Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Geisterbeschwörungen im Angesicht des Todes

Eigentlich lässt sich ein Film wie das neue Werk des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul nur unzureichend beschreiben – Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Und sei es nur deshalb, um – was nicht selten bei den Vorstellungen in Cannes geschah – mit anderen Zuschauern vorzeitig den Saal zu verlassen. Wer aber bis zum Schluss durchhielt, wurde mit einer Erfahrung belohnt, die man im Kino mittlerweile nur noch selten machen kann. Denn trotz (oder gerade wegen) der Sperrigkeit und einer nur schwer entzifferbaren Glaubens- und Lebenswelt, von der der Regisseur in seinem knapp zweistündigen Film erzählt, ist Uncle Bonmee Who Can Recall His Past Lives ein Kunstwerk von seltener Schönheit und berückender Fremdheit.   Onkel Boonmee (Thanapat Saisaymar) ahnt nach einem akuten Nierenversagen, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt, bis er sterben muss und macht sich deshalb in den Nordosten Thailands auf, um dort im Kreis seiner Familie auf den Tod zu warten. Als Boonmee abends mit seiner Schwester Jen (Jenijira Pongpas) und seinem Neffen Tong (Sakda Kaewbuadee) zusammensitzt, erscheint ihnen der Geist von Boonmees seit vielen Jahren verstorbener Frau Huay (Natthakarn Aphaiwonk). Wenig später betritt ein affenartiges Wesen mit durchdringend rot leuchtenden Augen das einsame Farmhaus und entpuppt sich als Boonmees vor vielen Jahren auf mysteriöse Weise verschwundener Sohn Boonsong (Geerasak Kulhong). Gemeinsam mit den Lebenden macht sich Boonmee auf zu einer letzten Reise zu der Höhle, in der er geboren wurde und in der nach seinem Willen sein Leben auch zu Ende gehen soll, während die Geister den Sterbenden ihn in das Geheimnis der Wiedergeburt einführen…   Obwohl die derzeitige Militärjunta Thailands zunehmend gegen den vom Glauben an die Wiedergeburt und der Überzeugung der Koexistenz von Geistwesen geprägten Theravada-Buddhismus vorgeht, pflegen immer noch viele Thais ihre sehr eigene Form des Glaubens, der deutlich animistische und primitive Wesensmerkmale trägt. Zu ihnen gehört auch Apichatpong Weerasethakul, der mit seinem neuen Film sein Primitive Project, das unter anderem aus dem Kurzfilm A Letter to Uncle Boonmee, verschiedenen Installationen und einer Fotosammlung besteht, beendet. In seiner Vermengung von persönlichen Erlebnissen, einem quasi dokumentarisch-ethnologischen Blick und Bildern voller Phantastik und Suggestivkraft erzählt der Regisseur in langen und oftmals kunstvollen, dann wieder unvermittelt obszönen und anschließend kontemplativen Bildern vom Sterben und von der Wiedergeburt, von Schuld, die Boonmee auf sich geladen hat und von der Suche nach Erlösung. Folgt der Film zumindest zu Beginn noch den Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit, löst sich im Verlauf der beinahe zwei Stunden Laufzeit jegliche Chronologie und die strikte Trennung zwischen tatsächlich Erlebtem und Phantasiertem bzw. Imaginiertem, zwischen realer und Geisterwelt zu einem halluzinatorischen Bilderbogen voller Rätsel und magischer Momente auf.
Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives war der mit Abstand künstlerischste, eigenständigste und für manche Zuschauer auch kryptischste Beitrag des Wettbewerbs beim Filmfestival von Cannes. Er ist ein Film, der ohne Spezialeffekt-Schnickschnack und anderen filmtechnischen Hokuspokus von einer ganz eigenen Welt erzählt und Dinge sichtbar macht, die dem Zuschauer normalerweise verschlossen bleiben. In genau kadrierten Bildern und Tableaus entwirft er anhand einer auf den ersten Blick ganz einfachen Geschichte ein Kaleidoskop seiner Heimat, in dem das Sterben und die Geister der Vergangenheit sich keineswegs nur auf Onkel Boonmee beziehen, sondern als Metaphern auf ein Land im Stillstand, im Grenzbereich zwischen Leben, Tod und Wiedergeburt verstanden werden wollen. In dieser transzendentalen Erlebniswelt und im Sog der sinnlichen Erfahrungen und traumhaften Bilder gleitet man als Zuschauer mühelos auf eine andere Ebene der Wahrnehmung und beginnt nach einiger Eingewöhnungszeit plötzlich selbst, an die Existenz von Geistern und Zwischenwesen, an den Zirkel der Wiedergeburten und Reinkarnationen zu glauben. Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives ist eine Verführung zum Sehen, die einen einerseits sehr naiven, andererseits aber ungeheuer faszinierenden Blick auf neue Wirklichkeiten und Sichtweisen auf die Welt vermittelt. Und das ganz ohne CGI-Grafiken und aufwändige Special Effects. Allein dies ist schon ein kleines Kinowunder.

