Von der Beraubung der Zeit

Von der Beraubung der Zeit

Eine Filmkritik von Lisa Hedler

Intimer Einblick in eine parallele Lebenswelt

In Film und Fernsehen sind sie allgegenwärtig. Jeder Krimi benötigt mindestens einen, in Actionfilmen und Thrillern können häufig gleich mehrere beobachtet werden: Die Rede ist von Menschen, die jemanden umgebracht haben, die Rede ist von Mördern.
Selten zieht man eine Verbindung zwischen medialen Mördern und jenen im realen Leben. In vielen Filmen wird Verbrechern ein tiefschichtiges psychologisches Profil gezeichnet, was ihnen in der Realität im Allgemeinen möglicherweise nicht anerkannt wird. Vielleicht würde das zu nah gehen. Eine Identifikation mit jemandem, der ein Schwerverbrechen begangen hat, ist schwierig. Helmut Poschner kennt dieses Gefühl: Er hat jemanden umgebracht und sitzt bereits seit vielen Jahren im Gefängnis. In dem Dokumentarfilm Von der Beraubung der Zeit erzählt er von einer Kindheitserinnerung: Wenn er früher im Fernsehen einen Mörder sah, hatte er Angst vor diesem Menschen. Empfand ihn als etwas Unheimliches, etwas Unberechenbares, das einem das Leben nehmen kann. Jetzt ist er selber zu dieser Person geworden, vor der man Angst hat. Zu dem Menschen, der ausgeschlossen ist – und muss sich damit auseinandersetzen.

Von der Beraubung der Zeit von Daniel Postrak und Jörn Neumann zeigt die drei Insassen Kenny Berger, Samuel Conley und Helmut Poschner, die alle schon seit geraumer Zeit im Gefängnis sitzen – Berger beispielsweise bereits seit 1977. Der Film strukturiert sich durch Fragen, die nacheinander von Berger, Conley und Poschner beantwortet werden. Auf diese Weise erfolgt eine intensive Fokussierung auf die drei Insassen: Es geht nur um die Personen an sich und ihre Gedankenwelt. Die Antworten sind wichtig. Neben ihren Stimmen wird nur ein Sprecher eingeblendet, der aus den verschiedenen literarischen Texten der drei etwas vorträgt. Wie beispielsweise aus Gitterkind von Berger – der auch Preisträger des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene ist – Gitter in der Nacht von Conley oder auch Mauerfall von Helmut Poschner. Durch die Kombination von Aufnahmen der öden Tristesse von grauen Mauern aus kaltem Beton und den Zitaten dieser Texte wird eine tiefe Einsamkeit vermittelt, die aus Isolation, Gefangenschaft und Aussichtslosigkeit resultiert. Nur nicht an morgen denken. Nur nicht an die Zukunft denken, ist eine der Devisen.

Berger, Conley als auch Poschner reden über ihren Aufenthalt – über diesen "großen Batzen steinerner Jahre", der hinter und auch noch vor ihnen liegt. Sie erzählen von ihren Träumen, dem Zellenaufbau, ihrem Haftraum, dem Alltag, dem Wert ihrer Fenster und auch der generellen Bedeutung ihrer Haft. Sie sprechen von "draußen", von der Realität, von körperlicher Nähe, von dem Verhältnis von Zeit und Strafe und auch davon, was ihnen Zeit bedeutet. Bei allen Antworten begegnen uns in diesem Film intelligente Menschen, die sich wohlüberlegt und ehrlich äußern. Ihre Erfahrungen, Gedanken und Ängste verarbeiten sie in ihren Texten. Ihre Geschichten sind literarisch kreativ, aber auch traurig tragisch – sie gehen nahe.

Generell zeichnet sich der Film durch einen langsamen Erzählfluss aus, was zwar manchmal anstrengend erscheinen mag, aber – Obacht, wichtig – zum Konzept des Films passt. Lebenszeit ist ein bedeutendes Thema des Films, wenn nicht gar das Thema schlechthin, mit dem sich jeder auseinandersetzen muss. Doch hinter Mauern verändert sich die Bedeutung dieser Zeit noch einmal. Die Insassen müssen den Fortgang ihres Lebens neu definieren.

Von der Beraubung der Zeit ist ein Film, der in die Tiefe geht. Langsam, aber lohnenswert, vielleicht wie der Mensch, der an sich arbeitet. Der Dokumentarfilm setzt sich mit der Materie "Gefängnisalltag" auseinander, ohne den Schwerpunkt auf Brutalität und Gewalt zu legen. Es ist ein Blick ins Seelenleben der Inhaftierten. Der Film ist still. Und intensiv.

Die Regisseure Daniel Postrak und Jörn Neumann haben mit dem Dokumentarfilm ein äußerst feinsinniges Porträt gezeichnet. Es gelingt ihnen, keine Klischees zu zeigen und einen ehrlichen Blick auf Menschen zu werfen, deren Hauptaufgabe es letztlich ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Von der Beraubung der Zeit

In Film und Fernsehen sind sie allgegenwärtig. Jeder Krimi benötigt mindestens einen, in Actionfilmen und Thrillern können häufig gleich mehrere beobachtet werden: Die Rede ist von Menschen, die jemanden umgebracht haben, die Rede ist von Mördern.
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