The Wolfpack - Mitten in Manhattan

The Wolfpack - Mitten in Manhattan

Eine Filmkritik von Stephan Langer

Real, but nor real

„It’s real but not real“, sagt Susanne Angulo, Mutter von sieben Kindern an einer Stelle von The Wolfpack, dem bemerkenswerten Debüt-Dokfilm von Crystal Moselle. Sie meint damit die Welt für ihre sechs Söhne und eine Tochter, die zwischen 16 und 23 Jahren sind, alle hüftlange schwarze Haare und Sanskrit-Namen haben – Bhagavan, Govinda, Narayana, Mukunda, Krishna, Jagadesh und Vishnu.
Real ist die Welt für sie, weil sie wie für alle anderen Menschen einfach da ist und draußen vor der Sozialwohnung in der Lower East Side in New York City schlicht existiert. Nicht real ist sie, weil es den Kindern abgesehen von wenigen Ausnahmen seitens des Vaters verboten ist, die Wohnung zu verlassen. Einen Schlüssel hat nur er. In manchen Jahren durften sie sechs Mal unter Aufsicht nach draußen, sagt einer der Brüder, in manch anderen kein einziges Mal. In diesem Film ist die Wahrheit seltsamer als jede Fiktion.

Die Gedankenfigur „real but not real“ funktioniert noch auf einer zweiten Ebene: Die einzige Form der regelmäßigen Welterfahrung bestand für die Brüder (Vishnu, die Schwester, ist meist für sich) im Schauen von unzähligen Hollywood-Filmen. Das war ihnen während ihrer gesamten Jugend gestattet. So wurden sie zu ihrer Hauptbeschäftigung, pathetisch könnte man sagen, dass diese Filme ihr Leben gerettet haben oder sie zumindest einigermaßen bei geistiger Gesundheit gehalten haben. Mit ihnen konnten sie wenigstens mit Hilfe ihrer Phantasie in fiktionale Welten entfliehen, wenn der Ausbruch physisch nicht möglich war. Die Brüder beließen es allerdings nicht allein beim Schauen. Sie schrieben Drehbücher ab, lernten sie auswendig und spielten ihre Lieblingsfilme in der Wohnung nach, darunter Der Pate, No Country For Old Men, Halloween oder Pulp Fiction (wirklich grandios: das Reenactment der Autosäuberungsszene in der Garage, im Original famos angeleitet durch Harvey Keitel). Dazu schufen sie jeweils ein ganzes Universum aus selbstgemalten Filmpostern, die überall sichtbar die Wände schmücken, eigenen Kostümen, Masken und Requisiten, die schlicht aber einfallsreich aus Yogamatten, Pappverpackungen und Alufolie bestehen. Die Brüder in The Wolfpack sind nerdige Cinephile und lebenshungrige Jugendliche zugleich. Sich ständig in der Welt des Als-ob zu bewegen, ja größtenteils gar darin zu leben, ermöglicht ihnen in ihrer begrenzten Situation gerade genügend Freiraum zum Atmen.

Jahrelang hat sich niemand von ihnen gegen den übermächtigen Vater zur Wehr gesetzt und ist zum Beispiel irgendwie aus dem Heimgefängnis ausgebrochen – ein Fakt, der fast noch unheimlicher anmutet als die Entscheidung eines Elternpaares, seine Kinder vor allem Schlechten zu beschützen, indem man sie einsperrt. Schließlich bricht Mukunda, der Älteste, eines Tages doch aus – der Vater toleriert es –, womit ein Kontrapunkt gesetzt ist, das Regime sich langsam lockert und die anderen Brüder auch beginnen, regelmäßig und in immer knapper werdenden Abständen auf Erkundungsgänge nach draußen zu gehen. Allerdings immer nur in der Gruppe.

Genau so hat sie auch Regisseurin Moselle zufällig auf der Straße gesehen. Aufgrund ihres effektvollen Äußeren, das sich mit schwarzen Anzügen, Krawatten und passenden Sonnenbrillen an Tarantinos Reservoir Dogs orientiert, ist sie ihnen gefolgt und hat sie angesprochen. Im Film gilt ihr Interesse den zwischenmenschlichen Dynamiken innerhalb der Familie – sie vermeidet es auch, uns die Brüder einzeln und geordnet vorzustellen. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind in einnehmender Form gegenüber der Regisseurin und der Kamera ehrlich und offenherzig.

