Tore tanzt

Tore tanzt

Eine Filmkritik von Festivalkritik Cannes 2013 von Beatrice Behn

Das Lamm Gottes - eine Annäherung

Der Abspann lief, das Licht im Saal ging an und genau dann kommt wohl der spannendste aber auch schwierigste Augenblick für jede/n FilmemacherIn in Cannes: die Reaktion des Publikums. Und das Publikum hier vor Ort nimmt kein Blatt vor den Mund. Katrin Gebbe, Regie-Debütantin und einzige deutsche Vertreterin im Hauptprogramm des Festivals erhielt eine Menge Buhrufe und gleichzeitig stehende Ovationen. Es darf also mit Fug und Recht behauptet werden, dass ihr Film Tore tanzt das Publikum keinesfalls kalt lässt. Im Gegenteil, das Werk spaltet und emotionalisiert wie kaum ein anderer Film hier auf der Croisette und über keinen Film, den ich hier bisher gesehen habe, habe ich so lange nachgedacht, wie über diesen. Eine Filmkritik zu schreiben, die diesem Werk gerecht wird, ist ein wirklich schwieriges Unterfangen. Hier ist der behutsame Versuch, Tore tanzt zu erfassen und zu bedenken:
Tore (Julius Feldmeier) ist ein Jesus-Freak — ein christlicher Punker, dessen Liebe zu Gott und Glaube an seine Religion scheinbar bodenlos sind. Und Tore ist zugleich ein junger Mann mit vielen Problemen. Er scheint keine Familie zu haben, lebt von Harz IV, leidet an Epilepsie, Einsamkeit und ist wohl auch leicht zurückgeblieben. Sein christlicher Glaube ist sein Halt, das Einzige was diesem verlorenen Schaf eine Richtung und einen Sinn gibt. Als Tore eines Tages durch sein Gebet das liegengebliebene Auto von Benno (Sascha Alexander Gersak) wieder flott machen kann, denkt er, dass Gott ihn für eine Mission auserkoren hat. Benno lädt ihn ein, bei sich und seiner Familie im Schrebergarten zu wohnen. Tore nimmt an und zieht zu Benno, Astrid (Annika Kuhl), dem kleinen Dennis (Til Theinert) und der 15-jährigen Sanny (Swantje Kohlhof). Doch die Familie ist nicht die erhoffte Idylle, vielmehr stellt sich bald heraus, dass Benno ein Tyrann ist; Tores christliche Demut und Submissivität triggern seine sadistische Seite. Er will seinen Glauben „prüfen“ und beginnt den Jungen zu misshandeln. Als Tore bemerkt, dass auch Sanny unter ihrem Stiefvater zu leiden hat, denkt er, seine Mission bestünde darin, bei ihr zu bleiben und für sie zu leiden.

Buhen und Klatschen, buhen und klatschen

Es geht mir nicht aus dem Kopf, denn diese Reaktion ist doch eine gute Metapher für die Ambivalenz, die dieser Film in mir auslöst. Was für ein problematischer Film Tore tanzt doch ist. Dabei ist das größte Problem nicht die dargestellte Gewalt. Das größte Problem liegt im Grundsätzlichen dieses Werkes, das auf wackeligen Beinen steht: Vor allem das Ensemble, allen voran Julius Feldmeier als Tore, hat nicht die Kraft ,diesen Film zu tragen, dessen Geschichte zu stemmen und ihm die Glaubwürdigkeit zu geben, die diese als Fundament benötigte. Unter Science Fiction Fans gibt es eine Bezeichnung für solch eine eindimensonale Figur wie Tore, die nur darauf angelegt ist zu gut für diese sündenbeschmutzte Welt zu sein — man nennt sie „Mary Sue“. Was trotz der in dieser Figur angelegten Einseitigkeit und Passivität im Weltraum manchmal funktioniert, vermag in einem deutschen Schrebergarten aber nicht mehr glaubhaft die Geschichte voranzutreiben. Trotz einer offensichtlich leichten geistigen Behinderung und der Begründung, dass der Junge nichts anderes hat als seinen Glauben — man mag ihm sein eigenartiges Glaubenskonstrukt einfach nicht ganz abkaufen. Auch die Handlungen der anderen Hauptfiguren, seien es Bennos und Astrids Sadismen oder Sannys Passivität, sind schwer zu schlucken. Natürlich könnte man hier das Argument bringen, dass der Zuschauer eben einfach nicht glauben will und den Horror quasi leugnet. Doch das ist es nicht. Vielmehr gibt es einfach zu wenig Verankerung, zu wenige Anhaltspunkte, die das Verhalten psychologisch verankern und ihm Tiefe geben. Teil der Verstörung, die der Film auslöst, kommt eben nicht von der Gewalt, sondern von ihrem plötzlichen Einsetzen. Der andere Teil kommt aus der Verwunderung über so viel Passivität und Nichtstun, denn auch diese werden zu wenig untermauert. Wo kommt das her, wie hat sich das entwickelt? Man wird nicht mitgenommen auf diese Reise, die sowohl hier als auch in der offiziellen Synopsis im Presseheft mit „Misshandlungen“ umschrieben wird. So mag der Film beginnen, doch er endet in Aktivitäten, die man schlichtweg als Folter bezeichnen muss.

