Und der Zukunft zugewandt (2019)

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In seinem neuen Film schlägt Bernd Böhlich ein lange Zeit verschwiegenes Kapitel der DDR-Geschichte auf. Alexandra Maria Lara spielt eine Frau, die sich allen Umständen zum Trotz fürs Bleiben entscheidet und zwischen Zuversicht und Lüge lebt.

Und der Zukunft zugewandt (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

„Die Reduzierung der DDR auf Mauer, Stasi und Doping ist nicht nur unsäglich, sondern schlichtweg falsch“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich über sein Geburtsland. In seinem neuen Drama entführt er sein Publikum in eine Zeit des Aufbruchs, als auch viele im Westen von einer besseren Welt im Osten träumten. Im Zentrum steht eine starke Frau, die trotz ihrer traumatischen Erfahrungen an ihrem Idealismus festhält und ein Leben zwischen Zuversicht und Lüge führt.

„Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein“, sagt Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) zu ihren Leidensgenossinnen Susanne Schumann (Barbara Schnitzler) und Irma Seibert (Karoline Eichhorn). Mehr als ein Jahrzehnt waren die drei deutschen Frauen im sowjetischen Arbeitslager Workuta inhaftiert. Antonias Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) überlebt schwer lungenkrank, ihr Mann Gerhard (Stefan Lochau) wird beim Versuch, seine Tochter an ihrem Geburtstag zu sehen, erschossen. Von den eigenen Genossen unter fadenscheinigen Gründen unschuldig verurteilt, kommen sie erst 1952 frei, im brandenburgischen Fürstenberg an und in der benachbarten Planstadt unter, die 1961 gemeinsam mit Fürstenberg zu Eisenhüttenstadt wird.

Die Partei schließt ihre verlorenen Töchter herzlich in die Arme, gibt ihnen eine Wohnung und Arbeit. Doch die warmen Worte Leo Silbersteins (Stefan Kurt), seines Zeichens Sekretär für Agitation und Propaganda, lassen einen frösteln. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, verpflichten sich die drei Frauen, über ihre Zeit im Lager zu schweigen. Einzig Susanne sieht, dass ein solch repressiver Sozialismus schon in seinem Frühstadium die falsche Richtung einschlägt. Während Irma die Vergangenheit am liebsten begraben möchte, versucht Antonia als Leiterin im Haus des Volkes gegenzusteuern und die Zukunft mitzugestalten. Doch was für eine Zukunft soll das sein, wenn man nicht über die Vergangenheit sprechen dürfe, wirft Susanne kritisch ein.

Bernd Böhlich, 1957 im sächsischen Löbau geboren, hat seine Karriere beim DDR-Fernsehen begonnen. In seinem jüngsten Kinofilm beleuchtet er ein lange Zeit tabuisiertes Kapitel deutsch-sowjetischer Geschichte und zeigt nebenbei, warum Kommunismus und Sozialismus vielen als Hoffnung galten. Lydias Arzt Konrad Zeidler (Robert Stadlober) hat die von seinem Vater geerbte Praxis in Hamburg aufgegeben, um an einer besseren Zukunft mitzubauen. Und Antonias Nachbar, der Maler Alois Hoecker (Jürgen Tarrach), hat Österreich den Rücken gekehrt, weil ihm „das alte Nazipack“, das mit seinen Ärschen immer noch in den Ämtern sitze, in seinem geliebten Wien die Luft zum Atmen raubte.

Wiederholt spiegelt Böhlichs Drehbuch in Gesprächen die beiden noch jungen deutschen Staaten. Leo Silberstein, der wie sein Freund Konrad um Antonia buhlt, ihr große Geschenke macht, während Konrad Antonias Herz schließlich durch seine Herzlichkeit gegenüber Lydia gewinnt, dieser Leo freut sich wie ein Kind über die erste Sendung des Staatsfernsehens: „Im Westen basteln sie immer noch rum, aber hier sind wir die Sieger.“ Und Peter Kurth, der in einem kurzen, aber einprägsamen Auftritt einen Vernehmer spielt, als Antonia auch in der DDR hinter Gittern landet, pariert ihre Lagererlebnisse mit seinem eigenen Schrecken aus Buchenwald.

In solchen Zwiegesprächen ist Böhlichs Drama am stärksten – wenn die unterschiedlichen Sichtweisen auf Ost und West, auf die Sünden der Vergangenheit und die Kontinuitäten der Gegenwart, auf Idealismus und Realpolitik gegeneinander abgewogen werden und sich beim Publikum Verständnis für Antonia entwickelt. Einmal, als Alois Hoecker sie malt, vergleicht er die DDR mit einem Kleinkind, erst wenige Jahre jung, könne es noch lernen. Daran glaubt Antonia felsenfest. Ihre Überzeugung stürzt erst im November 1989 mit der Mauer ein, wenn sie am Telefon vor dem Fernseher steht und in einer langen Rückblende auf ihr Leben blickt.

So überzeugend Antonias Charakter auch geschrieben ist, fast alle Nebenfiguren bleiben Platzhalter und Stichwortgeber. Leo, der duckmäuserische Parteifunktionär, der beständig von einer besseren Zukunft spricht, dabei aber nur seine eigene im Blick hat. Konrad, der Idealist, dessen Idol Josef Stalin nach der Lektüre von Antonias Tagebüchern vom Sockel stürzt und der danach zurück in den Westen geht. Susanne, die Hellsichtige, die sich nicht fügen will.

Dieses Thesen- und Schablonenhafte verleiht dem Film etwas Statisches, lässt ihn mitunter sperrig wirken und wie abgefilmtes Theater aussehen. Vielleicht steht deshalb in diesen politisch unruhigen Zeiten auch Thomas Plenerts Kamera kaum einmal still. Selbst in Gesprächen am Konferenz- oder Küchentisch bewegt sie sich, wie eine unsichtbare Person, die ihr Gegenüber nervös mit den Augen sucht. Bei manch unmotiviertem Schwenk hätte sich ein sauberer Schnitt angeboten. Antonia glaubt, diesen Schnitt am Ende vollführt zu haben. Auf dem Land trifft sie ihre Tochter wieder, schließt ihre eigene Mutter in die Arme und sagt: „Jetzt fangen wir ganz neu an.“

Und der Zukunft zugewandt (2019)

Wahrheit ist das, was uns nützt“, sagt der Funktionär Silberstein zu Antonia Berger, als sie 1952 in die DDR kommt. Nichts soll den Aufbau einer neuen besseren Welt stören. Hinter Antonia liegen bittere Jahre in der Sowjetunion, zu Unrecht verurteilt und gefangen von den eigenen Genossen. Ein Schicksal wie viele andere. Aber das darf niemand wissen – bis zum Herbst 1989. Dann ist der Traum von einer besseren Welt erst einmal vorbei. (Quelle: Produktion)

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Meinungen
Rafael · 08.09.2019

Ein sehr wichtiger Film.

Gert Keding · 01.09.2019

mehr als eine Geschichtsstunde mit großartigen Darstellern

Kommentare

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