Ungehorsam (2017)

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Oscarregisseur Sebastián Lelio ist für seine starken Frauenfiguren bekannt. In „Ungehorsam“ stürzt er Rachel Weisz, Rachel McAdams und Alessandro Nivola in ein verhängnisvolles Dreieck aus Liebe, Freiheit und Religion.

Ungehorsam (2017)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Tief Luft holen im Glaubenskorsett

Nach den Erfolgsfilmen Gloria (2013) und Eine fantastische Frau (2017) ging „Ungehorsam“ ein wenig unter. Während es für die beiden Erstgenannten Auszeichnungen bei der Berlinale, für „Eine fantastische Frau“ ein Jahr später gar einen Auslands-Oscar gab, schaffte es Sebastián Lelios jüngstes Drama nicht einmal in die deutschen Kinos. Dabei erzählt der Autorenfilmer erneut von starken Frauen und den Unwägbarkeiten auf ihrem Weg durch eine patriarchale Gesellschaft – dieses Mal allerdings grau in grau statt kunterbunt.

Wie so häufig bei Lelio geht es ums Sehen und Gesehenwerden, darum, wie die Figuren auf die Welt und auf sich selbst blicken und wie andere sie wahrnehmen. Im Beruf ihrer Protagonistin verdoppeln der Regisseur und seine Koautorin Rebecca Lenkiewicz diesen Blick. Ronnie Curtis (Rachel Weisz) steht in ihrem New Yorker Fotostudio und schaut durch den Sucher ihrer Kamera. Davor: ein alter, bärtiger Mann mit tätowiertem Oberkörper. Ein Anruf unterbricht die Arbeit. Eine meisterhafte Montage der Gefühle schließt sich an: Ronny braucht Luft, stürzt apathisch ein Glas Wein in einer Bar, hat Gelegenheitssex auf der Toilette, verliert sich auf einer Eislaufbahn und steigt schließlich in den Flieger nach London.

Die Reise auf den alten Kontinent ist eine in die eigene Vergangenheit. Auslöser ist der Tod eines anderen bärtigen, alten Mannes; einer ohne Tattoos, dafür mit Hut und Autorität, die in die Gegenwart fortwirkt. Behutsam fügt Lelio die Puzzlestücke zusammen. Ronnie Curtis heißt mit bürgerlichem Namen Ronit Krushka und ist die Tochter eines verstorbenen Rabbiners (Anton Lesser). Ihre Rückkehr stößt, gelinde gesagt, auf reservierte Reaktionen. Die orthodoxe Gemeinde macht keinen Hehl daraus, dass sie nicht viel von Ronits Lebenswandel hält. Ihre persönliche Freiheit kostete sie die Gemeinschaft. Ronits Vater hat ihr die Abkehr über seinen Tod hinaus nicht verziehen. Keinen Cent hat er ihr hinterlassen, ihr einstiges Zuhause der Kirche vererbt.

So beschwerlich der Weg seiner weiblichen Figuren in Gloria und Eine fantastische Frau auch sein mochte, Sebastián Lelio gab ihnen stets Witz, Ironie und Freude am anarchischen Aufbegehren mit. Vor allem aber schillerten die von Paulina García respektive Daniela Vega verkörperten Charaktere, wenn nicht von vornherein, so doch irgendwann auf der Leinwand. In Ungehorsam verfolgt Lelio einen anderen Ansatz. Der ist nicht unbedingt schlechter, aber doch um einiges nüchterner, gedämpfter.

Schon in New York ist die Farbpalette reduziert, trägt Ronit dunkle Töne, ist ihr Atelier ein Designtraum in Schwarz und Weiß. In der orthodoxen Gemeinde kommen selbstredend keine Farbtupfer hinzu, zumal die Jahreszeit kalt ist, die Bäume kahl sind. Dovid (Alessandro Nivola), der designierte Nachfolger von Ronits Vaters und zu ihrer Verwunderung mit Esti (Rachel McAdams), einer Lehrerin an einer jüdischen Mädchenschule, verheiratet, darf die Heimkehrerin nicht einmal zur Begrüßung berühren. Zu seiner Frau steigt er, den strengen Glaubensregeln gehorchend, jeden Freitag ins Bett. Zu vielsagenden Blicken treten nun auch Berührungen, zu Rachel Weisz zwei weitere Hauptdarsteller hinzu. Schnell ist klar, dass Ronit, Esti und Dovid mehr als nur eine Jugendfreundschaft verbindet.

Die lange verschüttete Begierde zwischen den beiden Frauen fördert Lelio, für seine Filme ganz typisch, mit Musik zutage. Dann singt Robert Smith „Wenever I'm alone with you / You make me feel like I am home again / Whenever I'm alone with you / You make me feel like I am whole again“. Doch als spielte der Regisseur mit der Erwartungshaltung seines Publikums, schaltet Ronit das Radio wieder aus, würgt das schlicht als Lovesong betitelte, unnachahmlich melancholische Liebeslied von The Cure einfach ab.

Ein wenig wirkt das gesamte Drama wie ein ständiges Andeuten und Abwürgen. Während eines Essens blitzt für einen kurzen Augenblick Ronits Kämpfernatur auf. Dann liest sie der Tischgesellschaft die Leviten, weil diese glaubt, Ronit die Leviten lesen zu müssen. Doch um des lieben Friedens willen dimmt sie ihren Furor herunter, was freilich auch dem Thema und seiner Vorlage geschuldet ist. Schließlich erzählt Lelio nach Naomi Aldermans gleichnamigem Roman von einer Frau, die sich nichts mehr wünscht, als von ihrer ehemaligen Gemeinde, ihren Verwandten und ihrem Vater dafür respektiert zu werden, was und wer sie ist.

Lelios Film lebt von diesen Gegensätzen: Hier die freie Ronit auf der Suche nach Respekt, dort die in ihrem Glaubenskorsett gefangenen Respektspersonen Dovid und Esti auf der Suche nach mehr Freiheit. Im Abgleich mit Rachel Weisz' Figur scheinen Alessandro Nivolas und Rachel McAdams nie ganz rund. Nicht jede ihrer Handlungen ist schlüssig. Aus diesen Beschränkungen holen die Hauptdarsteller jedoch das Optimum heraus. Besonders McAdams beweist selten gezeigte Qualitäten, geht wie schon in der 2. Staffel von True Detective sichtlich darin auf, nicht länger das hübsche Mädchen von nebenan spielen zu müssen.

Neben starken Frauen interessiert sich Sebastián Lelio seit seinem Regielangfilmdebüt La Sagrada Familia (2005) auch immer – ob offenkundig oder unterschwellig – für Religion und ihren Einfluss auf das menschliche Verhalten. So abwegig es häufig erscheinen mag, besitzt in Lelios Filmen am Ende jede Figur, wie von Rabbi Krushka in Ungehorsam ganz zu Beginn gepredigt, die Freiheit, sich zu widersetzen. Auch darum geht es Lelio neben all den Blicken und Berührungen: die Verantwortung für das eigene Leben nicht an eine höhere Macht abzugeben, sondern selbst in die Hand zu nehmen – wenn schon nicht kunterbunt, dann wenigstens grau in grau.

Ungehorsam (2017)

Als eine Frau nach dem Tod ihres Vaters zu ihrer jüdisch-orthodoxen Familie zurückkehrt, sorgt ihr Interesse für einen Freund aus ihrer Kindheit für familiären Zwist. 

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