Verborgene Welten 3D - Die Höhlen der Toten

Verborgene Welten 3D - Die Höhlen der Toten

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Reise ins Unterwasserreich der Maya

Erkundungen in unzugänglichen Höhlen mit einer 3D-Kamera – war da nicht etwas? Natürlich denkt man dabei sofort an Werner Herzogs Dokumentarfilm Die Höhle der vergessenen Träume / Cave of Forgotten Dreams, wenn man die kurze Synopsis von Norbert Vanders Unterwasser-Exkursion Verborgene Welten 3D – Die Höhle der Toten liest. Das liegt nicht zuletzt auch an der Ähnlichkeit des englischen Titels, der in letzterem Fall Cave of the Dead lautet. Sonst aber haben die beiden Filme trotz der Nähe des Themas und der Verwendung des Titels recht wenig miteinander zu tun – sie markieren vielmehr die beiden qualitativen Antipoden und verdeutlichen einmal mehr, wie unterschiedlich Herangehensweisen und das Endergebnis bei ähnlichen Voraussetzungen sein können.
Die Cenoten auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan bilden unterhalb der Erdoberfläche das vermutlich größte zusammenhängende Unterwassersystem der Welt. Die mit Süßwasser gefüllten Kalksteinlöcher bilden den Zugang zu einem verborgenen Höhlenlabyrinth, das nach wie vor weitgehend unerforscht ist und das während der Hochkultur der Mayas eine enorme kultische Bedeutung für die Menschen hatte. Dort unten, so vermutete man, befände sich das Reich der Toten und die Löcher in der Erde galten als Tore zur Unterwelt Xibalba („Ort der Angst“), als Pforten des Übergangs von der diesseitigen in die jenseitige Welt. Insgesamt knapp 10.000 Cenoten soll es geben, sie haben nicht nur als Kultstätten des Todes, sondern durch ihre Süßwasservorräte auch als Quellen des Lebens eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Maya zur Hochkultur.

Da die meisten dieser Zugänge zur Unterwelt bislang auch aufgrund der mangelnden technischen Möglichkeiten nahezu unerforscht sind, bildet die Forschungsreise, die Norbert Vander und sein Team mit der Kamera begleiten, eine absolute Ausnahmeerscheinung, wie vor einigen Jahren Werner Herzogs filmische Reise in die Chauvet-Höhle. Hier wie dort gelingen faszinierende 3D-Bilder, die man selbst wohl nie in natura zu Gesicht bekommen wird. Leider aber wird die stille Größe und formal-technische Brillanz der Bilder vom Bemühen, mit höchst durchsichtigen Mitteln eine Spannungsdramaturgie zu erzeugen, konterkariert. Oder konkret: mit einem permanent hyperventilierenden Off-Kommentar zugelabert, mit beinahe schon peinlichem Reenactment (wilde Tänze inklusive) garniert und mit Musiksoße aus der untersten Schublade des B-Movie-Abenteuergenres zugekleistert, so dass am Ende nicht mehr viel von den hehren Absichten des Projekts übrigbleibt.

Besonders der Kommentar eines Erzählers, der niemals genau benannt wird, verärgert dabei durch Geraune, das pausenlos suggerieren will, man befände sich hier nicht bei einer wissenschaftlichen Expedition, sondern mindestens bei einem Abenteuer, von dem selbst ein wackerer Held wie Indiana Jones nur träumen kann. Hinzu kommt, dass selbst dem ungeübten Zuschauer auffällt, wie viel hier offensichtlich inszeniert wurde. Das beginnt bereits bei der ersten Lagebesprechung, bei der der Expeditionsleiter seinen Kollegen genau erklärt, wie die vermuteten unterirdischen Wasseradern verlaufen – kaum zu glauben, dass ein Team von Spezialisten so unvorbereitet solch eine Exkursion auf sich nimmt. Auch später zeigen sich immer wieder deutlich jene Momente, in denen Behauptung und die deutlich zu sehenden Tatsachen einander widersprechen – wenn etwa ein Taucher eine schmale Passage durchschwimmt, von der gesagt wird, dass man sich in ihr kaum bewegen könne, während die Kamera das Geschehen aber nicht von vorne oder hinten, sondern von der Seite zeigt – und damit dort positioniert ist, wo doch eigentlich kein Platz mehr sein dürfte.

Noch doller kommt es später, als sich das Team zu einem wahren Tauchmarathon aufmacht, um einen bislang unbekannten Weg von den Cenoten zum Meer zu unternehmen. Laut Darstellung ein Tauchtrip mit ungewissem Ausgang – und doch wartet prompt die Kamera bei einem Aufstieg. Gut möglich, dass dieser Zwischenstopp zuvor besprochen war, doch es bleiben einige Fragen nach dem Inszenierungsgehalt des Dokumentarfilms, der es – so scheint es zumindest – für einen Spannungsbogen mit der Authentizität nicht so genau nimmt. Das wirkt bisweilen so, als hätten sich die Macher von Terra X mit den Redakteuren des „Männer-Senders“ DMax zusammengetan, um Wissenschaft und Archäologie mal so richtig sexy und spannend zu machen – wer weiß, vielleicht hat die Studienrichtung ja Nachwuchsprobleme und das Ganze stellt sich irgendwann als gigantisches Rekrutierungsprojekt für junge Forscher heraus.

Wären da nicht die faszinierenden 3D-Bilder, fiele einem wahrlich kein guter Grund ein, warum man ausgerechnet diesen Film im Kino sehen muss – außer man interessiert sich explizit für Höhlentaucherei und Unterwasser- Archäologie. Spätestens sobald autostereoskopische TV-Geräte sich endgültig zum Massenprodukt mit tiefer Marktdurchdringung gemausert haben werden, wird, so mag man prophezeien, der Weg solcher Dokumentationen und der gerade um sich greifenden Schwemme an „von oben“- Werken ohne Umweg über die große Filmleinwand geradewegs in den Heimkino-Bereich führen. Und das ist dann auch gut so…

Verborgene Welten 3D - Die Höhlen der Toten

Erkundungen in unzugänglichen Höhlen mit einer 3D-Kamera – war da nicht etwas? Natürlich denkt man dabei sofort an Werner Herzogs Dokumentarfilm „Höhle der vergessenen Träume“ / „Cave of Forgotten Dreams“, wenn man die kurze Synopsis von Norbert Vanders Unterwasser-Exkursion „Verborgene Welten 3D – Die Höhle der Toten“ liest. Das liegt nicht zuletzt auch an der Ähnlichkeit des englischen Titels, der in letzterem Fall „Cave of the Dead“ lautet.
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