Vénus noire

Vénus noire

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Der Mensch ist des Menschen Wolf

1817 hält der französische Mediziner und Naturwissenschaftler Georges Cuvier vor den Mitgliedern der Royal Academy of Medicine den Vortrag seines Lebens. Er hat den Körper der toten Südafrikanerin Saartjie „Sarah“ Baartman einer ausführlichen Anatomie unterzogen. Für Couvier ist diese Frau und ihr ganzes Volk dem Affen näher als dem zivilisierten Europäer. Abdellatif Kechiches neuster Spielfilm Vénus Noire erzählt die Geschichte dieser Frau (Wobei an dieser Stelle gleich gesagt werde muss, das der ganze historische Kontext derart komplex ist, dass er jede Rezension sprengen würde).
Dabei konzentriert er sich vor allem auf die sieben Jahre vor Saartjie Baartmans Tod. Saartjie wird da gerade von ihrem „Besitzer“ nach England gebracht und soll dort als „Venus Noire der Hottentotten“ die Menschen belustigen. Dabei wird sie im Käfig gehalten, an die Leine gelegt und muss sich von den Zuschauern anfassen lassen. Die Freakshow wird in den Slums der Großstädte sehr schnell zum Hit. Allerdings gibt es auch Bürger, die gegen Sarahs Behandlung protestieren.

Kechiche inszeniert das Ganze nicht als konventionelles Biopic, sondern konzentriert sich auf die nahezu in Echtzeit gefilmten Shows. Dabei kann man in aller Grausamkeit die Entwürdigung eines Menschen studieren. Fast an die Grenze des Erträglichen stoßen Shows, in denen Sarah auftritt. Sie gelangen mit dem Verlauf des Films immer weiter an die Grenzen der Vergewaltigung, um sie dann schließlich zu überschreiten. Kechiche will diesen erbarmungslosen Effekt. Er setzt dabei auf eine Ästhetik, die sich allein damit begnügt eine möglichst wuchtige Authentizität zu erzeugen.

Kechiche, der aus Tunesien stammt, hat sich in Frankreich als einer der wichtigsten Vertreter des magrebinischen Kinos etabliert. Deshalb sind seine Filme meist die Fallstudien von Migrantenproblemen. Werke wie L’esquive und Couscous mit Fisch weisen allerdings auch auf eine formale Vielseitigkeit des Autors hin. So wechselt er immer wieder den Erzählrhythmus und räumt seinen Geschichten den Platz für Absurdes und Humorvolles ein. Vénus Noire hat das nicht. Kechiche evoziert bereits in der ersten Viertelstunde beim Zuschauer ein völlig unangenehmes Gefühl der Schuld. Wie können Menschen sich gegenseitig etwas so bestialisches antun? Eine Frage, an der sich jeder selber abarbeiten muss. In Venus Noire gibt es daher auch fast keine lichten Momente, keine Szene der Hoffnung oder der möglichen Flucht aus dieser Situation.

Vielleicht lässt sich so etwas nur in einem nahezu nichtigen Moment des Films finden: In Paris muss Sarah vor einer verkommenen Gruppe Aristokraten auftreten. Nach einer Reihe widerlicher Misshandlungen soll sie dem belustigten Publikum zeigen, dass diese „Wilde“ ein absolutes Gehör besitzt. Sie greift zu einer primitiven Geige und spielt die Melodie eines Geigers nach. Sie macht das perfekt. Die Zuschauer sind begeistert und Kechiche montiert in diese Szene, den Blick des Geigers hinein. Für diesen kurzweiligen und fast übersehbaren Moment, meint man in den Augen des Geigers etwas zu sehen, was sonst alle Figuren – auch die, die es vordergründig Gut mit Sarah meinen — vermissen lassen: Mitleid.

Venus Noire ist ein Film mit einem Anliegen. Und vielleicht sind das die besten Filme, wenn sie nicht allzu gewaltig auf ihrer Botschaft beharren. Ob es Kechiche gelingt, gewichtige Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Perversion adäquat zu verhandeln – darüber lässt sich hervorragend streiten. Doch jeder Film, über den es sich zu streiten lohnt, ist es auch wert gesehen zu werden.

Vénus noire

1817 hält der französische Mediziner und Naturwissenschaftler Georges Cuvier vor den Mitgliedern der Royal Academy of Medicine den Vortrag seines Lebens. Er hat den Körper der toten Südafrikanerin Saartjie „Sarah“ Baartman einer ausführlichen Anatomie unterzogen. Für Couvier ist diese Frau und ihr ganzes Volk dem Affen näher als dem zivilisierten Europäer.
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Meinungen
mo · 30.12.2010

in frankreich läuft er ab 27 Okt. 2010

@Cordula · 03.11.2010

Für "Venus noire" gibt es momentan keinen Starttermin - weder im Kino noch auf DVD. Grüsse, Mike

Cordula · 03.11.2010

Wann kommt der Film denn in die deutschen Kinos bzw. auf DVD

Kommentare

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