Tulpa

Tulpa

Eine Filmkritik von Björn Helbig

Im Banne der Geistwesen

Eine Tulpa bezeichnet nach tibetanischer Mythologie ein Geschöpf, das durch die reine Vorstellung von Menschen entsteht. Starke Emotionen, reine Willenskraft oder kollektive Gedanken können solche Wesen erschaffen. Vor allem im Horror-Genre finden Tulpas gerne Verwendung. Auch Federico Zampagliones mysteriöser Neo-Giallo beschäftigt sich auf hintergründige Art und Weise mit dieser Idee. Auch hier geht es gleich in mehrfachem Sinne um die Manifestation psychischer Zustände – allerdings auch um sehr reale, physische Morde.
Lisa (Claudia Gerini) ist tagsüber eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Doch in der Nacht zieht es sie immer wieder in den exklusiven Club Tulpa, um dort ihre sexuellen Wünsche auszuleben. Als aber eine schreckliche Mordserie beginnt, deren Opfer allesamt die Spielgefährten ihrer nächtlichen Abenteuer sind, muss auch Lisa bald um ihr Leben fürchten. Wer ist der Mörder? Jemand aus dem Club, der Besitzer Kiran (Nuot Arquint)? Einer ihrer Liebhaber? Oder vielleicht doch eine Person aus ihrem Leben als Businessfrau?

Der Giallo, dieses Subgenre des italienischen Thrillers und Vorläufer des amerikanischen Slashers, das Anfang der 1970er Jahre seinen Höhepunkt hatte, zeichnet sich in durch einige spezifische Merkmale aus. Meist geht es um die Aufdeckung einer Mordserie, wobei der schwarzbehandschuhte Killer erst im allerletzten Moment enttarnt wird. Die Opfer sind häufig Frauen, die Mordwerkzeuge Rasiermesser. Die Kills sind stilvoll inszeniert, der Score treibend, eindrucksvoll. Und doch lässt sich der Giallo nicht auf diese Bestandteile reduzieren. Er hat etwas Verdrängtes zum Gegenstand, etwas, das im Hintergrund schlummert und sich dem Zuschauer nicht offenbaren will. Das gilt auch für Tulpa, der nicht nur viele der Eigenschaften des Genres aufweist, sondern ebenso seine Geheimnisse hat, die er bis zum Schluss nicht vollständig lüftet.

Die letzten Jahre gab es immer wieder Versuche, die guten alten Zeiten aufleben zu lassen. Filme wie der assoziative, bild- und soundgewaltige Meta-Giallo Amer, wie Berberian Sound Studio, diese experimentelle Hommage an das italiensiche Horrorkino oder auch Masks, der deutsche Kniefall vor dem Genre. Was Tulpa von diesen Filmen unterscheidet, ist, dass Zampaglione weder krampfhaft versucht, sich als Kenner der Materie aufzuspielen und sich in einem Referenz-Gewitter ergeht noch sich über seine Vorbilder erhebt und einen, ach so gewitzten, postmodernen Ansatz verfolgt. Tulpa will nicht mehr sein als das, was er ist – und das ist schon ziemlich viel. Er ist brutal, wirr, sexuell aufgeladen und im besten Sinne aus der Zeit gefallen. Kaum ein Film ist in den vergangenen Jahren den glanzvollen Gialli längst vergangener Blütezeit näher gekommen.

Tulpa gehört zu den seltenen Filmen – und das hat er mit vielen seiner Vorbilder gemein –, die man durch Analyse nie vollständig erfassen kann, die man vielmehr erleben muss, um ihnen näher zu kommen. Oder anders: Sie zu verstehen, heißt, sie mit allen Sinne zu erfahren, sich an den Bildern des Films zu berauschen, sich seiner Stimmung hinzugeben und sich während der spannenden und oft sehr blutrünstigen Momente wohlig angespannt in den Kino-Sessel zu drücken. Die Kräfte des Films entfalten sich auf sub-rationaler Ebene, sind fiebrige Gedankenfetzen und verworrene Gefühle die sich in Zampagliones Film fast wie in einem aus Licht und Staub bestehenden Geistwesen manifestieren. Ist der Mörder ein Geistwesen? Wer weiß. Zampagliones Film ist es auf jeden Fall. In ihm lebt die emotionale Substanz der Gialli, die Willenskraft seiner Schöpfer und kollektiven Gedanken seiner Fans weiter. Manche Filme muss man erleben. Dadurch haucht man ihnen Leben ein. Wie einer Tulpa.

Tulpa

Eine Tulpa bezeichnet nach tibetanischer Mythologie ein Geschöpf, das durch die reine Vorstellung von Menschen entsteht. Starke Emotionen, reine Willenskraft oder kollektive Gedanken können solche Wesen erschaffen. Vor allem im Horror-Genre finden Tulpas gerne Verwendung. Auch Federico Zampagliones mysteriöser Neo-Giallo beschäftigt sich auf hintergründige Art und Weise mit dieser Idee. Auch hier geht es gleich in mehrfachem Sinne um die Manifestation psychischer Zustände – allerdings auch um sehr reale, physische Morde.
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