Verliebt, verlobt, verloren

Verliebt, verlobt, verloren

Eine Filmkritik von Falk Straub

Verlorene Väter

Sung-Hyung Cho dreht etwas andere Heimatfilme. In Full Metal Village brachte uns die in Südkorea geborene Regisseurin mit viel Augenzwinkern ihre Sicht auf die Bundesrepublik anhand des Metal-Festivals im Dörfchen Wacken nahe. In Endstation der Sehnsüchte folgte sie deutschen Männern, die mit ihren südkoreanischen Ehefrauen im Rentenalter nach Asien gezogen sind. Verliebt, verlobt, verloren schließt Chos eigenwillige Trilogie nun ab – und behandelt erneut ein spannendes Thema der Zeitgeschichte.
Der Kalte Krieg trieb manch seltsame Blüte. 1952, während der Koreakrieg noch in vollem Gange war, schickte der Norden Studenten in sozialistische Bruderländer wie die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Dort sollten sie das Rüstzeug erwerben, um das zerstörte Vaterland wieder aufzubauen. Doch wie seltsam und fremd musste den Studenten, die kein Wort deutsch sprachen, dort alles vorgekommen sein? Zum Glück trafen die Nordkoreaner auf hilfsbereite Genossen. Vor allem die sozialistischen Schwestern hatten es ihnen angetan.

Doch der Austausch währte nicht lang. Nach Stalins Tod kam es zu einem Richtungsstreit im internationalen Kommunismus. Während die DDR der Tauwetterpolitik der Sowjetunion folgte, schlug sich Nordkorea auf die Seite der Chinesen. Die Studenten wurden wieder abgezogen. Viele von ihnen hatten sich da bereits prächtig integriert, ließen nicht nur einen westlichen Lebensstil mit Jeans und Dauerwelle, sondern auch Frauen und Kinder in Ostdeutschland zurück. Animierte Sequenzen künden von dieser Reise ins Unbekannte und führen das Publikum zügig in dieses bislang nur wenig geläufige Kapitel der DDR ein. Der Ton ist, trotz der ernsten Thematik, heiter bis melancholisch.

Verliebt, verlobt, verloren erzählt die Geschichte der Zurückgebliebenen. Den Müttern fällt es selbst mit dem Abstand von vier Jahrzehnten sichtlich schwer, über die Vergangenheit zu sprechen. Manche plagt das schlechte Gewissen den Kindern gegenüber. Unter amüsante Anekdoten mischt sich Schwermut angesichts der Machtlosigkeit gegen die erzwungene Trennung. Bei den längst erwachsenen Kindern überwiegt hingegen die Neugier, mehr über ihre Väter zu erfahren, die ihr Leben lang abwesend waren und in der alten Heimat neue Familien gründeten. Die Kamera begleitet sie dabei, wie sie alte Universitätsakten wälzen, versuchen Kontakte nach Nordkorea zu knüpfen oder eine streng überwachte Reise dorthin unternehmen. Liana Kang-Schmitz hat gar zum Thema promoviert. Sie dient dem Film als Stichwortgeberin, die die Zuschauer nach und nach mit Fakten füttert.

Allen gemein ist das Gefühl der Andersartigkeit. Die Kinder wuchsen nicht nur ohne Vater auf, sondern wurden von ihren Mitschülern auch als Kuriosität beäugt. Hänseleien standen auf der Tagesordnung. "Schlitzauge" oder "Pappchinese" gerufen zu werden, war eher die Regel als die Ausnahme. Und so erzählt Verliebt, verlobt, verloren auch davon, wie es sich anfühlt, fremd im eigenen Land zu sein. Der Film zeichnet die Versuche der Protagonisten nach, sich anzupassen, sich etwa die Haare blond zu färben oder den ungewohnt klingenden Nachnamen zu ändern. Die nordkoreanische Seite ihrer Herkunft schoben sie lange Zeit beiseite. Ein Bewusstsein dafür brach sich bei vielen erst im Erwachsenenalter bahn.

Regisseurin Sung-Hyung Cho inszeniert das gewohnt ruhig mit einem feinen Sinn für Ironie und die Absurditäten des Alltags. Ihr ist ein berührendes Porträt über Heimat, Heimatlose und Heimatsuchende gelungen, das zudem ein bislang eher vernachlässigtes Kapitel der (ost-)deutschen Geschichte beleuchtet. Im Gegensatz zu Full Metal Village (2006) und Endstation der Sehnsüchte (2009) geht Verliebt, verlobt, verloren aber die nötige erzählerische Geschlossenheit ab. Der Dokumentarfilm präsentiert zu viele Protagonisten, zwischen deren Schicksalen er zu unvermittelt hin und her wechselt. Entscheidende (historische) Fakten bleiben lange offen, werden erst spät im Film geklärt. Statt Spannung zu erzeugen, stiftet Verliebt, verlobt, verloren dadurch unnötig Verwirrung. Das macht es schwer, dem ansonsten gelungenen Film jederzeit zu folgen.

Verliebt, verlobt, verloren

Sung-Hyung Cho dreht etwas andere Heimatfilme. In "Full Metal Village" brachte uns die in Südkorea geborene Regisseurin mit viel Augenzwinkern ihre Sicht auf die Bundesrepublik anhand des Metal-Festivals im Dörfchen Wacken nahe. In "Endstation der Sehnsüchte" folgte sie deutschen Männern, die mit ihren südkoreanischen Ehefrauen im Rentenalter nach Asien gezogen sind. "Verliebt, verlobt, verloren" schließt Chos eigenwillige Trilogie nun ab – und behandelt erneut ein spannendes Thema der Zeitgeschichte.
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