Trafic – Tati im Stoßverkehr

Trafic – Tati im Stoßverkehr

Die Zumutungen des modernen Lebens

Ein Mann im Kampf mit der Tücke des Objekts, ein Individuum im Aufbegehren gegen die Konformität der modernen Massengesellschaft, der Einzelnen gegen die Anderen: Es ist schon bemerkenswert, wie konservativ die Werke großer Komiker oftmals daherkommen, wie strikt sie auf einem Status quo beharren, weil die Zukunft sowieso nichts Gutes bringt. Unter diesen Beharrern und Verteidigern der "guten alten Zeit" ist Jacques Tati eine der sympathischsten Erscheinungen. Nur fünf Langspielfilme reichten aus, um ihn als Solitär der französischen Filmkomik zu etablieren, als Unikum, der es verstand, sein Werk und die von ihm geschaffene Filmfigur des Monsieur Hulot in den Rang eines nationalen Kulturgutes zu erheben.
In seinem letzten Kinospielfilm Trafic – Tati im Stoßverkehr scheitert Monsieur Hulot (dargestellt vom Regisseur selbst) am Transport eines hypermodernen und mit allen Schikanen ausgestatteten Wohnmobils zur Automobilmesse nach Amsterdam. Die Zeit drängt und die vielsprachig parlierende PR-Dame Maria (Maria Kimberley) Immer wieder wird die Fahrt unterbrochen, vereiteln Staus, Pannen und sonstige Missgeschicke die Weiterfahrt, bis man schließlich doch in den Niederlanden eintrifft. Freilich ist die Messe zu diesem Zeitpunkt längst vorbei.

In gewisser Weise bildet Trafic – Tati im Stoßverkehr die Summe des filmischen Schaffens von Jacques Tati und dessen gleichzeitigen Endpunkt. All das, was die Filme des Regisseurs, Drehbuchautors und Darstellers auszeichnet, ist hier noch einmal zu besichtigen – neben der generellen Thematik ist es die Wortkargheit und zeitweise Verkrüppelung der Dialoge, die babylonische Sprachverwirrung, die häufigen Totalen von einem leicht erhöhten Standpunkt aus, die den einzelnen Menschen innerhalb riesiger, in verschluckender Interieurs zeigen.

Zu der Zeit seines Entstehens allerdings wirkt eine Figur wie Monsieur Hulot in Trafic fast schon antiquiert und definitiv aus den modernen Zeiten gefallen, gegen die Tati anzuspielen versuchte. Vielleicht wäre das überhaupt mal eine genauere Untersuchung wert: Der Antimodernismus der Komik, die man in der Rückschau auch bei Charlie Chaplin in Hülle und Fülle vorfinden kann – wenngleich sie in seinem Fall ebenso wie beim dem französischen Kollegen in sympathisch-schrulliger Form daherkommt. Ephraim Kishons Wüten gegen die moderne Kunst hingegen hat jenen feinen Grat der Gegenwartskritik bei weitem überschritten, den Chaplin und Tati stets meisterhaft als Drahtseilakt wagten und meisterten.

Trotz aller unbestreitbaren Meisterschaft wirkt Trafic im Vergleich zu Die Ferien des Monsieur Hulot und anderen Filmen ein wenig schwächer und vermittelt den Eindruck, als habe sich der Kampf des Nostalgikers gegen die Zumutungen der Gegenwart zu diesem Zeitpunkt schon als aussichtslos erwiesen. Diese Müdigkeit und milde Resignation lässt sich vielleicht auch dadurch erklären, dass der erfolgsverwöhnte Filmemacher Jacques Tati zu diesem Zeitpunkt knapp vor einer Insolvenz stand, in die ihn die enormen Kosten seines vorherigen Films Playtime getrieben hatten. Dies war unter anderem auch der Grund dafür gewesen, dass Hulot trotz gegenteiliger Absichten die Hauptrollen noch einmal selbst übernommen hatte – es bestand schlichtweg die rein finanzielle Notwendigkeit dazu, um den engen Kostenrahmen nicht zu sprengen. Nach Trafic zog sich Tati enttäuscht und verbittert aus dem Filmgeschäft zurück (mit Ausnahme einer Fernsehproduktion mit dem Titel Parade aus dem Jahre 1974). Und so bleibt dieser Film hier sein Vermächtnis.

(Joachim Kurz)

Im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums von Arthaus wird das DVD-Label den Film erneut in ausgewählte Kinos bringen.

Trafic – Tati im Stoßverkehr

Ein Mann im Kampf mit der Tücke des Objekts, ein Individuum im Aufbegehren gegen die Konformität der modernen Massengesellschaft, der Einzelnen gegen die Anderen: Es ist schon bemerkenswert, wie konservativ die Werke großer Komiker oftmals daherkommen, wie strikt sie auf einem Status quo beharren, weil die Zukunft sowieso nichts Gutes bringt.
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