Urge – Rausch ohne Limit

Urge – Rausch ohne Limit

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Rausch ohne Sog

Mutet man dem Zuschauer einen Haufen unsympathischer Protagonisten zu, muss man schon eine verdammt gute Geschichte und inszenatorische Kniffe in petto haben, um das Interesse halbwegs aufrechterhalten zu können. Mit dieser These im Hinterkopf wird sehr schnell deutlich, warum der Drogenthriller Urge – Rausch ohne Limit bis zu seinem abrupten Ende eine ziemlich öde Angelegenheit bleibt. In seinem Regiedebüt müht sich der bislang vor allem als Produzent in Erscheinung getretene Aaron Kaufman (Machete Kills, Sin City: A Dame to Kill For) redlich, eine mysteriös-abgründige Stimmung zu beschwören. Fast alle Szenen wirken jedoch krampfhaft auf Exzentrik getrimmt, weshalb der Film zu keinem Zeitpunkt den Sog erzeugen kann, von dem die einfältig-eindimensionalen Hauptfiguren mitgerissen werden.
Ausgangspunkt der verhängnisvollen Entwicklungen ist der superreiche Hedgefonds-Manager Neil (Danny Masterson), der seine alten College-Freunde zu einem Partywochenende nach Eastman Island einlädt. Angereist wird angemessen dekadent im eigenen Hubschrauber. Als Neil und seine Clique ihr Ziel erreichen, müssen sie erstaunt feststellen, dass sich der verantwortungslose Lebenskünstler Jason (Justin Chatwin), den eigentlich niemand dabeihaben wollte, bereits dort eingefunden hat. Am Abend zieht es die feierwütige Meute schließlich in den angesagtesten Club auf der Insel, der eine ausgelassen-laszive Atmosphäre versprüht. Richtig aufdrehen können die Buddys allerdings erst, nachdem sie der geheimnisvolle Ladenbesitzer (Pearce Brosnan) – im Abspann nur "The Man" genannt – mit einer neumodischen Partydroge namens Urge vertraut gemacht hat, die den ultimativen Kick verspricht. Alle Hemmungen, die unseren Alltag sonst regeln und begrenzen, fallen mit einem Mal weg. Und auch am nächsten Morgen stehen Neil und Co noch immer unter dem Eindruck der glückseligen Nacht, die mehrfach als 'episch' beschrieben wird, ohne dass sich diese Behauptung aus den Geschehnissen ableiten ließe. Obwohl die oberste Urge-Regel besagt, dass man den Stoff nur einmal einnehmen darf, lechzen die Freunde nach einem weiteren Trip. Einzig Jason, der schon am vergangenen Abend nichts gespürt hat, mahnt vergeblich zur Umsicht.

Schon das Zusammentreffen der Gruppe auf dem Dach von Neils Firma lässt erahnen, dass die Macher Charakterzeichnung für überbewertet halten. Knallchargen, die beim besten Willen nicht wie gute, alte Freunde wirken, bringen sich in Stellung und heben recht bald mit dem Helikopter in Richtung Partyinsel ab. Dümmlich-platte Dialoge werden von nun an immer wieder ausgetauscht, auch wenn Kaufman verzweifelt versucht, seine College-Buddys als Alltagsphilosophen zu verkaufen. Die Beziehungen untereinander bringt das Drehbuch auf plakativ-explizite Weise zum Ausdruck und deutet damit an, was im späteren Drogenrausch alles passieren wird.

Packen und verwirren soll den Zuschauer offenkundig die Sequenz im extravaganten Nachtclub, in dem sich halbnackte und merkwürdig verkleidete Menschen tummeln. So auch ein theatralisch auftretender Mann mit ausgestopftem Kostüm, den die Credits nur als "Red Bastard" ausweisen. Eine seltsame Figur, die sich als Bote des großen Drogengurus entpuppt, der in einer schmucken Backstage-Halle mit Lichtinstallationen residiert und von Ex-Bond-Darsteller Pierce Brosnan mit betont überzogenen Gesten verkörpert wird. Zweifelsohne will der Film an dieser Stelle eine entrückt-surreale Atmosphäre etablieren, wie man sie vor allem aus den Werken David Lynchs kennt. Um den Betrachter zu fesseln, braucht es allerdings mehr als eigenwillige Kostüme, nackte Haut und salbungsvoll-mysteriöse Reden.

Unausgereift wirkt auch der Teil, in dem Kaufman die Lage eskalieren lässt. Dafür, dass plötzlich alle zivilisatorischen Schranken eingerissen und aufgestaute Frustrationen nicht mehr unterdrückt werden, präsentiert sich Urge unter dem Strich nicht provokant genug. Halbherzig reihen sich sexuelle Eskalationen und Gewaltausbrüche aneinander, während sich Machtverhältnisse umkehren. Wirklich verstörend wird es jedoch nur selten, was auch damit zu tun hat, dass man dem Ableben der nur schwer erträglichen Protagonisten gleichgültig gegenübersteht. Schön ist sicherlich die Idee, dass mit Jason ausgerechnet ein offenherziger Mensch, der keine Regeln kennt, inmitten der Verrohung zum moralischen Kompass wird. Retten kann dies den ermüdenden Thriller aber ebenso wenig wie die abschließende Enthüllung, um wen es sich bei der von Brosnan gespielten Figur handelt. Wer an eigenwilligem Chaos und Anarchie interessiert ist, sollte besser auf Ben Wheatleys Hochhaus-Dystopie High-Rise zurückgreifen, die sicher nicht perfekt ist, im direkten Vergleich allerdings mehr Eindruck hinterlässt.

Urge – Rausch ohne Limit

Mutet man dem Zuschauer einen Haufen unsympathischer Protagonisten zu, muss man schon eine verdammt gute Geschichte und inszenatorische Kniffe in petto haben, um das Interesse halbwegs aufrechterhalten zu können. Mit dieser These im Hinterkopf wird sehr schnell deutlich, warum der Drogenthriller "Urge – Rausch ohne Limit" bis zu seinem abrupten Ende eine ziemlich öde Angelegenheit bleibt.
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