Tokyo Eyes

Tokyo Eyes

Eine Filmkritik von Simin Littschwager

Frankreich trifft Japan

Der junge Spieleprogrammierer K (Shinji Takeda) scheint alle Klischees über Ballerspiele und ein gesteigertes Aggressionspotential zu erfüllen: Er läuft herum und schießt auch in der realen Welt wahllos auf alle, die ihn nerven. Zwar hat er bisher noch jedes Opfer verfehlt und niemanden getötet – dennoch legt die Polizei von Tokyo erfolgslos Nachtschichten ein, um den potentiellen Killer, der wegen seiner zentimeterdicken Brillengläser nur „Vier Augen“ genannt wird, unschädlich zu machen. Weitaus aufmerksamer als das Auge des Gesetzes ist die junge Hinano (Hinano Yoshikawa), ausgerechnet Schwester eines Polizisten, die rein zufällig in der U-Bahn den vermeintlichen Psychopathen erkennt.
Was anfänglich eher ein Detektivspiel aus Trotz und Langeweile ist, weicht einer zunehmenden Faszination für den seltsamen Jungen namens K, den sie in den labyrinthartigen Seitenstrassen Tokyos mit ihrer Filmkamera verfolgt. Mit großen Augen und unwiderstehlichem Schmollmund kommt sie ihm neugierig immer näher, bis sie sich schließlich tanzend in seiner Wohnung wieder findet und das Unvermeidliche passiert: Hinano und K verlieben sich ineinander. Eines ist sicher: Bevor all das ein gutes Ende nehmen kann, muss geklärt werden, was es mit K’s gefährlichem Hobby auf sich hat und wie er sich davon abbringen lässt…

Aus welchen Gründen auch immer der Film Tokyo Eyes des französischen Regisseurs Jean-Pierre Limosin seit 1998 in irgendeinem Archiv verstaubte – begrüßenswert ist die Tatsache, dass er nun auf DVD veröffentlicht wurde. Tokyo Eyes ist weder nervenaufreibender Thriller noch Jugenddrama, sondern eine in wunderbaren Bildern leicht und sanft erzählte Liebesgeschichte, in der sinnliche Wahrnehmung eine entscheidende Rolle spielt. Im Unterschied zu manch anderer Teenage-Lovestory geht es nicht darum, vom ersten Blickkontakt über den Kuss bis zum ersten Sex die körperliche Sinnlichkeit für sich zu entdecken, sondern vielmehr darum, in der Verliebtheit die gesamte Welt einschließlich des anderen mit allen Sinnen neu zu erleben und mit anderen Augen zu sehen. Ausgestattet mit einem hypersensiblen Empfinden leidet K enorm unter der Reizüberflutung der Großstadt und der abgestumpften Rohheit seiner Mitmenschen. Für ihn ebenso wie für die meisten von uns sind die Augen der selbstverständlichste und direkteste Zugang zur Welt, und um sich und seine Augen vor Verletzungen zu schützen, weiß er kein besseres Mittel der Verteidigung als den Angriff. Durch ihre Verliebtheit und den – vielleicht nur bei Teenagern so ausgeprägten – Glauben an die einzige und wahre Liebe entfalten K und Hinano auch ihre anderen Sinne. Und ebenso vorsichtig und behutsam, wie dies geschieht, versucht auch die Kamera auf sehr subtile Weise, diese neue Wahrnehmung zu transportieren, unterstützt von der Musik. Vor allem diese ungewöhnlichen Perspektiven, mal schwebend, mal schräg von unten und stets sehr auf Nähe zu den Protagonisten bedacht, machen den Charme dieses Liebesfilms aus und sorgen dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Wie wichtig sinnliche Details manchmal sein können, merkt man übrigens insbesondere bei diesem Film, wenn man die synchronisierte mit der Originalfassung vergleicht: Trotz französischem Regisseur ist er doch eher japanisch, und so sollte man sich Tokyo Eyes denn auch auf jeden Fall in der Originalfassung anschauen.

Als Bonusmaterial befindet sich unter anderem noch eine sehenswerte Arte-Dokumentation von Jean-Pierre Limosin über Takeshi Kitano, der auch im Film einen kleinen Gastauftritt hat, auf der DVD.

Tokyo Eyes

Der junge Spieleprogrammierer K (Shinji Takeda) scheint alle Klischees über Ballerspiele und ein gesteigertes Aggressionspotential zu erfüllen.
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