Toys In The Attic - Abenteuer auf dem Dachboden

Toys In The Attic - Abenteuer auf dem Dachboden

Eine Filmkritik von Rajko Burchardt

Eine Spielzeuggeschichte

Was auch immer da oben, in der verlotterten Dachkammer zwischen Staubknäuel und Salpetermuff, vorgehen mag: wir werden davon wohl eher nichts mitbekommen. Die Menschen dieses Films zumindest, hier eine Großmutter mit ihrer Enkelin, verirren sich nur selten auf jenen Speicher, der allem ausrangierten Gerümpel so etwas wie ein Vergnügungspark ist. Altes Spielzeug nämlich, zum Leben und Quasseln erwacht, nutzt die ungestörte Ruhe vor den Bewohnern des Hauses – den Leuten eben, als deren liebes Eigentum es offensichtlich schon lange nicht mehr gesehen wird – und organisiert sich eine Art Miniaturstaat. Wäscheleinen werden zu Flughilfen umfunktioniert und Straßen mit Kreide gezeichnet, sogar ein Zug kutschiert die Dachbodenbewohner fahrplanmäßig von einer Ecke zur nächsten (was uns überschaubar erscheinen mag, ist hier nun mal die große weite Krimskramswelt).
Ein fremd- wie seltsamerweise doch auch selbst errichtetes Ramschdomizil voll unwirklicher Harmonie ist das – gäbe es da nur nicht diesen hundsgemeinen Despoten in Gestalt einer güldenen Büste, der das Spielzeug schikaniert, ausspioniert und schließlich auch die liebreizende Plastikpuppe Buttercup entführt. Auch eine dergestalt phantastische Geschichte braucht eben ihren Bösewicht, der das Spielzeugparadies in Aufruhr versetzt. Den bei einem Film des legendären tschechischen Animationsregisseurs Jiří Barta nicht nur implizit vermittelten Untertönen ist das natürlich zuträglich: der Herrscher, das selbsternannte Oberhaupt der unter Ausschluss einer menschlichen Öffentlichkeit geformten Spielfigurengesellschaft also, hält die Dinge nur solange am Laufen, wie er sie auch nach eigenem Ermessen zu unterdrücken imstande ist. Selbst die schwarze Hauskatze arbeitet für ihn!

Mit Toys in the Attic – Abenteuer auf dem Dachboden, so der treffliche deutsche Titel, erschien 2009 Bartas erster Film seit zwei Dekaden (und bei uns wiederum nun mit fünfjähriger Verspätung auf DVD und Blu-ray). Nach Auflösung der Tschechoslowakei tat sich der Regisseur zahlreicher experimentell animierter Kurzfilme schwer damit, Anschluss im neuen, freien – und filmwirtschaftlich darüber eben ziemlich auseinander gebröselten – Markt zu finden. Seine lang geplante Golem-Adaption konnte er aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten bis heute nicht vollenden, während die ihm so eigene, altmodische Stop-Motion-Animation sich gegen das Erstarken computergenerierter Trickfilme erst recht nicht mehr durchsetzen wollte. Dass Toys in the Attic als Bartas bislang vermutlich kommerziellste Arbeit nur mühevoll – und schließlich mit Geldern aus Frankreich und Japan – fertig gestellt werden konnte, bestätigt solch bitteres Karriereresümee.

In Tschechien war diese, der Ordnung halber sei das hinzugefügt, Stop-Motion-Version von Toy Story jedenfalls nicht sonderlich erfolgreich. Den Vergleich mit Pixars Kassenknüller entscheidet Jiří Barta aber zumindest insofern für sich, als der ramponierte Charme seiner lebendig gewordenen Spielzeuge ziemlich weit entfernt ist von der schnieken Sauberkeit eines Buzz Lightyear. In den vergilbten Teddybären, abgeschabten Holzpuppen oder aus Unrat zusammengesetzten Knetmännchen findet das Charakterdesign dieser Figuren einen liebevollen Ausdruck, den CG-Animation so haptisch erst einmal hinbekommen muss. Tiefe verleiht Barta seinen munteren Spielwaren auch dadurch, dass sie unter Herrschaft der dämonischen Büste ein buchstäblich marionettenhaftes Dasein fristen müssen. Und natürlich: weil sie ihren Besitzern als auf den Dachboden verfrachteter Trödel irgendwann einfach wertlos erschienen sein müssen. Aus dem Leben sortiert wurden.

Die räumlich beschränkten und dennoch grenzenlos wirkenden Abenteuer dieser Spielfiguren sind nicht nur des doppelten emanzipatorischen Charakters wegen höchst amüsant (das Überwinden ihrer funktionalen Existenz schließt Mensch wie Menschenbüste ein), sondern dank des Detailreichtums auch entzückend schön anzusehen. Seinen verlebten Protagonisten begegnet der Film mit ästhetisch gewinnbringend unperfekten Bildern (ähnlich der Gebrüder Quay), in denen so viele wunderliche Ideen schlummern, dass es sich kaum an ihnen satt sehen lässt. Wenn etwa ein Zahnbürstenkopf als Zugbremse herhalten darf, kann man auf dieses Dachkammerleben der quietschfidelen Spielzeugfiguren schon fast ein wenig neidisch werden.

Toys In The Attic - Abenteuer auf dem Dachboden

Was auch immer da oben, in der verlotterten Dachkammer zwischen Staubknäuel und Salpetermuff, vorgehen mag: wir werden davon wohl eher nichts mitbekommen. Die Menschen dieses Films zumindest, hier eine Großmutter mit ihrer Enkelin, verirren sich nur selten auf jenen Speicher, der allem ausrangierten Gerümpel so etwas wie ein Vergnügungspark ist. Altes Spielzeug nämlich, zum Leben und Quasseln erwacht, nutzt die ungestörte Ruhe vor den Bewohnern des Hauses – den Leuten eben, als deren liebes Eigentum es offensichtlich schon lange nicht mehr gesehen wird – und organisiert sich eine Art Miniaturstaat.
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