This is Love

This is Love

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Therapie im Verhörzimmer

Solche Verhörszenen gibt es selten im Kino: Der Verdächtige wird zum Komplizen, der Befragte dreht den Spieß um und bestimmt plötzlich das Geschehen. In Matthias Glasners Krimi zählt die außergewöhnliche Begegnung zweier verlorener Seelen zu den beeindruckendsten Szenen. Sein Film überzeugt durch die elegant verschachtelte Erzählweise. Er dürfte aber wegen Art und Weise, wie er das Thema Pädophilie behandelt, für Kontroversen sorgen.
This is Love erzählt drei Geschichten in einer. Da ist zum einen das Aufeinandertreffen von Kommissarin Maggie (Corinna Harfouch) und Chris (Jens Albinus), der als Mörder und Kinderschänder unter Verdacht steht und sich gerade umbringen wollte. Zum anderen sind da die verborgene Geschichte von Chris und die verborgene Geschichte von Maggie, die in vielen Rückblenden aufgedröselt werden. Maggie ist vor 16 Jahren von ihrem Mann verlassen worden, völlig überraschend und scheinbar ohne Grund. Chris kauft in Vietnam Kinderprostituierte von ihren Zuhältern frei und verhökert die Mädchen an Adoptiveltern in Deutschland. Aber es ist von der ersten Szene an klar, dass sich hinter diesem Geschäft mehr verbirgt. Offenbar besänftigt Chris durch die "guten" Taten ein schlechtes Gewissen. Seit der Pubertät spürt er ein Verlangen, das er um jeden Preis in sich abtöten muss.

Was ist also passiert vor jener Nacht, in der Chris in selbstmörderischer Absicht in einen Lastwagen raste, in seiner Wohnung ein toter Mann lag und die aus Vietnam freigekaufte neunjährige Jenjira verschwand? Das erfahren wir auf höchst spannende Weise: in einer raffiniert gewobenen, wie selbstverständlich ineinander übergleitenden Erzählstruktur. Matthias Glasner verlässt sich auf das unter der Oberfläche liegende Thema, das die beiden Geschichten miteinander verschmilzt und so die Zeitebenen in seiner eigenen Logik miteinander verknüpft, sodass es geradezu kontraproduktiv scheint, darüber nachzudenken, wo man sich gerade befindet und wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Es genügt, sich treiben zu lassen vom Fluss der Bilder.

Dieses verbindende Thema hängt mit den Beschädigungen der beiden Hauptfiguren zusammen. Jede spürt auf ihre Weise eine Sehnsucht, die unterdrückt werden muss, weil sie zu viele Schmerzen mit sich bringt. Beide Charaktere sind wie lebende Tote, gebrochen von Enttäuschungen und Zurückweisungen. Das macht sie irgendwann zu Verbündeten im Verhörzimmer: zu zwei Menschen, die sich gegenseitig therapieren, indem jeder von ihnen eine Geschichte erzählt, die noch nie jemand gehört hat. Das geschieht gegen erhebliche Widerstände und wird immer wieder gebrochen von Wut und Verzweiflung. Hier gelingen Szenen von intensiver Kraft, mit ungewöhnlichen Einstellungen und behutsamer Erkundung von Gesichtern und Gegenständen, gleichsam als hätte man die Kamera auf unbekanntem Terrain ausgesetzt und sie müsste sich jetzt zurechtfinden in einer Art Minenfeld.

Aber die Stärke der thematischen Verschmelzung birgt als Kehrseite ein Problem: Die Liebe zwischen Erwachsenen wird auf dieselbe Stufe gestellt wie die Liebe eines Erwachsenen zu einem Kind. Das ist eine Gratwanderung, die einige Gefahren mit sich bringt und möglicherweise einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Ähnlich wie bei Glasners Der freie Wille geht es um sexuelle Verfehlungen. Dort ist es eine Vergewaltigung, hier ist es die Sexualität einer Neunjährigen, die immer im Hintergrund lauert, auch wenn Chris seine Triebe im Griff hat.

Dass man in dieser Darstellung pädophiler Neigungen einen Versuch der Verharmlosung sehen kann, ändert aber nichts an den hervorragenden Schauspielerleistungen. Der Däne Jens Albinus, der in verschiedenen Lars- von Trier-Filmen mit gewirkt hat (unter anderen in Dancer in the Dark und Idioten), glänzt in einer traurigen Figur, die gerade deswegen so viel zu sagen hat, weil sie die meiste Zeit schweigt. Und Corinna Harfouch, die zuletzt in Whisky mit Wodka die starke Frau gespielt hat, die man von ihren Figuren kennt, zeigt eine enorme Bandbreite. Sie ist so "tough" wie in vielen ihrer anderen Rollen, aber gleichzeitig ungeheuer verletzt und verwundet. Allein die erste Szene, in der sie vollkommen betrunken auf ihre erwachsene Tochter trifft, ist eine schauspielerische Offenbarung.

This is Love

Solche Verhörszenen gibt es selten im Kino: Der Verdächtige wird zum Komplizen, der Befragte dreht den Spieß um und bestimmt plötzlich das Geschehen. In Matthias Glasners Krimi zählt die außergewöhnliche Begegnung zweier verlorener Seelen zu den beeindruckendsten Szenen. Sein Film überzeugt durch die elegant verschachtelte Erzählweise. Er dürfte aber wegen Art und Weise, wie er das Thema Pädophilie behandelt, für Kontroversen sorgen.
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