Viramundo

Viramundo

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Gilberto Gil auf Sinnsuche

In seiner Heimat Brasilien gilt er als gleichermaßen berühmte wie bedeutsame politische Persönlichkeit, und international – vor allem auf dem Territorium der Weltmusik – ist der mit dem Grammy und dem schwedischen Polar Music Prize ausgezeichnete Künstler mit elf Goldenen und fünf Platin Schallplatten ein erfolgreicher Star. Betrachtet man Gilberto Gil im Rahmen der Dokumentation Viramundo so ganz persönlich, erscheint der freundliche, aufgeschlossene sowie dezente ältere Herr und Musiker wie ein Reisender auf der Sinnsuche.
Es ist eine ganz besondere Tournee, die Gilberto Gil, geboren 1942 in Salvador da Bahia, im Alter von über siebzig Jahren mit seiner Band unternimmt und die ihn von seiner Heimatstadt aus nach Australien, nach Südafrika und schließlich wieder nach Brasilien ins Amazonasgebiet führt. Hier geht es nicht vorrangig um die Konzerte oder gar das Vagabundenleben unterwegs in Bussen und Hotels, sondern vielmehr um die Begegnungen Gilberto Gils mit den Menschen und Musikern dieser unterschiedlichen Regionen, bei denen er offensichtlich jenseits der Tournee-Etikette ganz entspannt mit ausreichend Zeit für Gespräch und Gesang zu Gast ist. In Australien sind es die Aborigines, die ihn besonders interessieren und zu einem traditionellen Männer-Ritual einladen. Hier trifft er auch die Songwriterin Shellie Morris, die als Nachfahrin der Ureinwohner ihre unwegsame Familiengeschichte erzählt und gemeinsam mit Gilberto Gil ein melancholisches Liedchen spielt. In Südafrika wohnt Gilberto Gil den Proben des auch in Europa bereits bekannten MIAGI Youth Orchestras bei, ein Projekt, das in Pretoria junge Musiker unterschiedlichster Herkunft zusammen fördert, und später gibt es einen gemeinsamen Auftritt. Der ortsansässige Sänger Vusi Mahlasela – Komponist der Filmmusik zu Tsotsi von Gavin Hood – berichtet von den Repressalien des einstigen Apartheid-Regimes und philosophiert mit dem brasilianischen Gast über Politik und Poesie, und selbstverständlich geraten auch diese beiden Musiker in klingende Schwingungen miteinander. Zurück in Brasilien bereist Gilberto Gil am Ende seiner Tournee die Region am Amazonas mit ihren tropischen Regenwäldern, und hier empfangen ihn die modernen, sich auf ihre Wurzeln besinnenden Ausprägungen und Protagonisten der heimatlichen Musik.

Der schweizerische Dokumentarfilmer Pierre-Yves Borgeaud und sein Kameramann Camille Cottagnoud waren auf dieser Tournee mit von der Partie und haben einen Film entstehen lassen, der den schlichten, treffenden deutschen Zusatztitel Eine musikalische Reise mit Gilberto Gil trägt. Den Fokus der Musik flankieren die unspektakulären, zutiefst menschlichen Begegnungen in persönlicher Atmosphäre, landschaftliche Impressionen und Gesprächsfragmente, die allerdings durch den geradezu beliebig wirkenden Schnitt von Daniel Gibel häufig einen schlüssigen Zusammenhang vermissen lassen. Auf diese Weise bleiben sowohl ein stabiles Leitmotiv als auch ein kongruentes Konzept weitgehend auf der Strecke, so dass Viramundo trotz punktueller Pointiertheit insgesamt zu einer vage inszenierten Collage angedeuteter Aspekte und angerissener Emotionalitäten gerät. Dies betrifft auch die großen Themen der Marginalisierung von Minderheiten, des (Post-) Kolonalismus und der persönlichen wie kulturellen Identität, die derart präsentiert leider lediglich als signifikante Schlagwörter auftauchen.

Gilt er gemeinsam mit seinem Weggefährten Caetano Veloso als der wichtigste Aktivist der so bezeichneten Tropicalismo-Bewegung des Brasiliens der späten 1960er Jahre, die ihm politische Verfolgungen und Inhaftierungen einbrachte, war Gilberto Gil zwanzig Jahre später selbst als Politiker aktiv, bis hin zu seiner Funktion als Kulturminister unter der Regierung Lula da Silvas von 2003 bis 2008. Die politischen Verflechtungen seien ihm allerdings zu komplex, bekennt der enorm erfolgreiche Musiker im Film Vusi Mahlasela gegenüber, er sei nun einmal primär Poet, und diese Botschaft transportiert und zelebriert Gilberto Gil auch mit klanglich betonter Wucht inhärent innerhalb der Dokumentation. Dabei sind konkrete Daten und Fakten ebensowenig von Belang wie nähere Betrachtungen gesellschaftlicher und kultureller Zusammenhänge. Denn hier geht es offensichtlich eher um subsummierende Schulterschlüsse auf einer Suche nach dem Spiegel der eigenen Empfindungen und Erfahrungen in der fernen Fremde, die harmonisierend unter dem Motto Musik erlebt werden sollen. Gilberto Gil ist daran gelegen, für seine Identität zu kämpfen, indem er diese im Zuge eines dynamischen Prozesses permanent, sozusagen alltäglich zu erneuern bemüht ist – in dieser Mission ist vermutlich auch der Sinn seiner Reise zu verorten. Doch Gilberto Gil ist nicht etwa mit positiver Propaganda unterwegs, sondern lässt wohlweislich seine Musik und seine Lyrics selbst zum Vehikel seiner Botschaft von Freundschaft, Liebe, Partizipation, Gemeinschaft und Versöhnung über alle Grenzen hinweg geraten.

Viramundo

In seiner Heimat Brasilien gilt er als gleichermaßen berühmte wie bedeutsame politische Persönlichkeit, und international – vor allem auf dem Territorium der Weltmusik – ist der mit dem Grammy und dem schwedischen Polar Music Prize ausgezeichnete Künstler mit elf Goldenen und fünf Platin Schallplatten ein erfolgreicher Star.
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