Vivere

Vivere

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Leben und nichts anderes

Es gibt Weihnachtsfeste, an denen läuft alles schief. Zunächst misslingt der Braten, der sich im Herd langsam dem Aggregatzustand von Steinkohle annähert, dann gerät die im trauten Heim versammelte Familie aus nichtigen Gründen in heftigen Streit. Und zum Schluss fängt auch noch der Weihnachtsbaum Feuer und fackelt das gesamte Mobiliar ab. Zugegeben – ganz so schlimm kommt es in Angelina Maccarones neuem Film Vivere dann doch nicht, doch das Weihnachtsfest der 17-jährigen Antonietta (Kim Schnitzer), ihrer älteren Schwester Francesca (Esther Zimmering) und deren Vater Enrico Conchiglia (Aykut Kayacik) als gelungen zu bezeichnen, dafür spricht nun auch wenig. Leicht hat es die Familie sowieso nicht, seit vor Jahren die Mutter von einem Tag auf den anderen die Koffer packte und das Haus verließ. Seitdem kümmert sich Francesca um ihre renitente jüngere Schwester, besorgt den Haushalt und trägt nebenbei durch Taxifahrten noch zum Lebensunterhalt bei, sie ist große Schwester, Ersatzmutter und Seelsorgerin in einer Person – ein Leben in permanenter Selbstaufgabe. Klar, dass sie mit diesem Zustand wenig zufrieden ist, doch sie ergibt sich ihrem Schicksal. Antonietta ist da schon anders, sie will raus aus der Enge Köln-Pulheims, will etwas erleben, erträgt den lethargischen Vater und die behütende Schwester nicht mehr. Und just an diesem Weihnachtsabend folgt sie ihrer abwesenden Mutter und büxt aus. Der Grund dafür ist – natürlich – ein Mann, der niederländische Freak und Rockmusiker Snickers (Egbert-Jan Weeber), den sie erst vor kurzem kennen gelernt hat und von dem sie nun schwanger ist – wovon die Familie natürlich nichts ahnt. Kaum ist Antonietta verschwunden, macht sich Francesca pflichtbewusst auf die Suche nach ihrer Schwester und gerät unversehens zu einem Unfallort, an dem sie auf die verletzte Gerlinde (Hannelore Elsner) trifft. Eigentlich will Francesca die seltsame ältere Frau ja so schnell wie möglich wieder loswerden, doch Gerlinde denkt nicht im Traum daran, im Krankenhaus zu bleiben, sondern findet sich schneller als gedacht wieder in Francescas Taxi ein. Denn Gerlinde hat das gleiche Ziel wie Francesca – Rotterdam. Und von nun an kreuzen und überschneiden sich die Wege von Antonietta, Francesca und Gerlinde immer wieder. Und schnell merken die drei Frauen, dass sie mehr verbindet als nur die Laune einer besonderen Nacht…
Was sich auf den ersten Blick wie eine straighte Geschichte liest, ist in Wirklichkeit ein wenig vertrackter gestaltet: Denn Angelina Maccarone (Fremde Haut, Verfolgt) erzählt ihre Story in drei annähernd gleich großen Segmenten, die jeweils eine Sicht ihrer Protagonistinnen auf den Lauf der Dinge repräsentieren. Zunächst verwirrend, da der erste Teil aus Francescas Sicht zu viele Fragen unbeantwortet lässt, entwickelt die mäandernde Dramaturgie erst im Verlauf des ganzen Films ihre Wucht und ihre eigentliche Botschaft, die verdeutlicht, was wir alle längst geahnt haben: Die Wahrnehmung, unsere Wahrnehmung ist eine selektive, weswegen es schwer fällt, von objektivierbaren Wahrheiten zu sprechen, erst die Gesamtschau aller Perspektiven vermittelt ein annähernd stimmiges Bild. Das ist zwar mittlerweile eine Binsenweisheit, doch gerade im Film fallen wir immer wieder hinter diesen Kenntnisstand zurück und glauben bedingungslos alles, was Drehbuchschreiber und Regisseure uns erzählen.

Darüber hinaus berichtet dieser Film von den verschiedenen Widrigkeiten des Lebens, von kaputten Familien, die unter dem Schock der Trennung der Eltern ihren Halt verloren haben, von den pubertären Versuchen, aus der Enge und dem Muff einer seelenlosen Vorstadt auszubrechen, von der Selbstaufgabe Francescas, die von ihrem eigenen Pflichtbewusstsein beinahe erdrückt wird und von der Verzweiflung Gerlindes über das Verhalten ihrer verheirateten Geliebten, die niemals ihre gutbürgerliche Familie verlassen wird, um mit der alternden Bettgefährtin zusammenzuleben. Eine Menge Probleme also, die hier versammelt werden, doch es ist vor allem der sparsamen Inszenierung, den knappen Dialogen und den messerscharf gesetzten Szenen zu verdanken, dass einem diese verwirrende Vielfalt niemals zu viel wird, sondern sich am Ende ein stimmiges Gesamtbild ergibt.

Auch die drei Hauptakteurinnen Kim Schnitzer, Esther Zimmerling und Hannelore Elsner als wundervoll verlebte, den Exzess suchende Pensionärin im emotionalen Unruhestand funktionieren wunderbar, und in kurzen magischen Momenten scheint es sogar möglich, dass sich hinter Gerlinde Antoniettas und Francescas verschwundene Mutter verbirgt. Auch wenn dem nicht so ist, der Film entlässt uns mit der befriedigenden Erkenntnis wieder nach draußen, dass sich hier drei ganz besondere Frauen mit Schwächen und Fehlern zusammengefunden haben, um das Leben zu meistern – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Vivere

Es gibt Weihnachtsfeste, an denen läuft alles schief. Zunächst misslingt der Braten, der sich im Herd langsam dem Aggregatzustand von Steinkohle annähert, dann gerät die im trauten Heim versammelte Familie aus völlig nichtigen Gründen in heftigen Streit.
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Meinungen
Susanne · 27.04.2008

Dieser Film ist sehr gut gemacht. Die verschiedenen Sichtweisen der drei Frauen mit ihren Nuancen sind höchst spannend erzählt, weil jedes Mal ein anderes Detail hinzukommt.
Ein Glanzpunkt auch die Schauspielerinnen - alle 3!!!

Kommentare

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