Verfolgt

Verfolgt

Eine Filmkritik von Gesine Grassel

Der Liebe ganze Härte

Starke Frauen und kontroverse Themen sind ihre Passion: Die Kölner Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone gilt seit ihrem Fernsehdebüt Kommt Mausi raus?! als Ausnahmetalent. Spätestens mit ihrem Kinofilm Fremde Haut über eine iranische, lesbische und als Mann verkleidete Asylbewerberin gelang ihr im vergangenen Jahr der Durchbruch. Ohne je eine Filmhochschule von innen gesehen zu haben, sammelt die 41-Jährige vor allem Publikumspreise bei Filmfestivals. Ihr weites Themenspektrum hat dabei meist einen gemeinsamen Nenner: Frauen, die sich in Frauen verlieben. Sie hat dazu beigetragen, die lesbische Frau publikumstauglich zu machen.
In ihrem neuen Film Verfolgt stehen erotische Wünsche und Begierde einer Frau im Vordergrund. Angelina Maccarone bleibt dabei ihren Prinzipien treu, denn wieder verfällt die Bewährungshelferin Elsa einer unkonventionellen Versuchung: Ihrem 16-Jährigen Schützling Jan Winkler, den sie nach einem Gefängnisaufenthalt in die Wirklichkeit zurück bringen und betreuen soll. Zwischen der verheirateten Elsa und dem Minderjährigen beginnt ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel aus Unterwerfung, sexueller Begierde und Tabu-Brüchen. Dass die beiden anfänglich zögerlich und später mit völliger Selbstverständlichkeit den Sadomasochismus als Spielart der Sexualität ausleben, stellt die Regisseurin dar ohne zu bewerten oder gar zu urteilen. Sie hat nicht den Anspruch, sich ernsthaft mit der Lust am Schmerz und Grenzüberschreitung auseinanderzusetzen, sondern zeigt bewusst unaufgeregt wie das routinierte und ausgeglichene Leben von Elsa ins Wanken gerät.

Sie beginnt ihr Leben zu hinterfragen. In körnigem Schwarz-Weiß, der die Schauspieler ehrlich und intim zeigt, spart Maccarone mit nackter Haut, SM-Elementen oder Instrumenten, konzentriert sich lieber auf Erniedrigung und beginnende Abhängigkeit. Fast zu dicht begleitet die Kamera die Figuren über volle 87 Filmminuten, die sich nicht über Sex sondern eigene Wünsche, Begierde und Neugier aneinander herantasten. Der Film bricht visuell wie inhaltlich mit Konventionen. Als sich Jan mit einem fest geschnürten Hundehalsband unterwerfen will wie die jungen Sklaven in Pasolinis Klassiker Die 120 Tage von Sodom, hängt Elsa ihm stattdessen ein Handy um und statuiert ihren Besitzanspruch mit dem Anspruch auf ständige Erreichbarkeit.

Neben aller inhaltlichen Brillanz sind es aber vor allem Nachtschwester Maren Kroymann und Kostja Ullmann, bekannt aus Sommersturm, die dem Film seine Großartigkeit und Einzigartigkeit verleihen. SM im gutbürgerlichen Milieu ist kein leichter Stoff. Die 57-Jährige Kroymann verkörpert ihre Filmfigur Elsa mit verstörender Hingabe und Intensität, schämt sich im brutalen Licht der Kamera weder ihrer Falten noch der subversiven Rolle mit abartigen Fantasien. Der erst 22-Jährige Ullmann wirkt im Gegensatz dazu knabenhaft, jung und unschuldig. Trotz völliger Unterwerfung bleibt seine Rolle würdevoll und zeigt einen innerlich zerrissenen Teenager.

Verfolgt ist kein Film für Voyeure, sondern ein Seelendrama, das ohne plakative Gewalt oder Nacktszenen auskommt, und doch dem Thema vollends gerecht wird. Genau wie die geheimen Treffpunkte der beiden immer dunkler und schmutziger werden, genauso tiefer wagt sich der Film vor in die seelischen Abgründe. Zwei unterschiedliche Menschen tasten sich gemeinsam an ihre Lust heran und loten eigene und fremde Grenzen aus. Immer heimlich und in der Angst entdeckt und verurteilt zu werden.

Angelina Maccarone beweist mit ihrem zweiten Kinofilm erneut ihre Brillanz für die Themen Identitätssuche und sexuelle Unkonformität. Von streng bis locker, ernst bis lustig – ihre Fähigkeit Geschichten zu inszenieren ist außergewöhnlich und es bleibt spannend, was in den nächsten Jahren von dieser Ausnahmeregisseurin zu sehen sein wird. Verfolgt ist ein Film, den das deutsche Kino gebraucht hat und der sich hoffentlich ein großes Publikum erspielt. Den ersten Preis konnte der Film schon für sich verbuchen: Beim Filmfestival in Locarno wurde er mit dem Goldenen Leoparden in der Sektion "Cinéastes du présent" ausgezeichnet.

Verfolgt

Starke Frauen und kontroverse Themen sind ihre Passion: Die Kölner Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone gilt seit ihrem Fernsehdebüt Kommt Mausi raus?! als Ausnahmetalent.
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Meinungen
Jürgen Michalski-Niewrzoll · 07.01.2007

Das Reizvolle an diesem Film (für mich): Das er nichts erklärt, nichts aufklärt, sondern nur erzählt. Nur so wird es möglich, diese Geschichte einfach als Liebesgeschichte zu sehen, romantisch, ein bißchen wild, zärtlich und anrührend. Es wäre so einfach und billig gewesen, z.B. die Kindheit von Jan zu nutzen, um sein sehr spezielles sexuelles Erleben zu begründen. Nichts davon. Das ist gut so.

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