheiten zusammenbringt. Egoyans letztes Werk Ararat war wohl sein persönlichster Film, konnte aber an den Kinokassen nicht überzeugen, wohl weil die Thematisierung des Völkermords an den Armeniern zu sperrig war, um neben den üblichen Verdächtigen auch „normale“ Zuschauer ins Kino zu locken. Sein neuester Film Where The Truth Lies – der deutsche Titel Wahre Lügen ist etwas unglücklich gewählt und kollidiert fatalerweise mit einem Schwarzenegger-Streifen namens True Lies – zeigt den Meister der verschachtelten existenziellen Stories nun wieder in Höchstform, ein ebenso sinnlicher wie intellektueller Genuss, dem möglichst viele Zuschauer zu wünschen sind.
Die USA in den Fünfzigern, den goldenen Zeitalter der Vereinigten Staaten: Lanny Morris (Kevin Bacon) und Vince Collins (Colin Firth) treten als Comedy-Duo auf und stehen auf dem Zenith ihrer Karriere. Während Lanny den zynisch, schmuddligen Aufreißertypen gibt, der mit „Hoppla-jetzt-komm-ich“-Attitüde die Herzen der Damen erobert, gibt Vince den britisch-unterkühlten Gentleman, der für einen Rest von Niveau bei den Shows zuständig ist. Die Wahrheit hinter der Fassade aber sieht anderes aus: Jenseits des Glamour nämlich beherrschen Drogensucht und mafiöse Verwicklungen ebenso das Leben der beiden Komiker wie die Jagd nach schnellem Sex und die Erkenntnis, in verhängnisvoller Weise miteinander verbunden zu sein, auf Gedeih und Verderb. Als eines Tages eine offenbar ertränkte schöne junge Frau (Rachel Blanchard) in der Hotelsuite der beiden gefunden wird, bedeutet das das jähe Ende der Karriere des Duos. Zwar haben beide für den Todeszeitpunkt ein perfektes Alibi bereit, doch fortan gehen die beiden Komiker getrennte Wege und vermeiden jeglichen Kontakt miteinander. 15 Jahre später macht sich die Journalistin Karen O’Conner (Alison Lohman) daran, eine Biographie über das legendäre Duo zu schreiben, in dem freilich auch das Mysterium der toten Schönen nicht fehlen darf. Stück für Stück nähert sich die Schreiberin den wahren Ereignissen jenes verhängnisvollen Tages an und enthüllt ein Geflecht aus verschwiegenen Leidenschaften und Lügen, Begierden und Abhängigkeiten, dem auch sie sich selbst nicht entziehen kann.

Auf den ersten Blick ist der Hauptplot von Wahre Lügen / Where The Truth Lies ein relativ einfach gestrickter Krimi, bei dem es vordergründig um die Frage geht, wer für den Tod einer jungen Frau verantwortlich ist. Hinter dieser einfachen Frage, die dem Film allerdings trotz seiner verschachtelten Erzählstruktur eine unglaubliche Stringenz, ja geradezu einen Sog gibt, verbergen sich allerdings eine Vielzahl verzwickter Subplots, die dem Film eine nahezu philosophische Tiefe geben, wie etwa die Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Wirklichkeit. Nebenbei seziert Egoyan gänzlich unaufdringlich, aber mit unerbittlicher Schärfe die gesellschaftlichen Verhältnisse und die öffentliche Doppelmoral in die amerikanischen Gesellschaft, die – so möchte man meinen – sich seit dem Zeitalter der Unschuld, den goldenen Fünfzigern nicht wirklich verändert hat. Ein lebenskluges, scharfsinniges, betörend gespieltes und exquisit gefilmtes Werk, das man sich getrost mehrmals anschauen sollte, man wird immer wieder etwas Neues dabei entdecken.

Wahre Lügen

Die Filme von Atom Egoyan sind jedes Mal aufs Neue ein Ereignis. Denn es gibt kaum einen zeitgenössischen Regisseur, der in ähnlich perfekter Weise Intellektualität und Emotion, visuelle Raffinesse und narrative Vertracktheiten zusammenbringt.
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Meinungen
bruns · 07.02.2006

Einer der schlechtesten Filme der letzten Jahre!! Von wegen philosophische Tiefe und vetrackte Story. Alles grottig und bis auf 2 Leute, die bemerken, dass sie Bi sind, auch keine überraschenden Wendungen.
Keinen Cent wert der Film

ich · 01.02.2006

hab den film gerade im sneak preview gesehen und ich bin begeistert, endlich mal wieder ein film mit niveau.
mehr verrate ich nicht

Kommentare

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