Über die Unendlichkeit (2019)

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Das Leben ist so banal wie genial. So schmerzhaft wie schön. Aber es ist vor allem eins: verletzlich. Das ist schon immer das große Thema des Schweden Roy Andersson gewesen, das er auch in „About Endlessness“ auf seine ganze eigene Art weiter verfolgt.

Über die Unendlichkeit (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Das Leben selbst

Sagen wir es mal so: Es gibt wohl keinen anderen Filmemacher, der einen immer dann gekonnt zum Lachen bringen kann, wenn man eigentlich weinen und schreien will. Wie schon in seinen letzten Filmen, der seiner „Du-levande-trilogin“ (Songs from the Second floor, Das jüngste Gewitter & Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach), einer Trilogie über das Menschsein, ist Anderssons neuer Film „Über die Unendlichkeit“ abermals geprägt von Existenzialismus, der so wahr, aber auch so absurd und makaber ist, dass man gar nicht weiß, was man fühlen soll.

Über die Unendlichkeit ist genau, was man erwarten würde, nur im Ton hat sich Andersson doch noch mehr in Richtung Endzeitstimmung bewegt. In vielen meist sehr kleinen Vignetten zeigt der Film eine Menge kleiner, meist völlig trivialer menschlicher Momente, die, wenn man sie allein betrachtet, mal lustig und mal traurig sind, sich aber nicht zusammenfügen lassen. Ein Vater macht die Schuhe seiner Tochter zu, während sie im Regen stehen. Ein Pärchen fliegt über das zerbombte Köln nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Pfarrer hat seinen Glauben verloren und sucht einen Psychiater auf. Ein Mann weint in einem Bus. Ein Junge hat sich noch nicht verliebt.

Sie alle werden verbunden durch eine weiche, warme Frauenstimme, die jede Episode einführt mit: „Ich sah eine/n Mann/Frau, der/die…“ und dann kurz ausführt, was eh gleich zu sehen ist. Trivialismus eben, wie man ihn von Andersson kennt und zu schätzen weiß. Auch im Stil bleibt er sich treu. Eine nicht ganz so lebensbejahende Farbpalette von Grau nach Beige erlaubt die Absurdität manchmal zu erhöhen. Doch viel mehr als das zeigt sie eine gewissen Egalität – im Sinne von Gleichheit, aber auch im Sinne von „alles ist egal“, die die zugrundeliegende Melancholie reichhaltig unterstützt. Die stets perfekt inszenierten, immer extrem verlangsamt gespielten Szenen erweitern diese emotionale Welt, die in Über die Unendlichkeit aber doch mehr zur Melancholie neigt, als in seinen letzten Filmen. Die Verlagerung ist klein, aber man bemerkt sie. Die derzeitige Gesamtlage der Menschheit zeigt auch bei Andersson ihre Spuren.

Dabei ist Über die Unendlichkeit aber keine depressive Endzeitstimmung. Das wäre besser auszuhalten, als das Changieren zwischen Hoffnung auf Leben und Verzweiflung, die der Film hier in noch so kleinen Einheiten perfekt auszuloten weiß. Wie so oft ist die Jugend noch optimistisch. Sie singt und tanzt, sie sucht die Liebe und den Sinn des Lebens in Momenten höchster Banalität, die trotzdem so wichtig sind. Alle anderen hingegen müssen sich der Langeweile, des Verlustes und der Grausamkeit des Daseins stellen, die selbst in den kleinsten Alltäglichkeiten zu finden ist.

„Ich habe meinen Glauben verloren, was soll ich nur tun?“
„Tut mir leid, ich muss meinen Bus kriegen.“

Der Priester, der seinen Glauben verloren hat und verzweifelt beim Psychiater aufkreuzt, ist eine der längsten und wiederkehrenden Motive des Films. Ihm kann nicht geholfen werden. Nicht weil es nichts gibt, was man gegen den Glaubensverlust des einen tun kann, sondern weil der andere keine Zeit hat, denn sein Glauben hängt von der Kleinteiligkeit des Lebens ab. In diesem Fall ist es der Busplan. Er muss seinen Bus kriegen. Gott muss warten. Doch genau diese Momente sind es, die die Genialität von Andersson so deutlich zeigen und diese entfaltet sich immer erst auf den zweiten Blick. Das Bild selbst, in seiner Komposition und Langsamkeit, erlaubt dem Auge zu streifen und es wird immer kleine und große Kommentare im Hintergrund entdecken, die viel mehr Tiefe ins Triviale packen, als zunächst zu vermuten ist. Und auch die Geschichte selbst, so absurd und klein sie auch sein mag, spricht stets von den ganz großen Dingen. Hier ist es der Verlust des Glaubens, der weitaus tiefer geht als nur die christliche Idee. Wer ist man eigentlich, wenn man sich im Trivialen verliert? Wenn der Busplan wichtiger ist als ein Mensch und dessen Verletzlichkeit? Wenn die philosophischen Fragen des Lebens erdrückt werden vom Stress, von arbiträren Zeit- und Arbeitsteilung und Floskeln und Ritualen, die völlig entleert sind? Was ist es eigentlich dann noch, dieses (Mensch-)Sein?

Genau deshalb ist Über die Unendlichkeit so gut und gleichsam so schwer zu ertragen, denn er rührt doch ganz tief in einem die grundlegenden Fragen wieder auf, die man doch lieber zu ignorieren sucht. Gleichsam vermag solch ein Werk aber viel zu bewegen. Vielleicht nicht beim Schauen selbst, aber definitiv danach.

Dies ist ein Film über den man noch viel nachdenken wird, wenn man das Kino verlässt. Nicht ob seiner einzelnen Episoden und Bilder, sondern gerade weil er die Seele aufrüttelt und in den wichtigen Fragen des Lebens rührt. „Wenn man sich der Verletzlichkeit der Existenz bewusst wird“, so Andersson, „dann geht man mit dem, was man hat, respektvoller und vorsichtiger um“. Genau dafür ist er also da, der herzzerreißende Trivialismus, den Andersson liefert. Es fragt sich nur, ob seine Nachricht in diesen Tagen noch ankommt.

Über die Unendlichkeit (2019)

In seinem neuen Film „About Endlessness“ führt der schwedische Regisseur Roy Andersson durch eine Art philosophisches Märchen, bei dem es um nicht viel weniger als die Welt geht, um die Schönheit und Brüchigkeit unserer Existenz und der Natur sowie um den Wunsch, all diese Kostbarkeiten zu bewahren und weiterzugeben. 

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