Dass sein neuer Film, der nicht unbedingt Weerasethakuls bester, aber sein mit Sicherheit zugänglichster ist, nun die Goldene Palme gewonnen hat, ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Entscheidung mit Signalwirkung. Sie zeigt zum Einen, dass die aktuellen politischen Ereignisse in Thailand sehr wohl an der Côte d’Azur wahrgenommen und dezidiert politische Künstler wie Weerasethakul unterstützt werden. Die Entscheidung der Jury aber allein auf die derzeitige Lage in der Heimat des Filmemachers zurückzuführen, greift zu kurz. Mit der nicht unbedingt erwarteten, aber später meist begrüßten Vergabe des Preises an den thailändischen Filmemacher setzt Cannes trotz eines in diesem Jahr sehr durchwachsenen Wettbewerbes ein Zeichen dafür, dass die Filmkunst, das sperrige, rätselhafte, ästhetisch eigenständige und unbequeme Kino, immer noch seine Fürsprecher hat. Ob Weerasethakuls Film in die deutschen Kinos kommt, ist bislang noch offen. Und es steht zu befürchten, dass Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives selbst im Falle eines Kinostartes sich weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit abspielen wird. Dennoch sollte man die Gelegenheit ergreifen, sich diesen Film anzusehen, sofern er den Weg in die deutschen Kinos findet. Denn ganz egal, ob man ihn mag oder nicht – so etwas wie das Sterben des Onkel Boonmee ist eine filmische Grenzerfahrung, wie man sie derzeit nur selten im Kino machen kann.

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Eigentlich lässt sich ein Film wie das neue Werk des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul nur unzureichend beschreiben – „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Und sei es nur deshalb, um – was nicht selten bei den Vorstellungen in Cannes geschah – mit anderen Zuschauern vorzeitig den Saal zu verlassen. Wer aber bis zum Schluss durchhielt, wurde mit einer Erfahrung belohnt, die man im Kino mittlerweile nur noch selten machen kann.
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Meinungen
Max · 10.10.2010

Grausam, der schlechteste Film des Jahres, den ich gesehen habe. Jetzt fangen sie in Cannes auch noch an wie schon bei der Berlinale, nicht nachvollziehbare Hauptpreise zu vergeben. Wäre ich nicht in Begleitung gewesen, hätte ich nach 20 Minuten das Weite gesucht.

Jan · 05.10.2010

Das ist nicht nur ein Film sondern auch noch eine Kunst-Installation und ein seltsamer Trip. Klar, vielen Kinogängern ist das zu viel (oder eher zu wenig von dem, was sie sonst bekommen) aber für mich ist das genau das, was ich vom Kino erwarte: großartige Bilder, seltsame Geschichten und eine unvergeßliche Erfahrung.

sabine · 08.07.2010

ich bin völlig ratlos über die vergabe der goldenen palme an diesen film und ich frage mich, ob da nicht eine jury, die sich in einer rationalen westlichen welt nach mystik und einfachheit sehnt völlig die urteilskraft verloren hat....bei allem verständnis für diese sehnsucht: der film ist schlicht und einfach schlecht. die story ist dürftig erzählt, das beabsichtigt transzendentale und die kritik am system kommen nicht beim publikum an und der umgang mit der technik ist dilettantisch - pardon.

Kommentare

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