Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit (2018)

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Das Leben von Vincent van Gogh geht zu Ende. Die Freundschaft mit Malerkollege Paul Gaugin ist brüchig, seine psychischen und körperlichen Probleme nehmen zu. In „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ blickt Maler und Regisseur Julian Schnabel wieder einmal auf, in und durch einen Künstler.

Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit (2018)

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Porträt des Künstlers im Untergang

Erscheint ein Maler durch die Augen eines Malers anders als die übrige Menschheit? Sieben Wochen lang lebten Vincent van Gogh und Paul Gaugin im Jahre 1888 zusammen in einem kleinen gelben Haus im südfranzösischen Arles. In dieser Zeit porträtierten die Künstler den jeweils anderen. Bei van Gogh ist Gaugin abgewandt, ein Rücken mit einem halben Gesicht, ein flüchtiger Fremder oder verlorener Freund. Umgekehrt ist Gaugins van Gogh ruhiger als in seinen Selbstporträts, vollkommen konzentriert und fast friedlich. Und natürlich, wie könnte es anders sein, zeigen beide Bilder die Künstler beim Malen. Pinsel auf Leinwand, die Suche nach der Schönheit der Welt und in ihrem Inneren, das verbindet und definiert sie.

Jetzt porträtiert Julian Schnabel – schon lange vor seiner Filmkarriere ebenfalls ein erfolgreicher Maler – Vincent van Gogh. Der Neo-Expressionist nimmt jedoch die Kamera, nicht den Pinsel, um den Post-Impressionisten auf die Leinwand zu bannen. Die Filmbiografie Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit zeigt seine letzten Wochen bis zum Tod. Seine psychischen Probleme, einen allgemeinen Verfall.

Das Vergessen ist ihm dabei ein steter Begleiter, schon in den ersten Momenten monologisiert van Gogh (gespielt von Willem Dafoe) aus dem Nichts heraus. Den ganzen Film hindurch droht diese düstere Leere, das Gegenstück zum ewigen Leben in Galerien und Erinnerungen, die sich wohl die meisten Künstler erhoffen. Wo van Gogh die Kontrolle über sich verliert, wird das Bild schwarz. Immer wieder drängt die Dunkelheit in den Film. Filmrisse, Löcher in der Zeit. In einem Gespräch berichtet der Maler von seiner Liebe zu Shakespeare und hebt seine Begeisterung für eine Sprache hervor, die nicht nur aufdeckt, sondern auch verschleiert. Schnabels Porträt lebt von den Mysterien im Leben des Künstlers, von den Halbschatten und ungeklärten Rätseln. Weshalb hat er sich sein Ohr wirklich abgeschnitten? Wie kam es zu seinem Tod? War es Selbstmord oder tragen andere die Schuld? Seine Szenen verbindet Van Gogh nur lose. Sprunghaft folgen zunehmend vereinzelnde Momente auf den nächsten. Im Laufe des Films nehmen die Leerstellen zu – die Einschläge kommen näher. Fast glaubt man, die Geheimnisse hätten den Maler getötet. Verschluckt vom Unbekannten.

Natürlich sucht Schnabel einen neuen Zugang zu dem Künstler, der so oft wie kaum ein anderer im Kino gezeigt wurde. Van Gogh wurde von Kirk Douglas gespielt, von Benedict Cumberbatch, Tim Roth und Jacques Dutronc; Kurosawa und Renais haben sich seiner angenommen, zuletzt ließ man einen ganzen Animationsfilm in seinem Stil malen.

Man kann Schnabel durchaus loben: Er hat tatsächlich Interesse an dem Künstler, nicht nur an der dramatischen Figur. Wie Gaugin und van Gogh will er einen Maler durch seine Arbeit definieren. Es werden nicht einfach Checklisten abgearbeitet, weder althergebrachte Liebesgeschichten noch tranige Familiendramen schließen sich als Korsett um den Künstler. Stattdessen werden Impressionen gesammelt.

Der Film will auf, in und durch Vincent van Gogh blicken. Zuerst wundert man sich über die Kamera, die sich nicht mit der sterbenslangweiligen Behäbigkeit des durchschnittlichen Biopics bewegt. Stattdessen zappelt eine entfesselte Handkamera durch die Filmwelt. Das Ende des 19. Jahrhunderts soll durch moderne Technik gegenwärtig werden, the artist is present. Sie wackelt beim Rennen, kniet sich in die Froschperspektive, liegt gekippt auf dem Boden oder gleitet sanft über Gesichter. Sie senkt sich herab, um Schuhe zu filmen – natürlich nur, damit sie kurz daraufhin gemalt werden können. In der Subjektiven ist die untere Hälfte des Bildes unscharf. Schon im Leben hat der Maler nur noch Augen für den Himmel.

Wobei: „Die Essenz der Natur ist Schönheit“, verkündet van Gogh einmal, und ganz nach diesem Motto beobachten wir ihn oft bei dem Versuch, sich in seiner Umwelt zu verlieren. Wie in einem Film von Terrence Malick turnt er durch Wälder und Wiesen, streut wie bei einem vorgezogenen Begräbnis Ackererde über sein Gesicht und lässt sich vom morgendlichen Gegenlicht verschlucken. Gerade am Anfang des Films wird deutlich, was er am Leben liebt, was alles bald verloren gehen wird. Diese Szenen würden wohl (noch) kitschiger geraten, wäre da nicht immer Dafoe, der auch luftige Momente erdet. Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit schaut man wegen Dafoe oder gar nicht. Wegen seinem zahnigen Lächeln. Wegen der Energie, die beim Wechsel von der Manie zur Trauer frei wird. Wenn irgendwo in diesem soliden Film wirklich etwas Ewiges zu entdecken ist, dann in den oft weit aufgerissenen blauen Augen, die immer schon über das Gegenwärtige hinauszublicken scheinen.

