Vier Fenster

Vier Fenster

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Vier Perspektiven auf eine Familie

Eine ganz normale Familie irgendwo in Deutschland: Ein Mann, eine Frau, zwei erwachsene Kinder. Die perfekte Oberfläche: langweilig, keimfrei und verlässlich – so präsentieren sich die vier Hauptpersonen in Christian Moris Müllers Film Vier Fenster. Doch man ahnt es schnell, dass jedes der Familienmitglieder diverse Leichen im Keller hat: Der Sohn (Frank Droese) treibt sich in Pornokinos und auf schmuddeligen Toiletten herum auf der Suche nach schnellem Sex, die Tochter (Theresa Scholze) ist schwanger und man hat lediglich eine (fürchterliche) Ahnung, wer der Vater des ungeborenen Kindes sein könnte. Und zwischendrin die Eltern (Margarita Broich und Thorsten Merten), verstrickt in Schuld, Entsetzen und Hilflosigkeit. Vier Personen zwischen gegenseitiger Abstoßung und einer unüberwindbaren Anziehung, unfähig voneinander zu lassen und miteinander auszukommen – eine wahre Familienhölle, die jeweils aus der Perspektive jedes einzelnen Betroffenen gezeigt wird.
In langen, manchmal quälend langen Einstellungen, in denen die ohnehin verlorenen Figuren des Films noch einsamer und verlassener wirken, als sie es eh schon sind, erforscht Christian Moris Müller in Vier Fenster die Seelenlage einer ganz normalen deutschen Familie. Das Ergebnis seiner Versuchsanordnung ist beileibe kein gutes und lehrt, dass unter der ganz normalen Oberfläche das Grauen lauert. Das an sich ist nun wahrlich keine neue und Bahn brechende Erkenntnis, und so liegen die Innovationen dieses kleinen Familiendramas mehr in der Inszenierung als in dem, was erzählt wird. Müller erklärt nichts, sondern lässt alleine seine Figuren sprechen oder eben auch lange schweigen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt oder das Unsagbare einmal mehr alle Kommunikation zum Erliegen bringt. Das ist mitunter recht mühsam anzuschauen, birgt aber in manchen Momenten Aspekte in sich, die man so bislang noch nirgendwo anders gesehen hat.

Vielleicht ist es mit Filmen ja wie mit der dargestellten Familie: Es fällt schwer sie zu lieben, aber wenn man ihnen ein klein wenig Respekt entgegenbringt, zeigen sie ihre unter der spröden Oberfläche verborgenen Seiten, die abstoßend, zärtlich und klug beobachtet zugleich sind. Wahrlich keine leichte Kost für jedermann.

Vier Fenster

Eine ganz normale Familie irgendwo in Deutschland: Ein Mann, eine Frau, zwei erwachsene Kinder. Die perfekte Oberfläche: langweilig, keimfrei und verlässlich – so präsentieren sich die vier Hauptpersonen in Christian Moris Müllers Film Vier Fenster.
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Meinungen
Ellen · 02.12.2007

Nicht einfach, dafür umso intensiver. Ich konnte die emotionale und räumliche Enge in der die Familie lebt körperlich spüren. Wirklich eindrucksvoll. Bin gespannt auf den nächsten Film von Christian Moris Müller.

Kommentare

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