Tristana

Tristana

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Alte Liebe, junger Hass

Es sind nur wenige Filme, die der Regisseur Luis Buñuel in seinem Herkunftsland Spanien gedreht hat. Tristana aus dem Jahre 1970 wurde zudem noch überwiegend in Toldeo inszeniert, einer Stadt, mit welcher der spanisch-mexikanische Filmemacher stets durch eine ganz besonderen Atmosphäre verbunden war und mit deren prägnanter Luftaufnahme der Film eröffnet. In der Tat stellt Tristana als Verfilmung des gleichnamigen Romans von Benito Pérez Galdós aus dem Jahre 1892 thematisch einen sehr persönlichen Film Luis Buñuels dar, mit einigen Referenzen zu seinem letzten Werk Dieses obskure Objekt der Begierde / Cet obscur objet du désir. In beiden Filmen ist ein großartiger Fernando Rey in der Hauptrolle als alternder, in Liebe zu einer sehr jungen, schönen Frau entbrannter Mann in seiner wachsenden Pein zu sehen – eine brisante Konstellation mit einiger Bedeutsamkeit innerhalb seines Schaffens.
Neben Fernando Rey, der hier eine seiner beachtlichsten schauspielerischen Leistungen zeigt, ist es die junge Catherine Deneuve in ihren zwanziger Jahren, die schlichtweg grandios und mit schillernder Ambivalenz die Rolle der zunächst unschuldigen und später kühlen, berechnenden und hasserfüllten Tristana verkörpert. Auch das übrige Ensemble von Tristana trägt ansprechend dazu bei, ein spannendes kleines Universum im dichten Zusammenspiel der Protagonisten zu erschaffen, deren filigranen Entwicklungen ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet wird, ohne dass ihre Empfindungen pathetisch ausgewalzt werden. Auf diese Weise lässt sich der Zuschauer rasch in die Gefühlswelten dieser ebenso schlichten wie aufwühlenden Geschichte involvieren, die mit ihrem sozial- und religionskritischen Hintergrund auch ethische Betrachtungen beinhaltet.

Als ihre Mutter verstirbt, bleibt die wunderschöne, ein wenig weltfremd anmutende Tristana (Catherine Deneuve) in der Obhut ihres Stiefvaters und Vormunds Don Lope (Fernando Rey) zurück. Der ältere Mann mit liberalen moralischen wie gesellschaftlichen Haltungen mit gleichzeitigem Hang zu konventionellem Auftreten und einer Vorliebe für den klassischen Duellhabitus hält die junge Frau anfangs praktisch permanent in seinem Haus verborgen, was sich erst allmählich lockert. Tristana hat lediglich Umgang mit der langjährigen Haushälterin Saturna (Lola Gaos) und deren gehörlosem, widerspenstigem Sohn Saturno (Jesús Fernández), und in ihrer Unschuld, Dankbarkeit und Zuneigung lässt sie sich von Don Lope kurzerhand zu seiner Geliebten machen. Doch die Sehnsucht nach der Außenwelt wächst, und Tristana beginnt zunehmend, ihren Vormund zu verabscheuen und Gelegenheiten zu nutzen, allein unterwegs zu sein. Der erste Mann, der ihr dabei begegnet, ist der Maler Horacio (Franco Nero), und er ist derjenige, in den sie sich kräftig verliebt ...

1971 für einen Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert stellt Tristana ein sensibles, eindringliches Stück über das Älterwerden, soziale Abhängigkeiten und Zwänge sowie über den schwer auslotbaren und bei Zeiten gar recht gering erscheinenden Abgrund zwischen Liebe und Hass dar. So rührend sich Tristana in ihrer Verliebtheit mit dem Maler bewegt, so heftig erkaltet sie in der Gegenwart Don Lopes, den sie in der Not dennoch erneut aufsucht. So augenscheinlich großherzig sich dieser auch ihr gegenüber, die schwer erkrankt ist, verhält, so sehr ist diese vermeintliche Milde von besitzergreifenden Gedanken motiviert. Dennoch stellt sich Don Lope den Herausforderungen der belasteten Situation: Der kategorische Kritiker der Kirchen und des Klerus, der stolz verkündete, keinen Priester über seine Schwelle zu lassen, lässt sich aus Rücksichtnahme für die fromme Tristana erweichen, und schließlich ist es er selbst, der in geselliger Runde gleich mit mehreren Geistlichen am eigenen Tisch speist.

Es sind die inwendigen, existentiellen Betrachtungen zu offensichtlichen Gegensätzen wie Armut und Reichtum, Jugend und Alter, Verehrung und Verachtung, die Luis Buñuel hier mit einem wachen Gespür für die brodelnden Nuancen des Emotionalen dahinter inszeniert hat. Tristana transportiert in bewegenden Bildern mit besonders gelungenen Schnitten der einzelnen Szenen starke Augenblicke der Konfrontation des Überkommenen mit dem Rebellierenden, die sich nicht nur auf die heikle Beziehung zwischen Tristana und ihrem "Vormund" beschränken, sondern auch auf die Verhältnisse der anderen Akteure ausdehnen und dabei Grenzüberschreitungen markieren, deren Konsequenzen letztlich von milder Ausprägung bleiben – bis zum drastischen Finale. Wenn der Maler die eher symbolischen Ohrfeigen mit der Aufforderung zum Duell von Don Lope mit einem niederschmetternden Fausthieb beantwortet oder Tristana dem Begehren des jungen Saturno mit der distanzierten Demonstration ihres nackten, beinamputierten Körpers begegnet, sind das bewegende, pointierte Impressionen komplexer Konstellationen, die weit über das situative, intensive Spiel der Darsteller hinausweisen. Dieses späte Werk Luis Buñuels mit seiner tiefgründigen Reife vermag es, dichte Szenarien von Ergriffenheit und auch Abscheu zu eröffnen, die anspruchsvolles Kino auszeichnen.

Tristana

Es sind nur wenige Filme, die der Regisseur Luis Buñuel in seinem Herkunftsland Spanien gedreht hat. "Tristana" aus dem Jahre 1970 wurde zudem noch überwiegend in Toldeo inszeniert, einer Stadt, mit welcher der spanisch-mexikanische Filmemacher stets durch eine ganz besonderen Atmosphäre verbunden war und mit deren prägnanter Luftaufnahme der Film eröffnet.
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