The Whispering Star

The Whispering Star

Eine Filmkritik von Patrick Holzapfel

Pixar 2001/1080

Nach der Fukushima-Katastrophe haben sich im japanischen Kino recht schnell der apokalyptische Katastrophen- und der Endzeitfilm, die seit Godzilla eine große Tradition in Japan haben, als dominierende Genres durchgesetzt. Wenn Sion Sono also in einem Jahr fünf (!) Kinofilme und einen Fernsehfilm abliefert, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er sich auch in diese Genres verirrt. Zumal sich Sono bereits 2012 mit The Land of Hope an Fukushima heranwagte. Allerdings kommt es dann doch überraschend, dass ausgerechnet Sono, das Enfant terrible des japanischen Kinos, dem jederzeit alles zuzutrauen ist, einen äußerst reduzierten, bisweilen kontemplativen Film über die Sehnsucht nach Erinnerung und die Einsamkeit der ausgelöschten Menschheit gemacht hat.
Vieles im Film erinnert an Sonos frühe Werke wie zum Beispiel It's Keiko. Sonos Ehefrau Megumi Kagurazaka liefert in einer minimalistischen Darstellung eine dieser (beinahe) One-Woman-Shows, die man aus dem SciFi-Genre kennt. In einem zu einem Raumschiff umfunktionierten alten Haus fliegt sie durch das Planetensystem, um den wenigen verbliebenen Menschen Pakete zu liefern. Zwar könne man dies bereits per Telepathie erledigen, allerdings würden sich die Menschen mit ihrer Sehnsucht nach Zeit und Raum dieser verweigern. Die Frau im fliegenden, an Up erinnernden Haus ist kein Mensch. Das wird nach einigen Minuten klar, wenn Sono in seiner Exposition gleich einer umgekehrten Matrjoschka eine Ebene nach der anderen entblößt, um die immer größer werdenden Zusammenhänge zu verdeutlichen. Sie wird von Batterien in ihrem Bauch betrieben, die sie hier und da austauscht, und ihre einzige Kommunikation findet mit einem sinnlich auflodernden Computer statt. Im Planetensystem würde es 80% Maschinen und 20% Menschen geben.

Von Anfang an stellt man sich in den streng kadrierten, hart-geschnittenen und äußerst stillen (nicht nur, weil wenig gesprochen wird, sondern auch weil Sono Cuarons Gravity folgt mit der Stille im Weltall) Szenen die Frage nach dem Innenleben dieses Roboters. Die maschinelle Sorgfalt, mit der sie das Raumschiff pflegt und repariert, die Geduld, mit der sie Pakete liefert, wird immer wieder unterbrochen von Blicken, die etwas anderes dahinter vermuten lassen. Insofern könnte man den Film auch mit Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles vergleichen, weil ein ähnliches Eingesperrtsein, eine ähnliche Einsamkeit und Strenge Sonos Film durchziehen. Allerdings hat Sono einen deutlich weicheren und weniger dringlichen Film gedreht. Statt der absoluten Notwendigkeit geht es hier oft mehr um ein Konzept. An manchen Stellen geht das völlig auf, an anderen füllt sich die Leere des Alls nicht immer mit dem angedachten Verlangen nach Menschlichkeit.

Alle Maschinen und Menschen flüstern, weil die Menschen bei lauteren Geräuschen sterben würden. Im Timbre der Stimmen (auch der Maschinen) liegt bereits etwas Menschliches. Man sucht danach im Film. Ein Mann läuft mit einer verformten Dose unter seinem Schuh, weil er das Geräusch mag. Andere fühlen und wollen leben, weil sie sterben müssen. Die Paketbotin beobachtet das mit zunehmender Verunsicherung. Immer wieder blüht eine kurze Hoffnung auf in den Blicken oder einer Szene, die das weiche Schwarz-Weiß des Films kurz in kräftigen Farben (und Geräuschen) auflöst. Als wäre da etwas, als hätte es etwas gegeben. Sono versteckt sich sicher nicht vor dem etwas trendig gewordenen Nostalgie-Gefühl des Kinos. Erinnerung, so sagt er in mehreren überdeutlichen Szenen, ist auch ein Filmstreifen, ein Foto. Wie sehr Sono in das Kino verliebt ist, will er auf keinen Fall verheimlichen. Mit Zitaten von Kubrick bis Star Wars gespickt verliert die leise Sinnlichkeit manchmal ihre Bahnen, auch wenn Sono sie recht souverän wieder zurück manövriert. Und er vergisst eben auch nicht, dass in diesen Bildzitaten bereits eine Erinnerung auf formaler Ebene steckt.

In diese Stimmung der nostalgischen Erinnerung passen auch die Außen-Locations in den vom Tsunami zerstörten Siedlungen. Beeindruckende, erschreckende Bilder einer Welt am Ende. Vielleicht ist das Schwarz-Weiß auch eine Distanz, die diese Fiktion halten muss. Auch wenn die Schönheit des Grauens immer einen verklärten Beigeschmack hat. Wie in Wall-E wecken diese Bilder der Zerstörung eine Erwartung an die Wiedergeburt/Reparatur. The Whispering Star erreicht seine größten Augenblicke, wenn er die Diskrepanz des Zeitempfindens und die damit verbundene Leere spürbar macht. So ist die Gleichheit der Funktionalität zwar eine Ewigkeit und Unsterblichkeit, aber in diesen gibt es nicht das Feuer der Sterblichkeit. Sono zeigt häufig Wiederholungen, die von einer Monotonie erzählen. Die Paketbotin versucht sich Einbrüchen (Vandalismus an ihrem Raumschiff, Falter, die sich unter der Lampe verirren) zu erwehren, aber letztlich erwacht in ihr ein Bedürfnis nach Menschlichkeit.

Die Ruhe, mit der Sono diese großen emotionalen Dramen des Menschseins aufarbeitet, ist beeindruckend. In der Stille will man Lärm, in der Wiederholung will man Abwechslung, in der Farblosigkeit will man Farbe und so weiter. Dieses System mag ein wenig billig erscheinen, aber letztlich erreicht es ein Gefühl durch Abwesenheit. Dabei vermag Sono all diese Emotionen, die in ein fulminantes Schattenspiel der Menschlichkeit münden, mit visuellen Mitteln zu erfassen. Ein Film, der flüstert und dabei laut spricht.

The Whispering Star

Nach der Fukushima-Katastrophe haben sich im japanischen Kino recht schnell der apokalyptische Katastrophen- und der Endzeitfilm, die seit "Godzilla" eine große Tradition in Japan haben, als dominierende Genres durchgesetzt. Wenn Sion Sono also in einem Jahr fünf (!) Kinofilme und einen Fernsehfilm abliefert, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er sich auch in diese Genres verirrt. Zumal sich Sono bereits 2012 mit "The Land of Hope" an Fukushima heranwagte.
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