The Wild Boys (2017)

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Die renommierte Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma wählte The Wild Boys auf Platz eins der besten Filme des Jahres 2018. Wie kommt der Regisseur Bertrand Mandico zu dieser Ehre?

The Wild Boys (2017)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Hackordnung

Alle haben Angst davor, das nächste Mal ohne Vorwarnung stranguliert zu werden, nur deshalb gehorchen sie. Wie Hunde. Die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, wie sie grundsätzlich zueinander in Verbindung stehen, scheint in „The Wild Boys“ auf das Existenziellste heruntergebrochen: das Körperliche, das Animalische, Konditionierung auf der einen Seite, nacktes Begehren auf der anderen. Gewalt und Zärtlichkeit sind in dieser Welt nur schwer auseinanderzuhalten. Dabei fühlen sich die Figuren im Mittelpunkt der Geschichte zunächst einmal als Krone der Schöpfung und bilden sich darauf auch jede Menge ein.

Alles beginnt mit einer Macbeth-Darbietung, die fürchterlich aus dem Ruder läuft. Wenn in einem Film Theater gespielt wird, erzeugt das im Zuschauer häufig einen merkwürdigen Effekt, man bemerkt, wie sich die Konventionen beider Medien aneinander reiben. In The Wild Boys ist dieser Effekt nicht nur auf die so kurze wie intensive Macbeth-Szene beschränkt, er erstreckt sich vielmehr über die komplette Laufzeit. Das mag unter anderem daran liegen, dass die fünf jungen Männer, die man Anfang des 20. Jahrhunderts wegen ihrer Brutalität einem ominösen Kapitän (Sam Louwyck) zur Umerziehung übergibt, ausschließlich von Frauen gespielt werden. Ein Besetzungskniff, der wirkungsvoll irritiert, denn natürlich bemerkt man den Unterschied und entscheidet sich doch irgendwann, an die Illusion glauben zu wollen. Überhaupt spielt The Wild Boys die ganze Zeit über mit den ohnehin nicht festen Grenzen zwischen männlich und weiblich und verflüssigt sie nur noch weiter. Zum anderen mag die bemerkenswerte Reibung daher rühren, dass Bertrand Mandicos Werk ein regelrechtes Amalgam verschiedenster Zitate aus der Filmgeschichte ist.

Die jungen Männer, die später auf einer mysteriösen Insel stranden, erinnern an die Konstellation aus Der Herr der Fliegen und in ihrer ungebremsten Zügellosigkeit auch an die Droogs aus A Clockwork Orange. Das gelegentliche Flackern des schwarz-weißen 16mm-Material lässt Assoziationen an die Abenteuerfilme der frühen Tonfilmära aufkommen und in den kurzen Farbsequenzen könnte auch Mario Bava höchstpersönlich die bunten Lichter gesetzt haben.

Zwar ist es nicht schwer, dem Plot zu folgen, dennoch unterbrechen ständig kurze traumartige, schwer symbolisch aufgeladene Sequenzen den Handlungsfluss, die in ihrem unvermittelten Aufscheinen an die Experimentalfilme Maya Derens und anderer Surrealisten gemahnen. Ein mit Perlen und Edelsteinen geschmückter Totenschädel, Anspielungen auf Oralsex. Fechten die Figuren in The Wild Boys untereinander ihre Hackordnung aus, so geschieht dies in erster Linie über körperliche Kraft, Dominanz, Potenz. Mehrfach sind Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen zu sehen. Tätowierte und ejakulierende Penisse, Früchte, aus deren phallusartigen Fortsätze eine trinkbare Flüssigkeit läuft, haarige essbare Früchte, die Vulven ähneln.

Ein Psychiater würde dem Regisseur möglicherweise irgendeine Sexualobsession bescheinigen. Mandico gibt diese Fixierung an seine Figuren weiter und lässt manche auch daran zugrunde gehen. Oder vielmehr an ihrem eingeschränkten Weltbild, das männlich und weiblich unbedingt und ausschließlich als Gegensatz begreift. Um seinem Publikum vor Augen zu führen, dass es so einfach nicht ist, hat Mandico für eine Nebenrolle die perfekte Besetzung gefunden: Elina Löwensohns Gesicht sieht ein bisschen so aus, als hätte man einfach Haut straff über einen Schädel gespannt. Ihre Katzenaugen haben den Blick einer Femme fatale und wenn nur ihr Mund unter der Krempe ihres weißen Hutes hervorschaut, eine Zigarette zwischen den schmalen Lippen, dann könnte er auch zu einem Mann gehören.

Kaum jemand außerhalb des härteren Kerns der Festivalszene hatte The Wild Boys Ende des vergangenen Jahres so recht auf dem Schirm. Umso größer war die Überraschung, als die renommierte französische Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma den Film auf Platz eins ihrer besten Filme des Jahres 2018 wählte. Noch vor den Werken etablierter Größen wie Steven Spielberg oder Paul Thomas Anderson. Ein Film, bei dem man deutlich sieht, dass die Totalen eines Segelschiffs im Sturm mit einem winzigen Modellboot gedreht wurden. Dennoch wirkt The Wild Boys weder billig noch improvisiert. Ganz im Gegenteil: So wie die jungen Männer letztlich dem Kapitän und überhaupt immer einer höher gestellten, mächtigeren Figur folgen, so sind auch die Mittel des Films in all ihrer Exzentrik und Wildheit immer ganz in der Hand der übergeordneten Macht des Regisseurs.

The Wild Boys (2017)

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begehen fünf Jungs aus gutem Hause, die dem Okkulten huldigen, ein scheußliches Verbrechen. Daraufhin werden sie einem alten Kapitän anvertraut, der ihnen auf seinem Kahn mit harter Hand wieder Zucht und Ordnung beibringen soll. Von der Schikane zermürbt und mit den Kräften am Ende proben sie den Aufstand – und stranden auf einer Insel voller bizarrer Gewächse, von der eine mysteriöse Kraft ausgeht. Nach einiger Zeit beginnt ihr Zauber, sie zu verändern…

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