Klatschen.

Was will der Film mit seiner Geschichte eigentlich sagen? Worum geht es hier auf einer Metaebene, was ist das „big picture“? Ich weiß es nicht. Aber Fakt ist, dass er etwas auslöst, einen Gedanken oder Gefühlsprozess in Gang setzt. Eine Szene war für mich persönlich ein Schlüssel zu meiner persönlichen Reaktion auf den Film: Tore, dem nichts zu Essen gegeben wird, findet ein halbes Brathähnchen auf dem Kompost und versteckt es. Doch er isst es nicht (und hier haben wir ein Beispiel für die permanenten Verunsicherungen, die die Unausgegorenheit des Werkes immer wieder auslöst), vielmehr findet Benno das inzwischen vermoderte Fleisch. Er und Astrid zwingen ihn es zu essen — nein, Benno ist eigentlich passiv, es ist Astrid, die die Idee hat und sie auch durchführt. Und da war er, der Augenblick in dem ich mich erinnerte an den passiv-aggressiven Sadismus, den man vielen weiblichen KZ-Aufseherinnen nachgesagt hat. Und plötzlich gab es da eine Ebene der Glaubhaftigkeit, auch wenn sie fast nur auf einer unterbewussten Ebene stattfand, die sich fast wie ein psychosomatisches Symptom nur schwer entschlüsseln ließ. Warum man für Tore tanzt klatschen muss? Nicht nur, weil sich hier ein deutscher Film weit aus der Komfortzone herauswagt, sondern auch, weil er triggert. Bei mir sind es die Erinnerungen an die aus unserer Zeit heraus betrachtet ungeheuerlich erscheinenden Machtgefüge in der Nazi-Zeit und die unfassbar sadistischen Taten von Menschen, die sonst als „normal“ galten. Bei meinem Kollegen Joachim waren es wiederum Gedanken über die derzeitige deutsche Gesellschaft — ihre Gespaltenheit in Passivität und sadistisch-fröhlicher Ausbeutung.

Doch was auch immer es für den einzelnen sein mag, Tore tanzt vermag etwas, das der deutsche Film schon lange Zeit nicht mehr getan hat: er bewegt.

(Festivalkritik Cannes 2013 von Beatrice Behn)

Tore tanzt

Der Abspann lief, das Licht im Saal ging an und genau dann kommt wohl der spannendste aber auch schwierigste Augenblick für jede/n FilmemacherIn in Cannes: die Reaktion des Publikums. Und das Publikum hier vor Ort nimmt kein Blatt vor den Mund. Katrin Gebbe, Regie-Debütantin und einzige deutsche Vertreterin im Hauptprogramm des Festivals, erhielt eine Menge Buhrufe und gleichzeitig stehende Ovationen. Es darf also mit Fug und Recht behauptet werden, dass ihr Film „Tore tanzt“ das Publikum keinesfalls kalt lässt.
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Meinungen
Andreas Oespel · 17.12.2013

DKastens vermisst am 28.11.13 die Beweggründe der Hauptper- sonen. Würde man dem ernsthaft folgen, hätte vor dem Film ein Mehrteiler zu jeweils mindestens 90 Minuten entstehen müssen. Denn Ursachen und Motive der vier Hauptpersonen sind sehr un- terschiedlich. Auch wenn Astrid und Benno gleichermaßen sadis- tisch scheinen, können ihre Lebensläufe doch sehr verschieden sein und dennoch in die selbe Ungeheuerlichkeit münden. Also ein Vierteiler der das alles recherchiert und den fünften Teil, näm- lich "Tore tanzt" folgen lässt.
Beatrice Behn ist erschrocken über die Passivität von Sanny und Tore.

DKastens · 28.11.2013

ich frage mich, was der Film eigentlich im Zuschauer bewegt. Was er nicht leistet, ist zumindest der Versuch, die Beweggründe, die Ursachen für den Sadismus zu finden und aufzudecken. Was bringt den "Normal"bürger zu diesen Handlungen? und auch die Beweggründe/Ursachen für die Entscheidung zum Leiden erkennbarer zu machen, die ohne jeden Zweifel die gleichen sind, die im antiken Rom christliche Märtyrer zu fanatischer Suche nach (wörtlich) bestialischem Tod angetrieben haben. Was sind die psychsozialen Quellen dafür und wie könnte man sie überzeugender ins bild setzen???

Kommentare

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