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Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Bruderkampf im Neurosendschungel

Zwei Brüder auf ihrem Weg zum Erfolg in New Yorks verrückter Kunstszene: Der eine, Josh Jacobs (Eion Bailey) ist abstrakter Maler und der heimliche Star – nein, eher die Cash Cow seiner Galeristin Madeleine Gray (Marley Shelton). Der andere, Adrian Jacobs (Adam Goldberg, der den Film auch koproduziert hat) ist Komponist für neue (und sehr atonale) Musik mit Ketten, leitmotivischen Blecheimern, schrillen Schreien - und damit ziemlich unhörbar. Regelmäßig flüchten die wenigen Zuhörer aus seinen Konzerten. Adrian scheint das – zumindest nach außen – nicht zu stören. Von zwei kunstinteressierten, aber verständnislosen Damen auf seine Musik und den Mangel an Harmonien darin angesprochen, entgegnet Adrian, Harmonien seien eine kapitalistische Verschwörung, um Pianos besser verkaufen zu können. Und doch erfahren wir, dass dem Klangkünstler so viel Unverständnis doch nahegeht. In einem Gespräch mit seinem Bruder gibt er sich noch drei Jahre. "Und dann suchst du dir einen richtigen Job?", fragt Josh. "Nein, dann bringe ich mich um", entgegnet Adrian ungerührt.
Doch es kommt alles anders: Joshs Galeristin ist nämlich begeistert von Adrians Talent (womit sie ziemlich allein auf weiter Flur ist) und beschließt, den Komponisten ganz groß herauszubringen. Zugleich beginnen die beiden eine Affäre miteinander, von der Josh freilich nichts mitbekommt. Der hat allerdings auch ganz andere Sorgen: Er will vom gut verdienenden Backroom-Künstler, dessen Bilder sich so schick an den Wänden von Arztpraxen und Anwaltskanzleien machen, zum arrivierten Frontroom-Maler werden, der Ausstellungen bekommt und über den Kritiker urteilen können und sollen. Madeleine aber hat andere Paradepferde im Stall wie etwa den an Damien Hirst angelehnten Künstler Ray Barko (Vinnie Jones) oder den verklemmten Minimalkünstler Monroe (Ptolemy Slocum), die dafür sorgen, dass die Galerie genügend Publicity erhält. Als sich Josh gegen sein Schattendasein wehrt und Adrians Affäre mit Madeleine endet, entwickeln die komplizierten Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflechte eine rasante Eigendynamik...

Bei allem Spaß, den dieser Film auf den ersten Blick macht: Wirklich Neues über die Kunstszene New Yorks weiß (Untitled) kaum zu vermitteln. Die ist vielmehr so, wie wir sie uns immer schon vorgestellt haben – eine Ansammlung von eitlen und zwangsneurosengeplagten Künstlern, durchtriebenen Galeristinnen, ahnungslosen Sammlern, bzw. Investoren und der einen oder anderen reinen Seele, die mehr oder weniger zufällig in diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten geraten ist. In einer Branche, in der sich alle für Genies halten, sind wahre Meister der hohen Kunst eher selten anzutreffen, es geht vielmehr um die Jagd nach ständig Neuem, um einen Markt, der mit ständig neuen Werken gefüttert werden will, weil er (natürlich) genauso funktioniert wie die große Wirtschaft. Bemerkenswert an dieser Analyse ist vor allem eines – das vollkommene Ausblenden der derzeitigen Krise, die neben der Normalwirtschaft auch den Kunstmarkt mit voller Wucht getroffen hat. Nach wie vor ist in (Untitled) jede Menge Geld im Spiel. Und mehr als einmal fühlt man sich eher an die 1990er Jahre oder an die Zeiten der New Economy erinnert, als Künstler wie Jeff Koons oder Damien Hirst absurd hohe Preise erzielten.
 
Bei allen Albereien gibt es doch zumindest einen kleinen Moment der Verzauberung durch moderne Musik (neben der gelungenen und gar nicht atonalen Filmmusik): Als Adrian anlässlich eines erstaunlichen Konzerts zu Ehren des Klangkünstlers Morton Cabot (Ben Hammer) eine virtuose Komposition des Musikers hört, bleibt ihm vor Staunen der Mund offen stehen. Ob er aus dieser Lektion etwas lernt, beantwortet der Film aber bis zum Schluss nicht. Angesichts der Figuren, die alle (außer Adrians Bruder Josh vielleicht) auf der Stelle treten und sich kaum entwickeln, wäre eine Veränderung, eine Lehre, beinahe ein Wunder.
 
So viel Spaß einige gelungene one-liner des Films auch machen, zum Schluss bleibt doch ein schales Gefühl: Ist moderne Kunst und moderne Musik wirklich so weit von den Menschen entfernt, dass sie nur noch für halbgare Scherze taugt? Sind alle Künstler nichts weiter als zwanghafte Neurotiker und alle Galeristen geldgeile und berechnende Geschäftsleute? Gibt es über das Wesen der Kunst wirklich nichts Anderes zu sagen als eine Anhäufung von Klischees und Banalitäten? Wäre dem tatsächlich so, könnten wir uns von der modernen Kunst getrost abwenden und uns fortan ausschließlich an den alten, anerkannten Meistern ergötzen.

Der israelische Satiriker Ephraim Kishon, der mit Picassos süße Rache eine ebenso beißende wie grob gestrickte Satire auf die moderne Kunst geschrieben hat und damit die vereinigten Stammtischen der Welt auf seiner Seite wusste, dürfte an diesem Film seine helle Freude haben. Für viele Andere aber ist die Freude über (Untitled) ein eher zwiespältiges Vergnügen. Wäre moderne Kunst annähernd so billig wie mancher Scherz in diesem Film, käme man glatt in die Versuchung, sich ebenfalls als Sammler zu betätigen.
 

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Zwei Brüder auf ihrem Weg zum Erfolg in New Yorks verrückter Kunstszene: Der eine, Josh Jacobs (Eion Bailey) ist abstrakter Maler und der heimliche Star – nein, eher die Cash Cow seiner Galeristin Madeleine Gray (Marley Shelton). Der andere, Adrian Jacobs (Adam Goldberg, der den Film auch koproduziert hat) ist Komponist für neue (und sehr atonale) Musik mit Ketten, leitmotivischen Blecheimern, schrillen Schreien - und damit ziemlich unhörbar.
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Titel
(Untitled)
Bruderkampf im Neurosendschungel
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Daten und Fakten

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Filmlänge
96 Min
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