Tierische Liebe

Tierische Liebe

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Lass uns züngeln, Husky!

Es gibt Filme, die sich während des Anschauens mit der Frage aufdrängen, ob man sie sich überhaupt weiter anschauen soll. Auch wenn das in der Regel mehr über den Zuschauer als über den Film aussagt, ist das ein bemerkenswertes Phänomen. Tierische Liebe des drastischen österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl (Hundstage, 2001, Jesus, du weißt, 2003, Import Export, 2007) schockiert nicht nur auf Grund der Darstellung der extremen Verhältnisse zwischen Tier und Mensch, sondern vor allem innerhalb einer um einiges tiefer liegenden Dimension, die eine unsagbare humane Tristesse repräsentiert. Dazu lauschen die Tierliebhaber mitunter einer vor Sentimentalität tröpfelnden Musik, die in Kombination mit den banalen bis erschreckenden Bildern ein imposantes Gemälde der menschlichen Sehnsüchte entwirft. Ist die Dokumentation – endlich – beendet, entsteht dann letztlich doch der Eindruck, noch geschont worden zu sein, denn es ist dem radikalen Österreicher sowie seinen Darstellern durchaus zuzutrauen, dass sie noch einige Zeit und Ungeheuerlichkeiten weiter hätten gehen können.
Der junge Mann, der auf dem Bahnhof umherstreift und ein paar Schilling für seinen niedlichen Hasen erbittet, den er bei sich trägt, unterhält noch zusätzlich enge auch körperliche Beziehungen zu seinen Hunden, und es sind diese beliebten Haustiere, die im Mittelpunkt der massiven Zuneigungen in diesem Film stehen. Da werden hauptsächlich Rüden geherzt, massiert, geküsst und gezüngelt, in infantile bis erotisch-sexuelle Rollenspiele eingebunden oder auch mit allen Ehren nach ihrem Tod beigesetzt, was keineswegs so kurios ist, wie die rasant steigende tierische Präsenz innerhalb der deutschen Friedhofslandschaft belegt. Die körperliche Nähe jedoch, deren Ausmaße mit der Zeit immer deutlicher gezeigt werden, gestaltet sich für den distanzierten Zuschauer äußerst befremdlich und verstörend, für entsprechende Freaks hingegen wahrscheinlich recht ansprechend. Die bedrückende Atmosphäre wird durch die überwiegend elende Verlorenheit der mitwirkenden Menschen potenziert, die sich selbst augenscheinlich als ganz zufrieden betrachten. Und genau dieser Umstand produziert einen Zwiespalt beim Zuschauer, auf den sie absolut bedauernswert wirken, ohne dass er sie mit dieser arroganten Haltung vereinnahmen mag – ein anregender Effekt, der einen zentralen Wert dieses Films markiert. Im Grunde ist Tierische Liebe eine Dokumentation über Armut in vielerlei Hinsicht, und es ist eine bittere Erkenntnis, auf welche Weise der resignierte Mensch sich mit dieser Situation zu arrangieren vermag.

Es ist nicht die Unerträglichkeit der Bilder, die ein paar Mal den Impuls auslöst, fortzuschauen oder abzuschalten, sondern die Verweigerung, dem doch deutlich präsenten, grausamen Voyeurismus zu folgen und den Blick abzuwenden, wenn der hübsche, komplett verdreckte und verlotterte Hasen-Mann onaniert, zumal von einer technisch interessanten oder gar erotischen Komponente in keinster Weise die Rede sein kann. Diese naturalistischen Anschauungen der Lebensrealitäten geraten dann doch in einen Bereich, der die Würde des noch so desolaten Individuums attackiert und mit Andeutungen ebenso aussagekräftig zu gestalten wäre – und zwar deshalb, weil es sich nicht um eine schräge Groteske, sondern um eine Dokumentation handelt, die nichtsdestotrotz grotesk und schräg erscheint.

Regisseur Ulrich Seidl ist berüchtigt für die Darstellung der gewöhnlichen, in der Regel tabuisierten Absurdität des Menschlichen, die hier sicherlich einen glanzlosen Höhepunkt erreicht. Tierische Liebe ist ganz zweifellos eine stark berührende Dokumentation, deren Qualität in der ausführlichen Betrachtung der schamlosen Protagonisten und ihres Milieus besteht, wobei der Aspekt der scheußlich-innigen Tier-Mensch-Beziehung innerhalb dieses Szenarios im Grunde lediglich den skandalös anmutenden Aufhänger liefert. Mit diesen durchweg wenig erfreulichen, schwindelnd traurigen Anblicken gelingt Ulrich Seidl und der Kamera von Michael Glawogger, Hans Selikovsky und Peter Zeitlinger ein schonungsloses, nachhaltig wirkendes Horror-Stück über die elementaren Bedürfnisse bekennender Randgestalten, die sich ihr eigenes Universum der Zärtlichkeit und Begierde geschaffen haben, in dem sie diese unbeirrt mit ihren tierischen Gefährten befriedigen. Dabei verhindert die Konsequenz und Ausführlichkeit der Inszenierung, die auf jeden Kommentar verzichtet, dass die Porträtierten auf ihren animalischen Hang reduziert werden, doch auch wenn sie kaum gezwungen wurden, sich der Kamera in diesem Maße auszuliefern, erreichen die Betrachtungen eine Intimität, die allzu persönliche Verletzlichkeiten einer lauernden Lächerlichkeit offeriert.

Tierische Liebe

Es gibt Filme, die sich während des Anschauens mit der Frage aufdrängen, ob man sie sich überhaupt weiter anschauen soll. Auch wenn das in der Regel mehr über den Zuschauer als über den Film aussagt, ist das ein bemerkenswertes Phänomen.
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