Eine den Brüdern ähnliche Naivität zeichnet den konzeptuellen Ansatz von The Wolfpack aus. Er enthält keinerlei kommentierende Stimmen von außerhalb der Familie, es gibt kein Voice-over, zu Beginn des Films erhalten wir bis auf ein kurzes, hintersinniges Anfangsbild des Empire State Buildings, dem auch aus so vielen Hollywood-Filmen berühmten Gebäude (gefilmt von einer Kameraposition hinter einem Gitter) keine Einleitung zum Thema, sondern werden mitten hinein geworfen in Wohnung und Familienintimität. Es findet trotz aller Kuriosität durchgängig keine Bewertung der vorgefundenen Situation statt, allerdings im gleichen Zug auch keinerlei Nachfrage mit einem Ziel im Hinterkopf, das dem Film vielleicht eine bestimmte Richtung verliehen hätte. Diese Informationsbeschränkung tut dem Film allerdings gut und stärkt den empathischen Effekt, den er entwickelt. Dabei geleitet der älteste Bruder Mukunda redselig durch den vergangenen wie gegenwärtigen Werdegang der Familie Angulo, wir sehen alte Familienvideos und lauschen aktuellen Interviews mit den Familienmitgliedern. In jüngerer Zeit haben alle Brüder einen Groll gegen den immer mehr zum Alkoholiker tendierenden Vater entwickelt. Psychologische Dynamiken und Probleme, die sich zwischen diesem und den Kindern abspielen, kommen ziemlich sicher von der unorthodoxen Erziehung, die alle durchleben mussten. An einer Stelle sagt Narayana diesbezüglich, dass es Dinge gäbe, die man einfach nicht verzeihen könne. Der Film nimmt das zur Kenntnis, arbeitet solche Themen aber nicht weitergehend aus. Bis auf eine kurze Bemerkung von einem der Brüder, dass er und die anderen vorübergehend psychologisch betreut werden, wird nicht weiter auf das Thema eingegangen.

The Wolfpack ist auf psychologischer Ebene am ehesten an der Ausprägung der Angst interessiert, die sich innerfamiliär von der Elterngeneration auf die Kinder übertragen hat. Das überprotektive Verhalten der Eltern, das gut gemeinte Beschützen-wollen vor der bösen Realität, einhergehend mit einem generellen Opferbild der Menschen, die ihrem Schicksal lediglich ausgeliefert sind, wird den Kindern in ihrer Entwicklung wahrscheinlich noch zu schaffen machen. Die Söhne gehen bemerkenswert selbstreflektiert und humorvoll mit ihrer Situation um. Einmal mehr mit dem so bekannten und gewohnten Mittel des Films geht Mukunda seine persönliche Geschichte produktiv an. Er macht einen Film, zuhause in der Wohnung. In diesen flicht er ganz klar seine Vergangenheit ein. Dabei hilft ihm die gesamte Familie, plus seine erste Freundin als aufbrechendes Element von außen. Auch der Vater hat darin eine kleine, etwas unheimliche Rolle. Das Ergebnis des Films hätte man als Zuschauender gerne zu Gesicht bekommen – seltsamer und verschrobener als die erlebte Realität der Familie wird er sicherlich nicht sein.

The Wolfpack - Mitten in Manhattan

„It’s real but not real“, sagt Susanne Angulo, Mutter von sieben Kindern an einer Stelle von „The Wolfpack“, dem bemerkenswerten Debüt-Dokfilm von Crystal Moselle. Sie meint damit die Welt für ihre sechs Söhne und eine Tochter, die zwischen 16 und 23 Jahren sind, alle hüftlange schwarze Haare und Sanskrit-Namen haben – Bhagavan, Govinda, Narayana, Mukunda, Krishna, Jagadesh und Vishnu.
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