Vampiro

Vampiro

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Der Graf in Mexiko

Menschliches Blut gehört zu den weltumspannenden Rohstoffen, das auch in den Regionen Vampire auf den Plan ruft, die aus europäischer Sicht abgelegen sind. Dracula in Pakistan legt davon ebenso ein stimmungsvolles Schwarzweiß-Zeugnis ab wie der mexikanische Vampiro.
Als Marta Gonzalez (Ariadna Welter) mit dem Zug in der Einöde ihrer Jugend eintrifft, wartet niemand am Bahnhof, um sie abzuholen. Ihr Onkel Emilio (José Luis Jiménez) nahm an, dass seine Nichte erst am nächsten Tag kommen würde. Glücklicherweise lernt Marta nicht nur den zuvorkommenden Enrique (Abel Salazar) kennen, sondern auch einen finster aussehenden Kutscher, der mit einer seltsamen Lieferung in ihre Richtung fährt. Gemeinsam mit Enrique lässt sie sich in die Nähe der Hazienda ihres Onkels bringen, denn beide wurden von Emilio eingeladen, wobei Enrique inkognito unterwegs ist. Marta kommt jedoch zu spät, um ihre Tante María (Alicia Montoya) noch lebend anzutreffen. In die Trauer über den Verlust mischt sich ein Unbehagen angesichts des Verfalls, der dem Anwesen über die Jahre zugesetzt hat. Außerdem benimmt sich Martas zweite Tante Eloisa (Carmen Montejo), die komischerweise nicht gealtert zu sein scheint, höchst merkwürdig. Der sinistre Nachbar Duval (Germán Robles) will Marta überreden, die Hazienda zu verkaufen, während Emilio etwas dagegen hat. Der Onkel vermutet auch, dass an den Behauptungen der Verstorbenen, ein Vampir gehe um, etwas Wahres dran sei. Deswegen soll Enrique Nachforschungen anstellen.

Rot ist die Farbe des Blutes, aber Schwarz die der Nacht. Deswegen betonen die in Schwarzweiß gedrehten Vampirfilme stärker den morbid-düsteren Aspekt des übernatürlichen Phänomens, als dessen erotisch-sexuelle Komponente. Regisseur Fernando Méndez kann sich bei der visuellen Gestaltung ganz auf das Können seines Kameramanns Rosalío Solano verlassen. Er inszeniert die Hazienda als Ort der Kontraste, an dem neben der sicheren Helligkeit auch das Unbekannte in dunklen Ecken lauert. Immer wieder nimmt er einzelne Szenen aus entfernten Positionen auf, um einen diffusen Beobachter zu simulieren, der beispielsweise fast allmächtig kontrollierend vom Laubengang auf den Hof der Hazienda schaut, in dem die einsame Marta sitzt. Als der Leichenzug die tote Tante zum Friedhof bringt, versteckt sich die Kamera förmlich in einem Baum am Wegesrand, um die Prozession mit lauernder Intensität einzufangen. Der Vampirismus nimmt förmlich eine übermächtige Stellung ein, die sowohl mit dem unerschütterlichen Aberglauben der Bevölkerung korrespondiert, gegen den jedes rationale Argument machtlos ist, als auch seine zerstörerische Kraft widerspiegelt.

Nicht umsonst ist die einst blühende Hazienda dem Verfall fast schutzlos ausgeliefert. Das Leben weicht selbst aus den Gegenständen. Die Materie scheint in den Tod zu gehen. Staub und Spinnweben dominieren Martas altes Kinderzimmer, das eine glückliche Vergangenheit simuliert, die unter den Verfallserscheinungen kaum noch sichtbar ist. Eine trügerische Illusion besserer Zeiten, die nur eine gewisse Kraft entfalten kann, so lange die Tür zubleibt. Der Vampir wütet an einem Ort des Stillstands. Wer sich in Nostalgie eingräbt, ohne sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen, der eröffnet ihm das Feld, auf dem er seine morbide Pestilenz ausströmen lassen kann. Seiner Todesbotschaft muss deswegen ein starkes Lebenszeichen entgegengesetzt werden, um den Sieg davontragen zu können. Der einfache, aber existenzielle Kontrast aus Leben und Tod – das ewige Leben des Vampirs ist ja nur eine Illusion, da er innerlich abgestorben ist – passt hervorragend zur Schwarzweißästhetik. Jedes Bild scheint davon zu erzählen, dass man immer wieder um sein eigenes Leben kämpfen muss, um nicht auszudorren.

Vampiro

Menschliches Blut gehört zu den weltumspannenden Rohstoffen, das auch in den Regionen Vampire auf den Plan ruft, die aus europäischer Sicht abgelegen sind. „Dracula in Pakistan“ legt davon ebenso ein stimmungsvolles Schwarzweiß-Zeugnis ab wie der mexikanische „Vampiro“.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Weitere Filme von

Fernando Méndez

Weitere Filme mit

Abel Salazar

Ariadna Welter

Carmen Montejo