True Detective (Staffel 1)

True Detective (Staffel 1)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Macht des Erzählens

Das Kino ist in den letzten Jahren in eine bedenkliche Schieflage geraten: Während sich vor allem in den Sommermonaten die Sequels und Prequels erfolgreicher Großproduktionen die Klinke der Kinosäle buchstäblich in die Hand geben, dümpelt das Arthouse-Kino vor sich hin und verharrt im Sumpf der Feel-good-Kinos für die Generation 50+. Und die Jungen? Die schauen mittlerweile lieber Fernsehserien wie Boardwalk Empire, Breaking Bad, The Wire, House of Cards oder – wenn's europäischer Herkunft sein darf – die formidable dänische Politserie Borgen. In den letzten Jahren, so hat man den Eindruck, wenden sich gerade die jüngeren Zuschauer zunehmend vom öffentlichen Raum der Filmtheater ab und bevorzugen stattdessen das Heimkino und serielle Formate auf Silberscheiben oder am besten gleich über Anbieter wie netflix, watchever und wie sie alle heißen mögen – eine Entwicklung, die man als Cinephiler durchaus mit Besorgnis zur Kenntnis nehmen kann.

Doch es sind nicht allein die Zuschauer, die dem Kino in größerer Anzahl abhanden zu kommen drohen, sondern auch die Filmemacher und Kreativen selbst. Steven Soderbergh zum Beispiel hat sich mittlerweile ganz vom Kino abgewandt, um all seine kreative Energie auf die Entwicklung und Realisation kreativer TV-Formate zu konzentrieren. Kevin Spacey ist mittlerweile ein ebenso glühender Verfechter des seriellen Erzählens wie Cary Joji Fukunaga, dem einen der beiden kreativen Masterminds hinter dem neuesten US-Serienhit True Detective, dessen erste Staffel nun in Deutschland auf DVD erschienen ist. Ähnlich wie andere Regisseure hatte auch Fukunaga durchaus Kinoerfolge nachzuweisen, sein Regiedebüt Sin Nombre gewann immerhin im Jahre 2009 den Preis für die beste Regie in Sundance. Und 2011 folgte mit dem prominent besetzten Drama Jane Eyre mit Mia Wasikowska und Michael Fassbender in den Hauptrollen ein weiterer Kinofilm, der große internationale Beachtung fand. Der eigentliche Durchbruch aber – und das verdeutlicht den dramatischen Paradigmenwechsel der letzten Jahre mit aller Deutlichkeit – erfolgte nun mit True Detective.

Dass True Detective selbst im Mutterland innovativer Fernsehserien neue Maßstäbe setzt, kann man durchaus schon aus dem Vorspann ablesen: Wenn dort gestandene Hollywood-Mimen und Oscar-Preisträger wie Matthew McConaughey und Woody Harrelson neben dem Erfinder Nic Pizzolatto und Cary Jojo Fukunaga als Executive Producer genannt werden, wird einmal mehr deutlich, wie sehr serielle Formate dabei sind, dem klassischen Kino das Wasser abzugraben.

Im Mittelpunkt der ersten Staffel stehen zwei frühere Polizisten: Rustin "Rust" Cohle (Matthew McConaughey) und sein früherer Partner bei der Louisiana State Police Martin Hart (Woody Harrelson) werden 17 Jahre nach ihren Ermittlungen in einem Serienmord mit offensichtlich rituellem Hintergrund von zwei Detectives nach den damaligen Vorkommnissen und ihren Erkenntnissen befragt. Dabei zeigt sich nicht nur, dass offensichtlich wieder ein Mörder in den Sümpfen sein Unwesen treibt, dessen "Handschrift" stark an die Taten von damals erinnert. Zugleich schält sich auch immer mehr heraus, wie sehr die beiden Ex-Cops immer noch von den Ereignissen des Jahres 1995 geprägt, um nicht zu sagen traumatisiert sind. Insbesondere Cohle, der schon vor den Ermittlungen damals durch den Tod seiner kleinen Tochter und der daraus resultierenden Trennung von seiner Ehefrau ein ziemlich kaputter Typ war, hat – das ist ihm deutlich anzusehen – die Kurve zurück ins "normale Leben" nicht mehr geschafft. Kettenrauchend und biertrinkend offenbart er während der Verhöre seine zutiefst nihilistische Weltsicht und nur bisweilen blitzen sein messerscharfer Verstand und seine intuitiven Fähigkeiten auf. Doch auch Hart, der mit seinem früheren Kollegen nichts mehr zu tun haben will, ist ein vom Leben gebeutelter Mensch, der sich immerhin noch die Mühe gibt, die Fassade eines rechtschaffenen Menschen aufrecht zu erhalten. Aus den Verhören und den daraus resultierenden Erinnerungen von Cohle und Hart, den spärlichen Informationen, die die beiden Detectives preisgeben und der Wiederaufnahme der Fährten von einstmals ergibt sich eine Spurensuche, die direkt ins Herz der Finsternis führt. Denn in den Sümpfen des von Hurrikans gebeutelten Bundesstaates Louisiana lauern Abgründe aus Gewalt, Heuchelei, Begierde und Perversionen, die bis hinauf in die höchsten Ebenen reichen.

Nicht von ungefähr erinnert True Detective an eine weitere TV-Serie – und zwar an jene, die vor mehr als 20 Jahren den Grundstein für den heutigen Boom legte: David Lynchs Twin Peaks hat hier deutlich Pate gestanden, wie auch Fukunaga selbst gerne zugibt. Zugleich aber ist es ihm und seinen prominenten Mitstreitern (unter ihnen verdient vor allem T-Bone Burnett Erwähnung, der den hörenswerten, hypnotisch verschleppten Soundtrack beisteuerte) gelungen, die erzählerischen und ästhetischen Freiheiten des Formats entscheidend weiter voranzutreiben. Und so darf man nicht nur auf die zweite Staffel von True Detective gespannt sein, die voraussichtlich im Sommer 2015 beim US-Bezahlsenders HBO ausgestrahlt werden wird. Neugierig darf man auch darauf sein, ob von Serien wie True Detective endlich auch ein Impuls auf die großen US-Studios ausgeht, die gut beraten wären, die bislang belächelte Konkurrenz aus dem (US-)Fernsehen endlich einmal ernst zu nehmen und deren kreativen Mut als Herausforderung zu begreifen. Denn sollten sie das nicht tun, spricht kaum etwas dafür, dass das Kino seine bisherige Stellung als Leitmedium in Sachen bewegter Bilder und epischer Erzählungen wird behalten können. Und so mischt sich zwischen die Freude über True Detective auch ein wenig Sorge darum, wie es mit dem Kino weitergehen wird.
 

True Detective (Staffel 1)

Das Kino ist in den letzten Jahren in eine bedenkliche Schieflage geraten: Während sich vor allem in den Sommermonaten die Sequels und Prequels erfolgreicher Großproduktionen die Klinke der Kinosäle buchstäblich in die Hand geben, dümpelt das Arthouse-Kino vor sich hin und verharrt im Sumpf der Feel-good-Kinos für die Generation 50+. Und die Jungen?

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