Todespolka

Todespolka

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die totale Sieglinde

Ein lautes und vernehmliches Plopp ist das erste, was man hier hört. Doch es ist nicht eine Weinflasche, die entkorkt wird, sondern der Allerwerteste eines submissiven Parteibonzen. Der lässt sich gerade in einem Keller von einer Domina den Dildo herausziehen. Gerade noch rechtzeitig um mitzubekommen, dass seine Parteichefin Dr. Sieglinde Führer soeben die Mehrheit bei den Wahlen in Österreich errungen hat und damit in Zukunft die Geschicke des Landes stramm nach Steuerbord, an den äußersten rechten Rand steuern wird. Das Parteiprogramm der "Führerin" ist einfach und klingt auf seltsame Weise vertraut: Asylanten, Islamisten und linke Gutmenschen raus oder besser noch ins Arbeitslager, eine massive Aufstockung der Polizeipräsenz, dazu Wiedereinführung des Schilling und der Austritt aus der verhassten EU, um die nationale Eigenständigkeit wieder zu erlangen. Und – natürlich – soll auch die Todesstrafe wiedereingeführt werden, während Kinderschänder und andere Perverse einer chemischen Kastration unterzogen werden sollen. Aber natürlich: "Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt, dem wird auch nichts geschehen." Das kennen wir ja. Mit anderen Worten: Die neue Kanzlerin der Österreicher bedient sich all jener Maßnahmen, die dem Stammtischvolk und den Populisten in allen Ländern Europas die Freudentränen ins Gesicht treiben.
Ein halbes Jahr später schon sind die Auswirkungen der Politik deutlich zu spüren. Nicht nur die Polizei, sondern auch der ganz normale Bürger von nebenan drangsaliert jeden, der irgendwie anders ist. Und das bekommen eines Abends und nachts insbesondere zwei junge Medizinstudenten (einer davon mit afrikanischen Wurzeln) zu spüren, die sich nichtsahnend einfach einen schönen Abend mit ein paar Bier machen wollen. Und während der Mob tobt, läuft im Fernsehen eine Volksmusiksendung, bei der die Kanzlerin zu Polkamelodien gegen Ausländer und Andersdenkende hetzt – eine Gehirnwäsche, die in dieser Nacht Wirkung zeigen wird...

Todespolka ist grell, laut, banal, wüst, wenig subtil, grob überzeichnet und sichtlich mit billigsten Mitteln umgesetzt. In manchen Momenten wirkt der Film wie eine wilde Trash-TV-Show, dann wieder wie handgeschnitztes Bauerntheater, wie ein Werk anerkannter Randständiger wie Peter Kern oder Christoph Schlingensief oder wie reiner Punk. Im glatt geschliffenen und küchenpsychologisch stets fundierten jungen deutschen oder deutschsprachigen Kino finden solche Filme eigentlich schon seit langem überhaupt nicht mehr statt. Der schlampige Look und die rumpelnden Dialoge, die jähgen Sprünge und krassen Übertreibungen treten allerdings so gehäuft auf, dass man durchaus vermuten muss, dass Pfeifenberger und sein Drehbuchautor Demmelbauer aus der Not des knappen Budgets eine Tugend gemacht haben. Je nach persönlichem Geschmack findet man das völlig missraten oder grenzgenial, die Wahrheit liegt wohl irgendwo auf halber Strecke.

Was übrigens auch für den fiktiven Charakter des Plots gilt. Wer das alles grob überzeichnet findet und fest überzeugt ist, dass die Geschichte frei erfunden ist und keinerlei Ähnlichkeit mit der österreichischen Realität aufweist, dem sei entgegnet: Ja. Oder besser noch: Ja, aber. Denn die flotten Sprüche der Führerin stammen aus dem Parteiprogramm der rechtspopulistischen FPÖ, die in der Politik der Alpenrepublik keine ganz unbedeutende Rolle spielt.

Todespolka

Ein lautes und vernehmliches Plopp ist das erste, was man hier hört. Doch es ist nicht eine Weinflasche, die entkorkt wird, sondern der Allerwerteste eines submissiven Parteibonzen.
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Meinungen
sennhauser · 21.04.2011

Ich stimme zu. Offen bleibt aber, wie immer bei solchen Satiren, die Frage, an wen sie sich richtet. Wer das versteht und goutiert, braucht sie nicht, wer sie brauchen könnte, wird sie schon gar nicht sehen, und wer sie trotzdem zu sehen bekommt, wird sie nie und nimmer auf sich beziehen. Satire darf darum alles, weil sie meistens wirkungslos bleibt, zumindest in jenen Medien, die ein Wahl- und nicht ein Zufallspublikum haben.

Kommentare

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