Von einem der auszog: Wim Wenders frühe Jahre

Von einem der auszog: Wim Wenders frühe Jahre

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Suche nach dem Himmelreich

„Meine erste große Kinoliebe wurde das kleine Mädchen Alice, alias Yella Rottländer, aus Wim Wenders’ Kinofilm Alice in den Städten. Filme hatten vor dieser Begegnung in meinem Leben keine besondere Rolle gespielt. Doch von dem Tag an, als ich dieses 1974 gedrehte, melancholische Roadmovie das erste Mal sah, sog ich Wenders’ Filme in mich auf, einen nach dem anderen, da sie fähig waren, Antworten auf wichtige Fragen meines Lebens zu geben. Später animierten sie mich dazu, selbst Filme zu machen“, so beschreibt Marcel Wehn die Uridee zu seinem Film Von einem der auszog: Wim Wenders frühe Jahre. Und sein Vorbild zeigte sich schnell sehr aufgeschlossen dem Projekt gegenüber, nach bereits 20 Minuten und einem ausgearbeiteten Exposé stand der Entschluss des Regisseurs, bei diesem Film mitzuwirken fest. Fast scheint es so, als habe Wenders, der normalerweise als scheu gilt, seine Zurückhaltung abgelegt, da hier jemand sein ureigenstes Medium, den Film wählt, um dem Regisseur Raum für ein vorläufiges Resümee zu geben.
Der Schweiger – so nennen ihn die Kollegen, die Bewunderer ebenso wie die Spötter. Und die erste Liebe sowieso. Weil er den Mund einfach nicht aufkriegt – oder nur viel zu selten und viel zu spät. Weil seine Frau Donata, die eher nicht von der schweigsamen Sorte ist – zumindest vermittelt das der Film – oftmals erst nach zwei Tagen eine Antwort erhält. Umso erstaunlicher ist es, dass der junge Regisseur Marcel Wehn den großen Schweiger dann doch zum Reden gebracht hat und dass dieses Gespräch das Rückgrat des Films bildet. Neben diesen Interviewpassagen, in denen Wim Wenders nicht immer wortreich, sondern stets nachdenklich Auskunft über sich, seinen Werdegang und einschneidende Erlebnisse gibt, spricht Wehn auch mit Donata Wenders und Weggefährten wie Peter Handke, Bruno Ganz, Robby Müller, Lisa Kreuzer und vielen anderen mehr. Das wirkt bisweilen sehr betulich, sehr angestrengt und selten nur locker. Manchmal scheint es gar so, als wolle Wehn sein großes Vorbild imitieren, so zeigt er Wenders auf der Fahrt in einen kleinen niedersächsischen Ort namens Himmelreich, der zum Bedauern des Symbolisten Wenders so gar nichts Paradiesisches an sich hat – eine zentnerschwere Metapher für die Suche nach dem Glück, nach Anerkennung, nach künstlerischer Erfüllung. Darunter leidet ein wenig die Leichtigkeit, der Esprit, die Zugänglichkeit zu diesem großen, vielleicht größten deutschen Filmemacher der letzten Jahrzehnte. Ein wenig zugespitzt, aber durchaus in der Sache zutreffend brachte es ein Journalist in der epd film auf den Punkt: „Dem Dokumentarfilm fehlt das Wesentliche (und damit ist nicht das Komma im Titel gemeint).“ Stille und Schweigen – manchmal können sie wohltuend sein im endlosen Geplapper, Geplauder und Geschwätz. Bei diesem Film aber erweisen sie sich in manchen Momenten als bleischwere Bürde. Für Fans des Filmemachers ist Von einem der auszog: Wim Wenders frühe Jahre trotz kleiner Schwächen ein gelungener Rückblick auf das Schaffen von Wim Wenders, wer hierüber aber als Neuling einen Zugang zum Werk des großen Schweigers sucht, sollte sich lieber dessen Filme anschauen.

Von einem der auszog: Wim Wenders frühe Jahre

„Meine erste große Kinoliebe wurde das kleine Mädchen Alice, alias Yella Rottländer, aus Wim Wenders’ Kinofilm Alice in den Städten. Filme hatten vor dieser Begegnung in meinem Leben keine besondere Rolle gespielt.
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Meinungen
wolfgang mattern · 25.01.2008

Eigentlich ist dies weniger ein Film über die öffentliche Person "Filmregisseur Wim Wenders" als Autor bekannter und erfolgreicher Filme, sondern einer über den Versuch eines empfindsamen und nachdenklichen Menschen, sich selbst in dem, was ihm vom Leben her begegnet und dem, was er tut, zu erkennen und der eigenen Identität immer wieder neu zu nähern, darin sich treu zu bleiben und mit Mut weiterzugehen, ohne zurückzuschauen ("Ich kann nur vorwärts."). Dass dabei auch - von den seinerzeit Beteiligten (Schauspieler, Ehefrauen, Mitarbeiter) unterschiedlich erlebte und bewertete - Beziehungen auseinandergingen und teilweise offene Fragen und auch Verletzungen hinterließen, zeigen die Äußerungen der zeitweiligen WeggefährtInnen. Spannend ist, wie sich die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung bzw. die formende Kraft der Erinnerung im Widerspruch von Worten und Bildern zeigt. In dem, was er durch Auswahl des Materials davon erkennen läßt, geht Marcel Wehn ein nicht geringes Risiko ein, denn hier reicht das Private leicht an das Politische heran, insofern Beteiligte und Zuschauer sich in ihrer Auffassung von Leben und dem, was man davon öffentlich mitteilen darf, zu nahe berührt fühlen könnten.

Indem Wim Wenders eine öfentliche Person ist, wird es möglich, auch andere Menschen für die brüchige, tastend suchende und nicht mainstream-konforme Biografie eines Künstlerleben zu interessieren.

Loysa · 17.01.2008

Der Film vermittelt u.a. wie schwer "das Wesentliche" in Beziehungen kommuniziert werden kann, trotz rasanter Entwicklung von Kommunikations-möglichkeiten.
Wenn Wenders sich Zeit lässt im Schweigen und Suchen, deutet es darauf hin, daß das "Wesentliche" nicht immer mit vorschnellen Antworten gefunden werden kann. Es darf auch holprig sein. Es ist gut, wenn das im Film spürbar wird.

Kommentare

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