Mit den vielen expressionistischen Verzerrungen, die durch diese Augen blicken lassen sollen, geht der Regisseur nicht sonderlich konsequent um. Manchmal schaut das Publikum offenkundig der Sichtlinie des Künstlers nach, ohne dass seine Sicht getrübt wird wie sonst. Schnabel hat keine klare visuelle Strategie, sondern einen polymorphen Zugang, der wie van Gogh immer neue Blickwinkel sucht. Die Vielperspektivik von Facettenaugen, ein Kubismus, der den Entstehungsprozess in jede Szene einschreibt. Wie ein Maler auf der Suche nach dem richtigen Winkel, um das wahre Wesen seines Gegenstandes einzufangen. Allein, wirklich fündig wird Schnabel so nicht. Nicht jedes filmische Mittel findet eine greifbare Entsprechung, manches wirkt eher willkürlich als frei.

Offensichtlich soll der Stil auch van Goghs psychische Problem sichtbar machen. Gesprächsfetzen wiederholen sich und überlagern einander, alles schreit Desorientierung und kündet von innerer Unruhe. Unangenehm verschmilzt das künstlerische Auge mit dem Erkrankten. Futter für das langweilige und fragwürdige Klischee über den schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn.

Auch wo die Dialoge den Film übernehmen, schwächelt er. Plötzlich wirkt alles auf kuriose Weise didaktisch und kunsthistorisch, allzu plakativ werfen die Figuren mit Diskursbrocken umher. Oscar Isaac spielt den wanderlustigen Paul Gaugin. Er bedeutet van Gogh bald sehr viel. Natürlich kann den Mann, den es von der Bretagne in die Karibik und später nach Polynesien verschlägt, nur wenig im provinziellen Südfrankreich halten. Oscar Isaac spielt den Spätimpressionisten mit dem Charisma eines etwas abseitigen Rockmusikers, irgendwo zwischen Star und Untergrundliebling. Ein getriebener, (noch) junger Wilder. Sie albern herum und träumen von Revolutionen und neuen Pfaden. Wo ihre abweichenden Kunstverständnisse aufeinandertreffen, scheint die Leinwand eine Drehbuchseite zu werden. Vielleicht ein Recherche-Überschuss, der sich als Ödnis im Film entlädt. Szenen mit Mads Mikkelsen als Priester und Mathieu Amalric als Doktor verlaufen ähnlich. Man wünscht sich weniger Prominenz.

Menschlicher und sanfter wird die Beziehung zwischen Vincent und seinem Bruder Theo geschildert. Der kleine Bruder ist der reifere, fast eine Vaterfigur. Nach einem besonders schlimmen Ausfall liegt der Maler in den Armen seines Finanziers, wie ein hilfloses, aber endlich geborgenes Kind. Dafoe verliert seine Spannung, etwas fällt von ihm ab, und eigentlich ist zu der Beziehung alles gesagt.

Er spielt einen körperlichen van Gogh, einen vitalen. Einen, der so traurig ist wie sein Gemälde „An der Schwelle zur Ewigkeit“ und manchmal so warm wie das Licht um seine schönsten Sonnenblumen. So findet also eher der Schauspieler und weniger der Künstler einen van Gogh, den man zuvor nicht kannte.

Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit (2018)

„An der Schwelle der Ewigkeit“ ist ein Gemälde Vincent van Goghs aus dem Jahre 1890, das zwei Monate vor seinem Tod entstand. In seinem Film „At Eternity’s Gate“ beschäftigt sich Julian Schnabel, selbst ein bildender Künstler, mit van Goghs Zeit in Arles, der letzten und produktivsten Phase seines Schaffens, bevor er in die Nervenheilanstalt von Saint-Rémy gebracht wurde.

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Meinungen
wignanek-hp · 14.05.2019

Diesen Film mag man oder man mag ihn nicht und dann fängt man an, dies und das zu bekritteln. Sicherlich, die Dialoge über Malerei sind etwas belehrend. Das stört. Aber die sinnliche Perspektive, die der Film entwickelt, ist schon außerordentlich und widerspricht in Vielem den Sehgewohnheiten der Kinogänger. Mit Malick hat das nichts zu tun.
Schnabel bemüht sich, diesen Vincent als Mensch und als Künstler, was hier ein und dasselbe ist, zu begreifen und er greift dafür zu außergewöhnlichen Perspektiven. Am stärksten war für mich der Film, wenn man van Gogh beim Malen zusehen konnte, besonders in der Szene als er zusammen mit Gauguin das Porträt der Wirtin malt. Da wird mit einem Schlag die Genialität dieses Malers deutlich, der aus dem Moment heraus etwas schaffen konnte, was uns heute noch berührt. Und was seine Zeitgenossen nicht begreifen konnten. Gut ist, dass sich der Film einfachen Erklärungen entzieht, was die Persönlichkeit van Goghs betrifft. Das gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, mit dem Maler zu fühlen. Für mich ein Plädoyer, Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Es lohnt sich, sich ohne wenn und aber, auf den Film einzulassen!

Frenken-Ollertz , Ulrike · 11.05.2019

Ich komme nach dem tollen Film über van Gogh nicht umhin, den GAUGUIN einmal richtig zu schreiben .Mon Dieu, das darf doch nicht passieren, er würde doch sonst Gojin ausgesprochen, das u ist so notwendig wie das Gelb bei van Gogh! Hoffe, das haben schon viele bemängelt .......

Kommentare

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